Erweiterte Funktionen

Finanzmärkte werden auf die Probe gestellt


03.05.24 09:45
Swisscanto

Zürich (www.anleihencheck.de) - Die US-Notenbank FED lässt sich mit dem Beginn der Zinssenkungsphase Zeit, was zu einer weiteren Stärkung des US-Dollar und einer weltweiten Verschärfung der Finanzierungsbedingungen geführt hat, so die Experten von Swisscanto.

Diese Konstellation sorge auch ohne geopolitische Spannungen im Nahen Osten für erhöhte Volatilität an den Finanzmärkten. Bisher habe das unerwartet gute Wirtschaftswachstum dafür gesorgt, dass die Aktienmärkte die restriktive Geldpolitik gut hätten verdauen können. Im aktuellen Umfeld mit hartnäckiger Inflation sei das Wachstum umso wichtiger. Denn wenn die Wachstumsdynamik vor der Inflation nachlasse, würden sich die Anleger auf ein Stagflationsszenario einstellen.

Einen kleinen Vorgeschmack darauf habe die Reaktion der Finanzmärkte auf das schwächer als erwartet ausgefallene US-BIP-Wachstum im ersten Quartal 2024 geliefert. Für einmal seien schlechte Konjunkturnachrichten nicht als gute Nachrichten wahrgenommen worden. Aktien- und Anleihenmärkte hätten nachgegeben.

Die Korrektur an den Märkten im April würden die Experten als Konsolidierung und nicht als Wiederholung der Marktentwicklung 2022 werten. Die Finanzmärkte hätten sich nach der Ankündigung des US-BIP beruhigt, obwohl die Inflationszahlen für März die erhöhte US-Inflation bestätigt hätten. Zudem seien die US-BIP-Zahlen ein Blick in den Rückspiegel gewesen. Die konjunkturellen Frühindikatoren hätten sich zuletzt wieder verbessert und würden auf eine höhere Wirtschaftsaktivität in den kommenden Monaten hindeuten.

Bei anhaltend robustem Wachstum würden sich die Aktienmärkte weiterhin positiv entwickeln, allerdings langsamer und volatiler. Die Anleihenmärkte - insbesondere in den USA - seien mittelfristig attraktiv bewertet. Kurzfristig seien sie einer erhöhten Inflationsvolatilität ausgesetzt. Auch wenn die Notenbanken deshalb zögern würden, die Zinsnormalisierung einzuleiten, solange die Konjunktur halte und solange der nächste Zinsschritt der Notenbanken - insbesondere der FED - eine Zinssenkung und keine Zinserhöhung sein werde, bleibe das Umfeld für Anleger konstruktiv.

Die US-Inflation, die im März bereits zum vierten Mal in Folge höher als erwartet ausgefallen sei, lasse baldige Zinssenkungen der US-Notenbank immer unwahrscheinlicher aussehen. Der FED-Vorsitzende Jerome Powell habe in einer Rede betont, dass ihm die jüngsten Daten keine größere Zuversicht für Zinssenkungen vermittelt hätten. Die Notenbank müsse so lange auf eine restriktive Geldpolitik setzen, wie es nötig sei, um die weiterhin erhöhte Inflation zu bekämpfen. Die Experten würden deshalb nur noch mit zwei Zinssenkungen in diesem Jahr rechnen.

Am Terminmarkt seien bis Ende 2024 nicht einmal mehr zwei Zinssenkungen eingepreist. Das US-Leitzinsniveau solle gemäß Terminmarkt per Dezember 2024 immer noch 5% betragen. Die geldpolitische Neubewertung in den USA habe die Renditen der Staatsanleihen ansteigen lassen und die Anleihenkurse belastet. Die Verzögerung der Zinssenkungen dürfte sich bremsend auf die Konjunktur auswirken und die langfristigen Inflationsrisiken reduzieren.

Die Finanzmärkte würden aktuell von keinem Leitzinssenkungspfad ausgehen, der den Abbau der restriktiven Geldpolitik auf ein neutrales Niveau impliziere. In diesem Kontext würden für die Experten die langfristigen Realrenditen auf zu hohem Niveau notieren. Sobald die Zinserwartungen voraussichtlich im zweiten Halbjahr sinken würden, würden sie auch einen Rückgang der längerfristigen Renditen erwarten, wie es schon in den Jahren 2007 und 2019 der Fall gewesen sei.

Nachdem die überraschend hohen Inflationszahlen in den USA zu einer Neubewertung der Aussichten für die Geldpolitik weltweit geführt hätten, würden die Finanzmarktteilnehmer in diesem Jahr mit weniger und langsameren Zinssenkungen im Euroraum und im Vereinigten Königreich rechnen. Die Geldmärkte würden in diesem Jahr noch drei Senkungen der Europäischen Zentralbank implizieren. Im Fall der Bank of England würden die Anleger in diesem Jahr mit weniger als zwei Zinssenkungen à 0,25% kalkulieren. In Großbritannien sehe man einen deutlich stärkeren Inflationsrückgang als in den USA. Falls die britischen Inflationsdaten für April diese Tendenz bestätigen würden, dürften die Finanzmärkte wieder mehr Zinssenkungspotenzial erkennen und eine positivere Einschätzung zu britischen Staatsanleihen einnehmen.

