Erweiterte Funktionen

Marktanalyse: Angstprämie bedroht Bond-Rally


25.02.20 13:00
Unigestion

Genf (www.anleihencheck.de) - In der heutigen Welt der Hyperinformation ist es für Anleger besonders schwierig, zwischen Rauschen und Fundamentaldaten zu unterscheiden, so die Experten von Unigestion.

Die Marktstimmung, die in Echtzeit von Schlagzeilen und Tweets angefacht werde, könne die fundamentalen Makrodaten durchaus dominieren. Die Experten wollten die Auswirkungen des Coronavirus auf die Weltwirtschaft und das Leben der Betroffenen in keiner Weise beschönigen, aber sie würden im Moment noch glauben, dass der Einfluss des Virus eher von kurzer Dauer sein werde und mit Blick über die nächsten Wochen hinaus eher keine grundlegende Veränderung darstellen werde. Vor diesem Hintergrund drohe den Staatsanleihen, die sich aufgrund der Virus-Angst stark erholt hätten, nun Gegenwind am Horizont.

Achte man nur auf die Schlagzeilen, um dem Coronavirus folgen, so sei die Verwirrung vorprogrammiert. Denn nur dramatische Storys würden mehr Leser und damit mehr Einnahmen generieren. Die Experten würden stattdessen die Ausbreitung des Virus anhand von Daten des Zentrums für Systemwissenschaft und -technik der Johns Hopkins University verfolgen und dabei besonders auf die tägliche Wachstumsrate der bestätigten Fälle achten. Obwohl die Daten natürlich revidiert werden könnten, würden sie eine deutliche Verlangsamung der Verbreitung des Virus in China zeigen: In den letzten sieben Tagen hätten die bestätigten Fälle im Durchschnitt um weniger als 2% zugenommen.

Der Anstieg der bestätigten Fälle am 13. Februar (34% Tag für Tag) sei etwas mehr als zwei Wochen nach dem vorherigen signifikanten Anstieg der bestätigten Fälle am 27. Januar (63% Tag für Tag) gekommen, was der Inkubationszeit des Virus entspreche. Daher wäre es nicht überraschend, wenn es in etwa einer Woche zu einem weiteren starken Anstieg komme, und die Experten würden genau beobachten, ob er unter der Rate vom 13. Februar liege.

Außerhalb Chinas nehme die Zahl der bestätigten Fälle zu, was zu einem erneuten Anstieg der Risk-Off Stimmung führe. Allerdings sei es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass diese Zahlen derzeit noch niedrig seien, dass über das Virus heute mehr bekannt sei als zu seiner Zeit in China, und dass die Länder, die am meisten betroffen seien (Japan, Südkorea und Singapur), über gut entwickelte Gesundheitssysteme verfügen würden. Dennoch würden die Experten die Ausbreitung des Virus außerhalb Chinas genau verfolgen, insbesondere in Ländern mit hoher Bevölkerungsdichte und weniger entwickelten Gesundheitssystemen.

Es sei derzeit schwierig, die Auswirkungen des Virus auf das Wirtschaftswachstum zu messen. Zwar gebe es keine alarmierenden Schlagzeilen über Unterbrechungen in der Lieferkette, während chinesische Fabriken teilweise wieder öffnen würden, aber der Rückgang der US-PMIs am vergangenen Freitag sei besorgniserregend. Unser Growth-Nowcaster zeigt noch keine großen Auswirkungen des Virus auf das chinesische oder globale Wachstum, sollte dies jedoch tun, wenn der Virus weiter besteht und das Wachstum spürbar nachzulassen beginnt, so die Experten von Unigestion.

Die chinesische Notenbank PBOC habe und werde auch weiterhin eine expansive Geldpolitik verfolgen, um dem von China ausgehenden Nachfragerückgang entgegenzuwirken. Im weiteren Sinne sei die globale Geldpolitik auf eine Lockerung ausgerichtet, was das Wachstum unterstützen werde, falls das Virus fortbestehe und sich in eine Rezessionsgefahr verwandele.

Aktien- und Anleiheanleger scheinen die Auswirkungen des Virus sehr unterschiedlich einzuschätzen: Trotz eines Anstiegs der realisierten Volatilität haben die Aktienmärkte (insbesondere in den Industrieländern) in den letzten Wochen neue Höchststände erreicht, so die Experten von Unigestion. Der VIX-Index sei Ende letzter Woche über 17 gestiegen, liege jedoch deutlich unter dem Niveau von August 2019 inmitten des Handelskrieges zwischen den USA und China (24,6) oder Ende Dezember 2018, als die Märkte von Rezessionsängsten erfasst worden seien (36). Die impliziten Gewinnwachstumsraten für Aktien würden auch für den MSCI EM-Index stark positiv bleiben (etwa 5% im nächsten Jahr). Die Sicht des Aktienmarktes scheine klar: Coronavirus sei ein Risiko, sollte aber das günstige Umfeld für Unternehmensgewinne und Aktienkurse nicht beeinträchtigen.

Gleichzeitig seien die Anleiherenditen gesunken, wobei die 10-Jahres-Rendite der USA auf 1,47% und die 30-Jahres Rendite auf ein historisches Tief von 1,91% gesunken sei. Ausschlaggebend dafür seien die realen Renditen gewesen. Die 10-Jahres Rendite sei um 40 Basispunkte niedriger als vor der Bekanntgabe des Virus, davon 25 Basispunkte aus den realen Renditen, die jetzt negativ seien.

Die 5-Jahres-Rendite sei um 34 Basispunkte gesunken, wobei die entsprechende 5-Jahres-Rendite um 28 Basispunkte auf -0,3% gefallen sei. Am kurzen Ende der US-Zinskurve seien jetzt zwei Senkungen für 2020 eingepreist. Während die Renditekurve noch etwa 12 Basispunkte von einer Inversion entfernt sei (auf Basis der 10 minus 2-Jahres-Renditen), würden die Anleiheanleger ein klares Signal geben, dass das Virus einen bedeutenden, nicht vorübergehenden negativen Einfluss auf das Wachstum haben werde.

Aus unserer Sicht scheinen Anleihen derzeit einem höheren Risiko ausgesetzt zu sein als Aktien, so die Experten von Unigestion. Der Fokus auf das Virus habe die Aufmerksamkeit von den relativ positiven Wachstumsdaten, die die Experten in den letzten Wochen gesehen hätten, abgelenkt, da die Anleger nun auf die nächste schlechte Nachricht warten würden. Die Bewertung der wirtschaftlichen Auswirkungen des Virus habe sich auch weitgehend auf den Nachfrageschock und weniger auf den potenziellen Inflationsdruck aufgrund niedriger Lagerbestände und reduzierter Kapazitäten konzentriert (obwohl der Rückgang der Ölpreise ein großer Ausgleichsfaktor für die Inflation sei).

Zwar habe sich die Neuausrichtung der Portfolios nach der Aktien-Rally von 2019 positiv auf die Zuflüsse von Anleihen dieses Jahr ausgewirkt, doch die Renditen seien genau der Entwicklung des Virus gefolgt. Daher würden die Experten glauben, dass die Anleihenrally eher durch Angst als durch eine Veränderung der zugrunde liegenden Fundamentaldaten angetrieben werde und sich daher wahrscheinlich abrupt umkehren werde, wenn sich diese Ängste auflösen würden. (25.02.2020/alc/a/a)