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FED- und BoE-Treffen: Noch einmal dasselbe


15.03.22 12:00
Carmignac Gestion

Luxemburg (www.anleihencheck.de) - Während die Europäische Zentralbank (EZB) am vergangenen Donnerstag ihren Ausstieg aus der Geldpolitik beschleunigt hat, wird erwartet, dass sowohl die US-Notenbank (FED) als auch die Bank of England (BoE) in dieser Woche ihren Normalisierungskurs fortsetzen, da die Inflationsängste der Zentralbanker die Rezessionssorgen übertreffen, so Kevin Thozet, Mitglied des Investmentkomitees bei Carmignac.

Wie auch immer die Ukraine-Russland-Krise ausgehe, die großen Zentralbanken seien nach wie vor entschlossen, weniger geldpolitische Unterstützung zu gewähren. Je länger der Konflikt andauere, desto mehr Störungen der Lieferketten und der Rohstoffpreise seien zu erwarten. Andererseits würden bei einer raschen Beilegung des Konflikts die Folgen für die globalen Versorgungsketten fortdauern, und die Stimmung in den Volkswirtschaften werde sich aufhellen.

Die Experten würden daher nicht davon ausgehen, dass die Zentralbanken in absehbarer Zeit ihren geldpolitischen Kurs ändern würden. Investoren würden sowohl in den USA als auch im Vereinigten Königreich eine Anhebung der Zinssätze um 25 Basispunkte erwarten. Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde habe kürzlich bestätigt, dass die quantitative Lockerung (QE) bis zum 3. Quartal 2022 auslaufen werde - wobei die Reduzierung der QE sogar noch weiter beschleunigt werden könnte.

Im Hinblick auf die FED-Sitzung würden die Experten eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte angesichts eines noch stärkeren Inflationsdrucks für wahrscheinlich halten. Die in der vergangenen Woche veröffentlichten US-Inflationsdaten seien nach wie vor stark: 7,9% für den Gesamtinflationsindex und 6,4% für den Kerninflationsindex würden im Jahresvergleich neue 40-Jahres-Höchststände darstellen - und mehr als 70% des Warenkorbs würden monatliche Steigerungen von 4% oder mehr verzeichnen. In jedem Fall habe FED-Chef Jerome Powell bei seiner Aussage vor dem Kongress vor zwei Wochen ziemlich deutlich gemacht, dass er die Zinsen um 25 Basispunkte (bps) erhöhen werde.

Während die FED - wie andere Zentralbanken auch - mit dem Stagflationsdilemma konfrontiert sei, sei der US-Arbeitsmarkt besonders stark und die amerikanische Wirtschaft sei den Folgen des russisch-ukrainischen Konflikts weniger ausgesetzt als der Rest der entwickelten Welt. Allerdings werde sie von den steigenden Rohstoffpreisen betroffen sein, die zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen könnten. Es werde erwartet, dass der Offenmarktausschuss der US-Notenbank (Federal Open Market Committee, FOMC) seiner Aufgabe, die Inflation zu bekämpfen, Vorrang vor den Bedenken über die nachlassende globale Wachstumsdynamik und die finanziellen Bedingungen einräumen werde.

Abgesehen von der Zinserhöhung sollten Anleger in den kommenden Monaten vor allem auf drei entscheidende Fragen achten:

1. Mache Herr Powell die Tür für eine Anhebung um 50 Basispunkte auf der Mai-Sitzung auf? Die Experten würden davon ausgehen, dass er dies tun werde, um so viel Flexibilität wie möglich zu bewahren, zumal der mögliche Ausgang der aktuellen Krise sehr binär sei.

2. Würden die FOMC-Mitglieder im Median einen restriktiven Zielsatz über ihren Projektionszeitraum hinweg signalisieren? Nach Ansicht der Experten nicht. Die Experten würden davon ausgehen, dass der Medianwert bis Ende 2023 auf 2,5% steigen werde, aber nicht darüber hinaus - die FED werde also nicht ausdrücklich signalisieren, dass sie die Zinsen über ihr langfristiges neutrales Niveau anheben werde.

3. Wie viele Details würden über die künftige Verkürzung der Bilanz genannt? Die Experten würden davon ausgehen, dass die FED im Sommer mit der Verringerung der Bilanz beginnen werde und dass die Verringerung bei voller Geschwindigkeit in der Größenordnung von 70 bis 80 Mrd. USD pro Monat liegen werde. In dieser Woche könnten weitere Einzelheiten bekannt gegeben werden, aber die Experten würden denken, dass diese nicht zu einem vollständigen Plan führen würden.

Was sei mit der BoE? Die wichtigste Frage sei, ob sie bereits in dieser Woche eine Zinserhöhung um 50 Basispunkte vornehmen werde. Am 3. Februar hätten vier der neun Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses (MPC) für eine Anhebung um 50 Basispunkte gestimmt, während fünf für eine Anhebung um 25 Basispunkte votiert hätten - in der Erwartung, dass die Inflation im Vereinigten Königreich innerhalb der nächsten zwei Jahre wieder in die Nähe des Zielwerts zurückkehren würde. Diese Erwartungen seien wahrscheinlich durch den Konflikt in der Ukraine und den damit verbundenen Anstieg der Rohstoffpreise in die Höhe getrieben worden.

Der Markt habe die Endrate im Vereinigten Königreich jedoch auf 2,3% eingepreist, während die Bank of England signalisiere, dass die neutrale Rate nur 1% betrage. Die Sprecher der BoE hätten zwar betont, dass die Zinserhöhungen schrittweise erfolgen würden, doch die Tatsache, dass Zinserhöhungen um 50 Basispunkte weder in dieser Woche noch auf der nächsten Sitzung ausgeschlossen werden könnten, bedeute, dass die Märkte und die BoE noch eine Weile uneins darüber sein könnten, wo die Zinsen ihren Höhepunkt erreichen würden.

Trotz des Krieges in der Ukraine würden die Zentralbanker deutlich machen, dass sie sich mehr um die Inflation sorgen würden als um einen Rezessionsdruck oder eine Verschlechterung der Finanzmärkte. Vor diesem Hintergrund würden die Experten das Zinsänderungsrisiko mit Vorsicht betrachten. (15.03.2022/alc/a/a)