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Kapitalmarktkommentar: Große Bandbreite an Szenarien


04.03.22 12:00
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Während unser Ausblick auf die Aktienmärkte bislang durchaus positiv geprägt war, waren wir bei Anleihen auf Vorsicht ausgerichtet, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen KAG.

Fundament dieser Einschätzung sei einerseits ein konstruktives Bild für Wirtschaft und Unternehmen sowie andererseits ein erwartetes Nachlassen des Inflationsdrucks im Jahresverlauf gewesen. Die Entwicklungen der letzten Tage würden diese Annahmen nun in Frage stellen und müssten einer Neubewertung unterzogen werden. Kurzfristig würden darüber hinaus die Unwägbarkeiten überwiegen, was eine zurückhaltendere Positionierung nahelege. Insofern würden die Experten den Rückzug antreten und Aktien und Anleihen auf neutral stellen.

Der Ausblick sei zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen äußerst unklar, die Bandbreite möglicher Szenarien groß. Vor einer Neuorientierung müssten die Experten daher einerseits den weiteren Verlauf in Osteuropa beobachten und andererseits, was wesentlich wichtiger sei, die Analyse der Auswirkungen auf die Weltwirtschaft bewerten. Der starke Anstieg der Energiepreise werde dämpfende Effekte auf das Wachstum haben und gleichzeitig die Inflationsangst anheizen. Damit stünden die Notenbanken vor der schwierigen Aufgabe, zwischen Wachstum und Inflation abzuwägen. Die diesbezüglichen Entscheidungen seien wiederum richtungsweisend für die Finanzmärkte. Die nächsten Wochen würden vermutlich etwas mehr Klarheit und belastbare Informationen für gut begründete Entscheidungen bringen.

Staatsanleiherenditen würden sich - trotz des Angriffs Russlands auf die Ukraine und des damit verbundenen geopolitischen Krisenszenarios - weiterhin auf vergleichsweise hohen Niveaus befinden. Der inflationäre Druck dürfte wegen des derzeit neu entstehenden geopolitischen Gefüges hoch bleiben. Vor allem die US-Notenbank werde daher ihren Zinsanhebungspfad vermutlich nicht verlassen.

Unternehmensanleihen seien zuletzt mit kräftigen Anstiegen ihrer Risikoprämien konfrontiert gewesen. Klassische Fundamentaldaten (Unternehmensdaten, Konjunkturdaten etc.) seien hinter den fundamentalsten Faktor überhaupt gerückt: Krieg in Europa. Trotz allem: An den Zinsmärkten werde in den entwickelten Ländern keine unmittelbare Rezession gepreist und neben den geopolitischen Unwägbarkeiten würden die Notenbanken nun abermals in den Fokus der Investoren rücken.

Nach moderaten Anstiegen der Risikoprämien bei Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen hätten die Experten diese Anleiheklasse bislang positiv bewertet. Die abrupte und unerwartete geopolitische Eskalation (Ukraine/Russland) habe starke Verluste bei russischen Anleihen mit sich gebracht. Hinzu würden Sanktionen kommen, die die Handelbarkeit dieser Wertpapiere massiv einschränke. Komme es zu keiner weiteren signifikanten Eskalation, könnten Schwellenländer-Hartwährungsanleihen auf mittlere bis längere Sicht bereits attraktiv gepreist sein.

Die Entwicklung an den europäischen Aktienmärkten sei aktuell natürlich stark vom Krieg in der Ukraine geprägt. Gleichzeitig falle die (negative) Reaktion an den globalen Märkten (z.B. US-Aktien oder etwa auch japanische Aktien) bis jetzt überraschend moderat aus. Einerseits seien die direkten Auswirkungen beschränkt, und anderseits scheine auch eine gewisse Hoffnung der Investoren zu bestehen, dass damit der Zinsanhebungspfad doch verzögert bzw. schwächer ausfallen werde.

Der Februar habe auch bei Schwellenländer-Aktien ganz im Zeichen der Eskalation in Osteuropa gestanden. Besonders brisant sei hierbei, dass russische Aktien ein Bestandteil der Assetklasse seien, wenngleich mit weitaus weniger Bedeutung als vor vielen Jahren. Dies sei auch daran ersichtlich, dass obwohl russische Aktien ins Bodenlose gefallen seien, der breite Emerging-Markets-Index erstaunlich wenig getroffen worden sei. Die Sanktionen hätten ein nie gesehenes Ausmaß erreicht und etablierte Indexanbieter würden bereits davon sprechen, Russland aus Aktienindices auszuschließen.

Die Rohstoffmärkte würden aktuell ihrer Rolle als "Versicherung gegen geopolitische Krisen" mehr als gerecht. Die deutlichen Preisanstiege würden sich mit der hohen Bedeutung Russlands bei vielen Rohstoffen erklären. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Angebotsbild bereits vor dieser dramatischen Eskalation angespannt gewesen sei. Auf Branchenebene treffe dies insbesondere auf den Energiesektor zu. (04.03.2022/alc/a/a)