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Langeweile an der Zinsfront ist das, was Europa braucht


29.10.25 10:30
Leverage Shares

Dublin (www.anleihencheck.de) - Die Inflation in der Eurozone nähert sich endlich dem Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) an und gibt den Entscheidungsträgern den Spielraum, den sie nach einem intensiven zweijährigen Kampf gegen den Preisdruck gesucht haben, so Violeta Todorova, Senior Research Analyst bei Leverage Shares.

Die Gesamtinflation habe im September bei 2,2 Prozent gelegen, während die Kerninflation ohne die volatilen Komponenten Lebensmittel und Energie bei 2,3 Prozent stabil geblieben sei, was einen weiteren Fortschritt im Deinflationstrend der Region markiere. Mit einer erwarteten Stabilisierung der Preisentwicklung bei 2,1 Prozent im Jahr 2025 und einem Rückgang auf 1,7 Prozent im Jahr 2026 scheine die EZB bereit, den Fokus von der Eindämmung der Inflation auf die Aufrechterhaltung der Stabilität zu verlagern.

Diese Übergangsphase werde voraussichtlich bei der Sitzung am Donnerstag klarer werden, bei der weitgehend erwartet werde, die Zinsen zum dritten Mal in Folge unverändert zu lassen. Nach acht Senkungen seit Mitte 2024 liege der Einlagensatz nun bei 2 Prozent. Dieser Wert gelte allgemein als neutral, weder restriktiv noch stimulierend. Die Märkte hätten eine verlängerte Pause fast vollständig eingepreist, wobei die nächste mögliche Anpassung erst Ende 2025 oder sogar 2026 erfolgen könne. Für den Moment scheine die EZB zufrieden, dass die aktuelle Politik eine solide Grundlage für Wachstum biete, während die Preisstabilität gewahrt bleibe.

Chefökonom Philip Lane habe kürzlich die vorsichtige Haltung der EZB bekräftigt und betont, dass der EZB-Rat "keine Vorfestlegung auf einen bestimmten Zinsverlauf" treffe. Seiner Ansicht nach hätten sich die Finanzbedingungen "merklich weniger restriktiv" entwickelt, unterstützt durch niedrigere Kurzfristzinsen und festere Aktienbewertungen, obwohl die jüngste Stärke des Euros diese positiven Effekte teilweise ausgeglichen habe. Der Ton der Bank signalisiere eine Vorliebe für Geduld, wobei die Entscheidungsträger die verzögerten Effekte früherer Senkungen abwarten wollten, bevor weitere Anpassungen in Betracht gezogen werden.

Während die Swap-Märkte andeuteten, dass der Lockerungszyklus im Wesentlichen abgeschlossen sei, blieben einige moderate Senkungen möglich, falls die Inflation unter den Erwartungen liege oder das Wachstum nachlasse. Umgekehrt könne eine schneller als erwartete Erholung oder eine neue Runde von Zöllen die EZB zu einer Überprüfung ihrer Haltung veranlassen. Derzeit erschienen solche Szenarien jedoch fern. Das Basisszenario sehe vor, dass die EZB bei ihrer Sitzung am 30. Oktober die Zinsen unverändert lasse, wobei die Eurozone einen seltenen Moment des Gleichgewichts zwischen Wachstum und Inflation genieße.

Kurz gesagt: Die Oktober-Sitzung der EZB werde die Botschaft verstärken, dass Europa seinen monetären Sweet Spot erreicht habe – Inflation unter Kontrolle, Leitzins neutral und kein unmittelbarer Grund für Bewegungen in eine Richtung. Die Sitzung möge kein Feuerwerk bieten, aber nach Jahren krisengetriebener Politik könne "Langeweile" genau das sein, was Europa brauche. (29.10.2025/alc/a/a)