Erweiterte Funktionen

Griechenland: Verhandlungen auf den letzten Drücker


12.06.15 16:36
MFS Investment Management

Boston (www.anleihencheck.de) - Kann Griechenland gleichzeitig seine Staatsanleihen oder andere Verpflichtungen nicht bedienen, aber trotzdem im Euroraum verbleiben?

Von Erik Weisman, Ph.D., Chief Economist & Fixed Income Portfolio Manager Pilar Gomez-Bravo, CFA, Fixed Income Portfolio Manager Lior Jassur, DBA, Fixed Income Research Analyst:

Vielleicht sei die Nichtzahlung letzte Woche nur formal noch kein Zahlungsausfall gewesen. Der Unterschied sei dennoch wichtig: Bei einer Zahlungsverzögerung dürfte die EZB wohl den sogenannten "Haircut" auf griechische Staatsanleihen anheben. Wahrscheinlich würde sie auch keine zusätzliche Notfallliquidität zur Verfügung stellen, wenn das Land weder seinen Zahlungsverpflichtungen nachkomme, noch an einem Umschuldungsprogramm teilnehme. Das könnte bereits vor einem offiziellen Zahlungsausfall geschehen.

Ob ein Ausfall offiziell festgestellt werde, läge im Ermessen von IWF und EFSF. Nach einer kurzen Schonfrist würde die geschäftsführende IWF-Direktorin Christine Lagarde den Exekutivausschuss offiziell darüber informieren, dass Zahlungen nicht rechtzeitig geleistet worden seien. Der EFSF könne dann den Verzug Griechenlands bei der Rückzahlung der Kredite aus dem zweiten Hilfspaket erklären.

Um kurzfristig die Finanzierungslücke zu schließen und langfristig die Schuldentragfähigkeit zu verbessern, habe Griechenland dem Vernehmen nach drei Vorschläge gemacht: Man solle dem Land die Gewinne überweisen, die die EZB durch den Kauf griechischer Staatsanleihen erzielt habe; die EFSF-Kredite zur Hälfte abschreiben und alle bilateralen Kredite der Euroraumländer aus dem ersten Hilfspaket auf unbestimmte Zeit verlängern. Bis heute habe Griechenland seinen Gläubigern für eine solche Umschuldung kaum neue Reformen in Aussicht gestellt, und es sei auch nicht klar, welche Vorteile sie davon haben sollten.

Wenn diese Gerüchte stimmen würden und falls die Gläubiger den griechischen Vorschlag akzeptiert hätten, würden die Euroraumländer Griechenland in Zukunft nicht mehr mit Krediten aushelfen, sondern subventionieren. Abgeschriebene Kredite des EFSF müssten durch die Länder ausgeglichen werden, die den EFSF tragen würden. Letztlich würde die Staatsverschuldung aller EFSF-Länder steigen, einige würden vielleicht sogar von den Ratingagenturen herabgestuft - für keine Regierung eine verlockende Perspektive.

Aus Sicht der Kreditgeber wie Deutschland seien die Bedingungen für das zweite Hilfspaket mit der Regierung eines souveränen Staates ausgehandelt worden. Beim Rettungspaket 2012 seien als Gegenleistung für Finanzhilfen belastbare Reformen vereinbart worden. Doch dann sei die neue Regierung Tsipras gekommen und habe eine Neuverhandlung insbesondere der drückenden Reformlasten versprochen.

Jetzt würden sich die Gläubiger fragen, ob sich Tsipras und mögliche Nachfolgeregierungen überhaupt an gültige Vereinbarungen gebunden fühlen würden. Deshalb seien die Kreditgeber so wenig kompromissbereit und würden deutlich mehr Reformbereitschaft fordern, bevor sie neues Geld überweisen würden.

Immer häufiger höre man jetzt, dass Griechenland zwar seine Staatsanleihen oder andere Verpflichtungen nicht bedienen, aber trotzdem im Euroraum verbleiben könnte. Schließlich könne kein Land aus dem gemeinsamen Währungsraum ausgeschlossen werden; es müsste freiwillig austreten. Aber dann müsste Griechenland nach den derzeitigen Verträgen auch gleich die EU verlassen. Und das sei das Letzte, was die Griechen wollten. (12.06.2015/alc/a/a)