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Geldpolitik: Whatever it takes 2.0
06.07.22 10:30
ETHENEA
Munsbach (www.anleihencheck.de) - Die Redewendung "Whatever it takes" ist seit der Eurokrise vor rund zehn Jahren zum geflügelten Wort geworden und steht für eine Politik, die bereit ist, alles zu tun, um eine Krise einzudämmen und das Vertrauen in die Wirtschaft zurückzuerlangen, so Dr. Volker Schmidt, Senior Portfolio Manager von ETHENEA Independent Investors S.A.
"Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough" - Mario Draghi: Rede bei der Global Investment Conference in London. Vor rund zehn Jahren, am 26. Juli 2012, habe der damalige Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) und heutige Präsident von Italien jene berühmten Worte gesprochen, welche die Wende in der Eurokrise hätten bringen sollen. Damals hätten südeuropäische Länder wie Griechenland, Italien, Spanien und Portugal massive Refinanzierungsprobleme durch Wechselwirkungen aus anhaltend hohen Leistungsbilanzdefiziten, der Entwicklung der Staatsverschuldung im Vorfeld der Finanzkrise und dem Wegfall von Wechselkursmechanismen durch die Euro-Währungsunion bekommen.
Die Renditen für 10-jährige italienische Staatspapiere seien innerhalb kürzester Zeit auf über 6% geschossen. Erst das beherzte Eingreifen von Politik und Europäischer Zentralbank - im Zentrum dessen im September 2012 die Ankündigung von EZB-Chef Mario Draghi gestanden habe, in unbegrenztem Umfang Staatsanleihen von EU-Staaten aufzukaufen - habe die massive Renditeausweitung der Papiere südlicher Staaten eindämmen und die Wirtschaft im Euroraum stabilisieren können.
Seitdem habe sich die Redewendung "Whatever it takes" (zu Deutsch etwa "Was auch immer notwendig ist") zum geflügelten Wort gewandelt und stehe für eine Politik, die bereit sei, alles Mögliche zu unternehmen, um etwaige Krisen einzudämmen und das Vertrauen aus Wirtschaft und Bevölkerung zurückzuerlangen. Dass ein solcher Moment nun auch wieder dringend notwendig sei, würden die aktuellen Inflationszahlen zeigen: 7,9% Preissteigerung in Deutschland im Juni, für das Gesamtjahr 2022 würden Ökonomen mit einer durchschnittlichen Inflation von 6,8% im Euroraum und im Jahr 2023 durch Basiseffekte mit einer sich abkühlenden, aber weiterhin hohen Inflationsentwicklung rechnen. Wie aus der Zeit gefallen würden da die Worte von EZB-Direktorin Isabel Schnabel wirken, welche sich noch im November 2021 zu der Aussage habe verleiten lassen, dass es keine Hinweise darauf gebe, dass die Inflation außer Kontrolle gerate und der Höhepunkt der Inflationsentwicklung wohl erreicht sei. 2022 könnte die Inflation sogar wieder unter das Inflationsziel von 2% fallen, so ihre Aussage damals.
Selbstverständlich seien Prognosen in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation schwierig. Die Kombination aus Ukraine-Krise, Corona-Maßnahmen und Lieferkettenengpässe stelle einen kaum prognostizierbaren Cocktail aus sich ständig verändernden Variablen dar und der Wunsch, die zaghafte wirtschaftliche Erholung im Euroraum nach der Coronakrise nicht gleich wieder abzuwürgen, sei nur allzu verständlich. Nichtsdestotrotz, Leitzinsen von -0,5% seien in breiten Teilen der Bevölkerung vor dem Hintergrund der aktuellen Inflationsentwicklung nicht mehr vermittelbar und würden im schlimmsten Fall zu einem erheblichen Vertrauensverlust und gesellschaftlicher Spaltung führen. Prognosefehler seien menschlich, niemand verfüge über eine Glaskugel, mit der die weiteren Entwicklungen punktgenau vorhergesagt werden könnten. Umso wichtiger sei es, sich Fehler einzugestehen und sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Dazu gehöre auch, klare geldpolitische Kante zu zeigen und das Mandat der Preisniveaustabilität wieder ernst zu nehmen.
