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Finanzmärkte im Netz der Politik


28.04.15 10:32
Bank J. Safra Sarasin AG

Basel (www.anleihencheck.de) - Vorbei sind die Zeiten, in denen die Konjunkturentwicklung die hauptsächliche Antriebskraft der Börsen war, in denen die Gewinnentwicklung der Unternehmen über wohl und wehe der Aktienmärkte entschied und die Inflationstendenzen die Kursentwicklung an den Rentenmärkten bestimmte, so die Analysten der Bank J. Safra Sarasin AG.

Seit der Finanzkrise sei die Wirtschaftspolitik der maßgebliche Treiber der Finanzmärkte geworden. Dies werde sich auch diese Woche wieder klar zeigen. Telefonate zwischen der deutschen Bundeskanzlerin und dem griechischen Premierminister würden die Kurse der griechischen Anleihen beeinflussen statt einer nüchternen Analyse der Schuldentragfähigkeit des Landes. Die Vergabe von Notfallliquidität durch die EZB an die griechischen Banken gebe die Richtung für den griechischen Aktienmarkt vor.

Dass wirtschaftspolitische Entscheidungen mehr als zuvor die Finanzmärkte antreiben würden, gelte aber nicht nur für Griechenland: Das vielfach zuerst zu hörende Hauptargument für den Europäischen Aktienmarkt sei das Anleiheankaufprogramm der EZB, das Monat für Monat rund 60 Mrd. Euro in die Märkte pumpe und so den Anlagenotstand der Marktteilnehmer verstärke und sie in risikoreichere Anlagen hereintreibe. Davon könnten sich auch die Schweizer Kapitalmärkte kaum abkoppeln.

Klar sei, dass die Entscheidung der Schweizer Nationalbank, die Untergrenze des Franken nicht mehr zu verteidigen, einen enormen Einfluss auf die Schweizer Inflations-, Wachstums- und Finanzmarktentwicklung in diesem Jahr haben werde. Ohne die Aussicht auf eine quantitative Lockerung der EZB wäre die Entscheidung der SNB wahrscheinlich auch anders ausgefallen. Und ohne diese Entscheidung der SNB wäre die finanzielle Lage vieler osteuropäischer Eigenheiminvestoren und der sie finanzierenden Banken deutlich besser.

In der Erwartung eines zumindest nicht aufwertenden Franken seien in einigen Ländern Hypothekarkredite auf Frankenbasis statt in heimischer Währung ausgegeben worden. Der ursprüngliche Zinsvorteil werde durch den starken Frankenkurs nun mehr als ausgeglichen.

Am Mittwoch seien dann die Augen wieder auf das FED gerichtet. Bislang würden die Finanzmärkte noch nicht ganz glauben, dass die amerikanische Notenbank, schon bald auf einen längeren Zinserhöhungskurs einschwenken könnte. Das könnte sich mit dem FED-Statement schnell ändern. Betroffen wären davon aber nicht nur amerikanische Werte, sondern auch einige Schwellenländer, die sich über US-Dollaranleihen finanziert hätten und unter höheren US-Zinsen und einem stärkeren US-Dollar leiden würden.

Immerhin lasse sich sagen, dass das FED datenabhängig über den optimalen Zeitpunkt einer ersten Zinserhöhung entscheide. Daran ändere aber nichts, dass derzeit Entscheidungen der Wirtschaftspolitik einen so starken Einfluss auf die Finanzmärkte hätten wie selten zuvor. Ob dies gut oder schlecht sei, werde sich wohl erst in ein paar Jahren zeigen und davon abhängen, ob auch die richtigen Entscheidungen gefällt worden seien. (28.04.2015/alc/a/a)