Erweiterte Funktionen

Immer weniger Zinssenkungen


08.04.24 10:21
ETHENEA

Munsbach (www.anleihencheck.de) - Moderates Wachstum, sogar leicht über dem Vorjahresniveau wird begleitet von einer Inflation, die sich sowohl über den Vorpandemieständen als auch den avisierten Zielraten einpendelt, so Michael Blümke, CFA, CAIA, Investment Specialist und Senior Portfolio Manager von ETHENEA Independent Investors S.A.

Lockere Finanzpolitik, solide Arbeitsmärkte und geopolitische Herausforderungen würden weiterhin die größten Herausforderungen für einen ansonsten intakten Desinflationspfad darstellen. An unserer globalen Wachstumsprojektion hat sich also nichts geändert, so die Experten von ETHENEA.

Die Zentralbanken in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften würden ihre Politik im Jahr 2024 lockern. Sie seien dennoch bemüht, ihren datenabhängigen Ansatz zu betonen. Angesichts der besser als erwarteten Wirtschaftsdaten und der hartnäckigen Inflation sei mittlerweile die Markterwartung für Zinssenkungen exakt auf die seit Monaten konstanten Veröffentlichungen der Notenbanken zurückgefallen. Vor dem Hintergrund der Vielzahl an stattfindenden Wahlen sei von starker fiskalischer Unterstützung auszugehen. Die Kehrseite seien weiterwachsende Staatsdefizite, die aktuell noch nicht spürbar als Risiko oder Preistreiber für die Zinsen betrachtet würden. Längerfristig würden die Experten von ETHENEA dies jedoch als ein sehr großes und nicht zu vernachlässigendes Problem erachten.

Das US-Wirtschaftswachstum kühle sich gegenüber 2023 zwar ab, setze sich aber in einem guten Tempo fort. Die FED habe sowohl ihre Wachstum- als auch Inflationsprognose für 2024 nach oben korrigiert. Die Schätzung für das BIP-Wachstum im ersten Quartal liege nun bei +2,1% annualisiert. Auch wenn die jüngsten Daten schwächer gewesen seien als zu Beginn des Jahres, werde das Wachstum in den USA weiterhin durch die Nachfrage nach Dienstleistungen und einen gesunden Arbeitsmarkt gestützt. Das Verbrauchervertrauen sei im Februar gesunken, bleibe jedoch auf einem soliden Niveau, was auf den Optimismus hinsichtlich der Inflationsaussichten zurückzuführen sei. Der Arbeitsmarkt normalisiere sich weiter. Die Zahl der Beschäftigten sei im Februar in einem gesunden Tempo angestiegen, jedoch seien die diesbezüglichen Zahlen der vergangenen Monate nach unten korrigiert worden. Die Arbeitslosigkeit sei auf 3,9% gestiegen, während die Stundenlöhne gesunken seien und die Zahl der Kündigungen zurückgegangen sei.

Der Disinflationsprozess komme zum Stillstand: Die Preissteigerungen hätten im Februar den zweiten Monat in Folge die Erwartungen übertroffen. Die Inflationserwartungen hätten leicht zugenommen. Sowohl der Gesamt- als auch der Kernverbraucherpreisindex seien um +0,4% gegenüber dem Vormonat gestiegen, was auf die hartnäckige Inflation im Dienstleistungssektor zurückzuführen sei. Bei den Produzentenpreisen sei eine vergleichbare Entwicklung zu beobachten. Exakt aus diesen Gründen sei die FED mit dem Beginn des Zinssenkungszyklus auch zögerlich. Eine Zinssenkung im Juni sei nach wie vor die wahrscheinlichste Option. Das solide Wirtschaftswachstum und die sich festigende US-Inflation seien Zeichen dafür, dass die finanziellen Bedingungen wahrscheinlich nicht so restriktiv seien wie angenommen. Die FED könnte ihre Politik tatsächlich früher lockern, als es die Wirtschaftslage rechtfertige, um eine zu große Nähe zu den Präsidentschaftswahlen zu vermeiden. Es bleibe ungewiss, wie niedrig die Zinssätze sein müssten, um das doppelte Mandat der FED nachhaltig zu erfüllen. Gegebenenfalls genüge wie im Jahr 1995 sogar nur ein Zinsschritt. Avisiert würden immer noch drei.