Dass es auch anders gehe, habe jüngst die schweizerische Nationalbank (SNB) gezeigt. Diese habe am vergangenen Donnerstag überraschend den Leitzins um 0,5% auf -0,25% angehoben. Damit hätten die Währungshüter auf eine Inflationsrate reagiert, die im Mai zwar ein Vierzehnjahreshoch erreicht habe, mit 2,9% aber deutlich geringer ausfalle im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern.
Die überraschende Leitzinserhöhung sei nicht nur als Antwort auf die geldpolitische Wende aus den USA zu verstehen. Die Schweizer Notenbanker kämen mit diesem Schritt auch der Europäischen Zentralbank zuvor, die in der kommenden Juli-Sitzung wohl eine erste Zinserhöhung um 0,25% verkünden werde. Ohne die Zinserhöhung der SNB hätte der Schweizer Franken wohl deutlich abgewertet, was den Inflationsdruck über den Mechanismus höherer Importpreise weiter verstärkt hätte. Um die Position der SNB zusätzlich zu unterstreichen, habe der Präsident der SNB, Thomas Jordan, darauf hingewiesen, dass man auch zukünftig die Devisenmärkte genau im Auge behalten und im Zweifel durch den Verkauf von Staatsanleihen aus dem Euroraum, allen voran von Bundesanleihen, intervenieren werde, um den Schweizer Franken zu stärken.
Dies zeige, die geldpolitische Wende sei längst eingeläutet. Die US-Notenbank habe den Zielkorridor der sogenannten FED Funds Rate zuletzt um 0,75% auf nunmehr 1,50% bis 1,75% angehoben, die Bank of England (BoE) habe trotz wachsender Rezessionssorgen den Leitzins zum fünften Mal in Folge um 0,25% auf 1,25% erhöht und selbst die Schweizer Notenbank habe trotz niedrigen einstelligen Inflationsraten die Zinsen überraschend um 0,5% angehoben. Nur die Europäische Zentralbank wirke wie gelähmt und halte weiter an ihrer Niedrigzinspolitik fest. Dabei werde die EZB ohnehin nicht umhinkommen, einen neuen Kurs einzuschlagen. Dafür sei die Notenbank aus Übersee zu dominant, als dass sich die EZB gegen deren Geldpolitik stelle, eine Abwertung des Euro riskiere und damit schlimmstenfalls die Inflation zusätzlich befeuern würde.
An der Börse werde bekanntlich die Zukunft gehandelt, das gelte für die Anleihemärkte genauso wie für die Aktienmärkte. Als Gradmesser für die Erwartung der Investoren über die Zinsentwicklung hätten sich die Renditen 2-jähriger Staatsanleihen als nützlich erwiesen. Ein Blick in die Historie zeige, dass diese in der Vergangenheit ein zuverlässiger Indikator für den Einlagenzins der Europäischen Zentralbank gewesen seien. Die Staatsanleiherenditen und der Leitzins hätten sich seit März dieses Jahres stark voneinander entkoppelt (Schatzanweisung 0,86%, EZB-Einlagenzins -0,5%). Der Markt nehme hier also mindestens fünf Zinserhöhungen von insgesamt gut 1,25% vorweg.
Die Experten von ETHENEA würden sogar glauben, dass dies nicht ausreichen werde und die Europäische Zentralbank den Leitzins im Laufe des kommenden Jahres deutlich über die Marke von 1,5% in Richtung 2% werde bringen müssen, um einer wie oben skizzierten weiteren Abwertung des Euro entgegenzuwirken. Entsprechend sähen die Experten von ETHENEA hier Potenzial für einen weiteren Anstieg der Kurzfrist-Renditen (fallende Anleihekurse) und hätten sich über den Verkauf von Euro-Zinsfutures in ihren Portfolios (Ethna-AKTIV und Ethna-DEFENSIV) entsprechend positioniert.