Auch am Devisenmarkt würden die Notenbanken mit Argusaugen beobachtet. Hier seien in den ersten vier Monaten des neuen Jahres fast ausschließlich die Markterwartungen für die Geldpolitik der Notenbanken maßgebend für die Wechselkursveränderungen unter den großen Industrieländerwährungen gewesen. In dieses Bild passe, dass der australische Dollar Ende April am stärksten abgeschnitten habe, da aufgrund hoher Inflationszahlen die Zinssenkungserwartungen für die australische Notenbank vollständig ausgepreist worden seien. Hingegen sei der Schweizer Franken unter Abgabedruck geblieben.

Die Inflation in der Schweiz habe im März erneut nach unten überrascht. Die Jahresteuerung sei von 1,2% im Februar auf nunmehr 1,0% im letzten Monat gefallen. Diese lasse eine weitere Zinssenkung der Schweizerischen Nationalbank wahrscheinlicher erscheinen. Unter anderem aufgrund der seit Anfang Jahr erfolgten Abschwächung des Frankens würden die Experten die Markterwartungen für zwei weitere Zinssenkungen bis Ende Jahr aber nach wie vor für zu hoch halten.

Der MSCI Welt habe im ersten Quartal stärker zugelegt, als historisch durchschnittlich für ein ganzes Jahr zu erwarten sei. Insofern sei eine Verschnaufpause überfällig gewesen. Dafür, dass es sich nicht um mehr als eine Konsolidierung handele, spreche die robuste Verfassung der globalen Konjunktur: Für die USA würden die Experten zwar einen Rückgang der Wachstumsraten erwarten, aber von einer Schrumpfung sei die Wirtschaft noch weit entfernt. In Europa würden sie sogar von einer leichten Erholung ausgehen.

Angesichts dessen sollten sich auch die Unternehmensgewinne robust entwickeln. Der bisherige Verlauf der Berichtssaison für das erste Quartal bestätige diese Einschätzung. Die positiven Überraschungen überwögen deutlich und die Ausblicke würden nicht auf erhöhten Pessimismus schließen lassen, sodass die Finanzanalysten ihre Gewinnerwartungen sogar weiter nach oben schrauben würden. Der veränderte geldpolitische Ausblick für die US-Notenbank lasse allerdings die Bewertung einiger Märkte sportlicher als bisher erscheinen.

In der vorherigen Ausgabe hätten die Experten geschrieben, dass US-Aktien trotz ihrer relativ hohen Bewertung aus fundamentaler Sicht nach wie vor attraktiv seien. Mit den erneut überraschend starken Inflationszahlen und ihrem angepassten Ausblick für den US-Leitzinspfad, rücke ihre Bewertung jedoch wieder näher in den Fokus der Investoren. Dies verstärke sich dadurch, dass ihre geldpolitischen Erwartungen für die europäischen Zentralbanken weitgehend unverändert geblieben seien. Sie würden zwar nach wie vor von einem Rückgang der globalen Inflationsraten ausgehen, aber seine Geschwindigkeit dürfte sich unter anderem auch wegen der wieder gestiegenen Rohstoffpreise verlangsamen.

Hinzu komme für den US-Markt, dass die enormen Gewinnsteigerungen der Indexschwergewichte ab dem laufenden Quartal deutlich abnehmen würden. Die Experten würden deshalb mit einem langsamen Bewertungsrückgang rechnen.

Der japanische Markt sei zwar bei Weitem nicht so hoch bewertet wie der in den USA. Allerdings hätten die Besserungen bezüglich der Unternehmensführung (Corporate Governance) sowie die Abwertung des japanischen Yen die Gewinnwachstumserwartungen und damit das Kurs-Gewinn- oder das Kurs-Buchwert-Verhältnis deutlich ansteigen lassen. Mittlerweile sei die Yen-Schwäche allerdings auf der Tagesordnung der Regierung und der Bank of Japan angekommen. Die verbalen Interventionen hätten zugenommen. Die Experten würden neu zwei Zinserhöhungen und in deren Folge eine Stabilisierung des Yen erwarten. Dies dürfte zu einer Anpassung der hohen Gewinnerwartungen führen. Insofern würden sie mit einer vorübergehenden Bewertungskonsolidierung rechnen.

Mehr Potenzial würden die Experten in Europa sehen. Das Wirtschaftswachstum sei zwar niedriger als in den USA, aber die Indikatoren würden auf eine leichte Beschleunigung deuten. Der Zinssenkungszyklus dürfte sowohl in der Eurozone als auch in Großbritannien früher eingeleitet werden. Beides zusammen spreche für eine dynamischere Gewinnentwicklung als bislang erwartet. Dabei liege die Bewertung beider Märkte nach wie vor weit unter derjenigen der US-Unternehmen. Insofern habe sich die Zuversicht der Experten für den Aktienmarkt der Eurozone nochmals verstärkt.

Der britische Markt besitze zwar im Vergleich zum Weltindex ein Übergewicht an defensiven Sektoren, die bei einer konjunkturellen Beschleunigung weniger gefragt seien. Allerdings weise er auch ein Übergewicht an rohstoffnahen Sektoren auf, für die die Experten im aktuellen globalen Umfeld wieder mehr Potenzial sehen würden. Unter anderem wegen der von ihnen erwarteten Pfundschwäche würden sie als in Schweizer Franken rechnende Investoren jedoch skeptisch bleiben und die Eurozone bevorzugen. (Ausgabe Mai 2024) (03.05.2024/alc/a/a)