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Indien: Die Märkte erwarten eine weitere Zinssenkung im August


12.08.19 09:00
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Indiens Börse gehörte im Juli zu den schwächeren unter den Schwellenländern, so die Experten von Raiffeisen Capital Management (RCM) in ihrem aktuellen "emreport".

Der Index für die größten indischen Aktien habe rund fünf Prozent verloren. Die Aktienkurse kleinerer und mittlerer Unternehmen hätten vielfach um 10% und mehr nachgegeben. Dazu dürften auch einige Elemente im Budgetvorschlag der neuen Regierung beigetragen haben, die zumindest für eine gewisse Verunsicherung an der Börse gesorgt hätten. Ausländische Investoren hätten rund 1,6 Milliarden Dollar aus dem Aktienmarkt abgezogen, dafür seien aber mehr als eine Milliarde Dollar in indische Anleihen geflossen. Letztere hätten kräftig zugelegt - die Renditen seien deutlich gesunken. Die Märkte würden eine weitere Zinssenkung im August erwarten. Es wäre die vierte in Folge. Die Inflationsrate gäbe der Notenbank Spielraum dafür und die Konjunktur könnte tiefere Zinsen sicherlich gut gebrauchen. Denn die Wirtschaftsdaten seien zuletzt fast allesamt schwächer gewesen.

Allein in der Automobilindustrie seien zuletzt rund 200.000 Jobs verloren gegangen und die Branche befürchte den Verlust von bis zu einer Million Arbeitsplätzen. Die einzige wirklich positive jüngere Entwicklung seien verstärkte Regenfälle gewesen, sodass der diesjährige Monsun nicht mehr um die 25% bis 30% hinter dem langjährigen Mittel zurückliege, sondern "nur" noch um rund 10%.

Unterdessen habe die indische Regierung Anfang August die Situation in der Region Kaschmir dramatisch eskaliert, unter anderem mit Luftschlägen auf der pakistanisch kontrollierten Seite der Konfliktlinie. Pakistan habe vom Einsatz verbotener Streubomben und von Angriffen auf zivile Ziele gesprochen und die Weltgemeinschaft um Vermittlung im Konflikt gebeten. Premier Modi habe die seit 70 Jahren verfassungsrechtlich garantierte Teilautonomie des mehrheitlich muslimischen Unionsstaates Jammu und Kaschmir aufgehoben und sich dies im Eiltempo von seiner Parlamentsmehrheit absegnen lassen. Offenbar spiele man in Neu-Delhi mit dem Gedanken, den Bundesstaat in zwei Teile aufzuspalten. Einen erkennbaren Anlass für die militärische Eskalation habe es nicht gegeben.

Es scheine, dass die extrem hindu-nationalistische BJP-Regierung - jetzt von jeglichen Fesseln eines Koalitionspartners befreit - schnellstmöglich Fakten in Kaschmir schaffen wolle. Nicht auszuschließen sei, dass eine gewaltsame Kolonisierung des Gebiets erfolgen könnte, um ein Übergewicht an Hindus zu schaffen. Ganz nebenbei könne man mit der Eskalation in Kaschmir (ähnlich wie schon im Wahlkampf) auch von der insgesamt wenig berauschenden Wirtschaftsbilanz der letzten Jahre und der aktuellen Misere ablenken.

Im Grundsatz überrasche diese Entwicklung eigentlich nicht, angesichts des hindu-chauvinistischen Kurswechsels in Indien seit dem Machtantritt Modis 2014. Dass er jedoch nur wenige Wochen nach seiner Wiederwahl derartig aggressiv vorgehe, habe wohl kaum jemand erwartet. Die Entwicklung habe Schockwellen in der gesamten Region ausgelöst und berge das Potenzial, sich zu einem brandgefährlichen, offenen Konflikt zweier Nuklearmächte auszuwachsen. So gesehen sei die Reaktion am Aktienmarkt und bei der Währung (sie habe nach der Verfassungsänderung sechs Prozent nachgegeben) bislang noch sehr moderat. (Ausgabe August 2019) (12.08.2019/alc/a/a)