Es sei an der Zeit, dass die EZB die Geldpolitik der letzten zehn Jahre für beendet erkläre und beginne, konsequent und glaubhaft Maßnahmen zu ergreifen, um die Inflation einzudämmen. Die wichtigsten Instrumente im Repertoire einer Notenbank würden nämlich nicht Anleihenkäufe oder Leitzinsen lauten, sondern Integrität und Glaubwürdigkeit. Davon habe die EZB in den letzten Jahren viel verspielt, doch noch sei es nicht zu spät, das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zurückzugewinnen. Dafür brauche es eine konsequente geldpolitische Wende, einen "Whatever it takes"-Moment. (Ausgabe 7 vom Juli 2022) (06.07.2022/alc/a/a)
"Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough" - Mario Draghi: Rede bei der Global Investment Conference in London. Vor rund zehn Jahren, am 26. Juli 2012, habe der damalige Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) und heutige Präsident von Italien jene berühmten Worte gesprochen, welche die Wende in der Eurokrise hätten bringen sollen. Damals hätten südeuropäische Länder wie Griechenland, Italien, Spanien und Portugal massive Refinanzierungsprobleme durch Wechselwirkungen aus anhaltend hohen Leistungsbilanzdefiziten, der Entwicklung der Staatsverschuldung im Vorfeld der Finanzkrise und dem Wegfall von Wechselkursmechanismen durch die Euro-Währungsunion bekommen.
Die Renditen für 10-jährige italienische Staatspapiere seien innerhalb kürzester Zeit auf über 6% geschossen. Erst das beherzte Eingreifen von Politik und Europäischer Zentralbank - im Zentrum dessen im September 2012 die Ankündigung von EZB-Chef Mario Draghi gestanden habe, in unbegrenztem Umfang Staatsanleihen von EU-Staaten aufzukaufen - habe die massive Renditeausweitung der Papiere südlicher Staaten eindämmen und die Wirtschaft im Euroraum stabilisieren können.
Seitdem habe sich die Redewendung "Whatever it takes" (zu Deutsch etwa "Was auch immer notwendig ist") zum geflügelten Wort gewandelt und stehe für eine Politik, die bereit sei, alles Mögliche zu unternehmen, um etwaige Krisen einzudämmen und das Vertrauen aus Wirtschaft und Bevölkerung zurückzuerlangen. Dass ein solcher Moment nun auch wieder dringend notwendig sei, würden die aktuellen Inflationszahlen zeigen: 7,9% Preissteigerung in Deutschland im Juni, für das Gesamtjahr 2022 würden Ökonomen mit einer durchschnittlichen Inflation von 6,8% im Euroraum und im Jahr 2023 durch Basiseffekte mit einer sich abkühlenden, aber weiterhin hohen Inflationsentwicklung rechnen. Wie aus der Zeit gefallen würden da die Worte von EZB-Direktorin Isabel Schnabel wirken, welche sich noch im November 2021 zu der Aussage habe verleiten lassen, dass es keine Hinweise darauf gebe, dass die Inflation außer Kontrolle gerate und der Höhepunkt der Inflationsentwicklung wohl erreicht sei. 2022 könnte die Inflation sogar wieder unter das Inflationsziel von 2% fallen, so ihre Aussage damals.
Selbstverständlich seien Prognosen in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation schwierig. Die Kombination aus Ukraine-Krise, Corona-Maßnahmen und Lieferkettenengpässe stelle einen kaum prognostizierbaren Cocktail aus sich ständig verändernden Variablen dar und der Wunsch, die zaghafte wirtschaftliche Erholung im Euroraum nach der Coronakrise nicht gleich wieder abzuwürgen, sei nur allzu verständlich. Nichtsdestotrotz, Leitzinsen von -0,5% seien in breiten Teilen der Bevölkerung vor dem Hintergrund der aktuellen Inflationsentwicklung nicht mehr vermittelbar und würden im schlimmsten Fall zu einem erheblichen Vertrauensverlust und gesellschaftlicher Spaltung führen. Prognosefehler seien menschlich, niemand verfüge über eine Glaskugel, mit der die weiteren Entwicklungen punktgenau vorhergesagt werden könnten. Umso wichtiger sei es, sich Fehler einzugestehen und sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Dazu gehöre auch, klare geldpolitische Kante zu zeigen und das Mandat der Preisniveaustabilität wieder ernst zu nehmen.