Die Wirtschaftstätigkeit in der Eurozone sei auch im ersten Quartal 2024 schwach geblieben. Die EZB habe ihre Prognose für Wachstum und Inflation nach unten korrigiert: Die Wirtschaftstätigkeit werde 2024 nur noch um 0,6% zunehmen, ihre Inflationsprognose habe sie von 2,7% auf 2,3% gesenkt. Die Experten von ETHENEA würden davon ausgehen, dass das Wachstum in der Eurozone in der ersten Hälfte des Jahres 2024 stagnieren werde. Mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt das Schlimmste aber bereits hinter uns, so die Experten von ETHENEA. Angesichts der sinkenden Inflation, der soliden fiskalischen Unterstützung und der geldpolitischen Lockerung könnte das BIP in der zweiten Jahreshälfte sogar mehr zulegen als aktuell erwartet.

Die Einkaufsmanagerindices hätten sich erneut verbessert. Der Gesamtindex notiere das erste Mal seit Mai 2023 wieder über der Marke von 50, was auf eine Verbesserung der makroökonomischen Bedingungen hindeute. Der Arbeitsmarkt bleibe unverändert robust und aufgrund der niedrigen Arbeitslosigkeit und steigender Reallöhne würden die Experten von ETHENEA von zunehmender Unterstützung durch den Konsum in den kommenden Monaten ausgehen.

Der Disinflationstrend sei ungebrochen, aber die letzte Meile zur Rückführung der Inflation sei bekanntermaßen die schwierigste. Starke Lohnsteigerungen und niedrige Produktivität würden bedeuten, dass die Lohnstückkosten steigen würden, was Fortschritte bei der Inflationsbekämpfung verzögere. Die Inflation scheine sich oberhalb des EZB-Ziels zu stabilisieren. Dennoch würden angesichts des stagnierenden Wirtschaftswachstums die Rufe nach einer baldigen Zinssenkung immer lauter. Die Experten von ETHENEA würden weiterhin von einer ersten Zinssenkung im Juni ausgehen, könnten aber aufgrund der schwachen Konjunktur und der runterkorrigierten Wachstums- und Inflationsprognosen eine Zinssenkung der EZB bereits im Frühjahr und noch vor der FED nicht ausschließen.

Im März habe der Nationale Volkskongress die Prioritäten und Ziele Chinas für 2024 festgelegt. Das angestrebte Wirtschaftswachstum von 5% sei angesichts des Basiseffekts ehrgeiziger als im abgelaufenen Jahr. Mit etwa 3,9% des BIP werde ein ähnlich hohes Haushaltsdefizit wie 2023 angestrebt. Das Inflationsziel liege bei 3%. Während die Fiskalpolitik sehr expansiv bleiben werde, gebe es für eine Lockerung der Geldpolitik noch reichlich Spielraum. Noch sei die Gesamtinflation mit den im Februar veröffentlichten 0,7% zwar über den Erwartungen, jedoch unter der avisierten Zielmarke.

Im ersten Quartal habe sich die Wirtschaft inmitten von Immobilienproblemen erholt. Die Verbrauchernachfrage bleibe dank der Einzelhandelsumsätze die treibende Kraft für die Erholung, insbesondere im Dienstleistungssektor. Mittlerweile sei ein positives Übergreifen der Dienstleistungsnachfrage auf die Nachfrage nach langlebigen Gütern zu erkennen. Unterstützt durch Infrastrukturausgaben, würden sich auch Industrieproduktion und Anlageinvestitionen verbessern. Die Einkaufsmanagerindices würden sich im leicht expansiven Bereich stabilisieren. Die Belastung des Immobiliensektors scheine sich in jüngster Zeit verschärft zu haben. Grundsätzlich sei deshalb festzustellen, dass die politischen Entscheidungsträger die Finanz- und Geldpolitik weiterhin aktiv einsetzen müssten, wenn sie ihr Ziel der Wiederbelebung der Wirtschaftstätigkeit erreichen und ihr Wachstumsziel für 2024 verwirklichen möchten. (Ausgabe 4 vom April 2024) (08.04.2024/alc/a/a)