Die überraschende Leitzinserhöhung sei nicht nur als Antwort auf die geldpolitische Wende aus den USA zu verstehen. Die Schweizer Notenbanker kämen mit diesem Schritt auch der Europäischen Zentralbank zuvor, die in der kommenden Juli-Sitzung wohl eine erste Zinserhöhung um 0,25% verkünden werde. Ohne die Zinserhöhung der SNB hätte der Schweizer Franken wohl deutlich abgewertet, was den Inflationsdruck über den Mechanismus höherer Importpreise weiter verstärkt hätte. Um die Position der SNB zusätzlich zu unterstreichen, habe der Präsident der SNB, Thomas Jordan, darauf hingewiesen, dass man auch zukünftig die Devisenmärkte genau im Auge behalten und im Zweifel durch den Verkauf von Staatsanleihen aus dem Euroraum, allen voran von Bundesanleihen, intervenieren werde, um den Schweizer Franken zu stärken.
Dies zeige, die geldpolitische Wende sei längst eingeläutet. Die US-Notenbank habe den Zielkorridor der sogenannten FED Funds Rate zuletzt um 0,75% auf nunmehr 1,50% bis 1,75% angehoben, die Bank of England (BoE) habe trotz wachsender Rezessionssorgen den Leitzins zum fünften Mal in Folge um 0,25% auf 1,25% erhöht und selbst die Schweizer Notenbank habe trotz niedrigen einstelligen Inflationsraten die Zinsen überraschend um 0,5% angehoben. Nur die Europäische Zentralbank wirke wie gelähmt und halte weiter an ihrer Niedrigzinspolitik fest. Dabei werde die EZB ohnehin nicht umhinkommen, einen neuen Kurs einzuschlagen. Dafür sei die Notenbank aus Übersee zu dominant, als dass sich die EZB gegen deren Geldpolitik stelle, eine Abwertung des Euro riskiere und damit schlimmstenfalls die Inflation zusätzlich befeuern würde.
An der Börse werde bekanntlich die Zukunft gehandelt, das gelte für die Anleihemärkte genauso wie für die Aktienmärkte. Als Gradmesser für die Erwartung der Investoren über die Zinsentwicklung hätten sich die Renditen 2-jähriger Staatsanleihen als nützlich erwiesen. Ein Blick in die Historie zeige, dass diese in der Vergangenheit ein zuverlässiger Indikator für den Einlagenzins der Europäischen Zentralbank gewesen seien. Die Staatsanleiherenditen und der Leitzins hätten sich seit März dieses Jahres stark voneinander entkoppelt (Schatzanweisung 0,86%, EZB-Einlagenzins -0,5%). Der Markt nehme hier also mindestens fünf Zinserhöhungen von insgesamt gut 1,25% vorweg.
Die Experten von ETHENEA würden sogar glauben, dass dies nicht ausreichen werde und die Europäische Zentralbank den Leitzins im Laufe des kommenden Jahres deutlich über die Marke von 1,5% in Richtung 2% werde bringen müssen, um einer wie oben skizzierten weiteren Abwertung des Euro entgegenzuwirken. Entsprechend sähen die Experten von ETHENEA hier Potenzial für einen weiteren Anstieg der Kurzfrist-Renditen (fallende Anleihekurse) und hätten sich über den Verkauf von Euro-Zinsfutures in ihren Portfolios (Ethna-AKTIV und Ethna-DEFENSIV) entsprechend positioniert.
Es sei an der Zeit, dass die EZB die Geldpolitik der letzten zehn Jahre für beendet erkläre und beginne, konsequent und glaubhaft Maßnahmen zu ergreifen, um die Inflation einzudämmen. Die wichtigsten Instrumente im Repertoire einer Notenbank würden nämlich nicht Anleihenkäufe oder Leitzinsen lauten, sondern Integrität und Glaubwürdigkeit. Davon habe die EZB in den letzten Jahren viel verspielt, doch noch sei es nicht zu spät, das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zurückzugewinnen. Dafür brauche es eine konsequente geldpolitische Wende, einen "Whatever it takes"-Moment. (Ausgabe 7 vom Juli 2022) (06.07.2022/alc/a/a)


