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Extreme Geldpolitik erfordert mehr Risiko


25.04.16 11:39
Goldman Sachs Asset Management

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Der wirtschaftliche Nutzen eines starken US-Dollars sowie Negativzinsen in Europa und Japan erscheinen fragwürdig, so Andrew Wilson, CEO für EMEA und Co-Head des Global Fixed Income und Liquidity Management Teams bei Goldman Sachs Asset Management.

Gleichzeitig würden sich Anleger zunehmend auf potenzielle Risiken konzentrieren. Nachdem die EZB letzte Woche entschieden habe, ihre Geldpolitik unverändert fortzuführen, erwarte man eine Waffenruhe im aktuellen Währungskrieg und einen Wandel der globalen Wirtschaftspolitik hin zu einer stärkeren Ausrichtung auf die Binnennachfrage. Für die nächsten zwölf Monate gehe das Hauptszenario der Experten von einer Fortsetzung der jüngsten Trends aus: 1) Moderates globales Wirtschaftswachstum 2) Extreme geldpolitische Maßnahmen zur Unterstützung der allmählichen Erholung in Europa und Japan 3) Steigende Inflation in den USA sowie eine zunehmende Verschuldung in China und unvorhersehbare politische Entwicklungen.

Nach Einschätzung der Experten bestünden nur geringe Aussichten auf eine deutliche Wachstumsbeschleunigung in den nächsten zwölf Monaten. Mittelfristig seien sie etwas optimistischer, da die Wirtschaft nach einem enttäuschenden ersten Quartal wieder anzuziehen scheine. Weitere geldpolitische Weichenstellungen - darunter Lockerungsmaßnahmen seitens der EZB und der Bank of Japan, steuerliche Anreize in China und abgesenkte Prognosen der Zinserhöhungen durch die US-Notenbank - dürften zusätzliche Unterstützung bieten. Nachdem 2015 für die USA, Europa und Japan ein geringfügig stärkeres Jahr gewesen sei, erwarte man für 2016 eine gewisse Abschwächung. Die Experten hätten deswegen ihre langfristigen Prognosen für alle großen Volkswirtschaften leicht nach unten korrigiert.

Die Währungsabwertung sei ein Schwerpunkt der Geldpolitik in Japan und der Eurozone gewesen. Inzwischen würden die Märkte vermehrt auf die Grenzen der Geldpolitik blicken und sich um die negativen Auswirkungen der extremen Maßnahmen sorgen. Gewinndruck im Finanzsektor, schwächeres US-Wachstum und die Volatilität der chinesischen Währung seien weder ein Rezept für eine Konjunkturerholung noch für Marktstabilität gewesen. Aus Sicht der Experten habe die letzte geldpolitische Entscheidung der EZB auf einen klaren Kurswechsel hingedeutet. Die zurückhaltende Zinsrhetorik der FED könnte in Kombination mit den Anreizen aus Japan und Europa etwas Druck vom US-Dollar nehmen. Die Experten würden dieses Umfeld als positiv für ein selektives Engagement in Unternehmensanleihen, Schwellenländeranleihen und anderen höher rentierenden Sektoren des Fixed-Income-Marktes sehen.

Die US-Notenbank spiele das US-Inflationsrisiko nach wie vor herunter und habe ihre Prognosen für Zinserhöhungen gesenkt. Die Experten würden hierin einen bemerkenswerten Wandel im Denkprozess der FED in der Art und Weise sehen, wie Geldpolitik auf Veränderungen der Inflation reagieren sollte. Die Experten würden feststellen, dass der Anstieg der Kerninflation auf einer breiten Basis stattgefunden habe und sich der Arbeitsmarkt nahe der Vollbeschäftigung befinde, Dies deut kaum auf eine Wirtschaftsflaute hin. Die Experten würden das Abwärtsrisiko der Kerninflation für begrenzt halten und das Risiko steigender Preise für Waren und Dienstleistungen sehen. Aus Marktsicht dürfte die Entwicklung der Inflation und der finanziellen Situation in den kommenden Monaten entscheidend sein.

China scheine sein Wachstumsziel von 6,5 Prozent wichtiger zu sein, als Reformen einzuleiten. Kurzfristig dürfte dies die Finanzmärkte stützen, doch das liquiditätsgetriebene Wachstum der Verschuldung scheine nicht haltbar zu sein und könnte sich langfristig zum Risiko entwickeln. Die chinesischen Behörden würden mit zwei Methoden Wachstum anstreben: 1) mit geld- und steuerpolitischen Anreizen, um auf Chinas schwierige finanzielle Situation zu reagieren; und 2) durch Zurückfahren von Reforminitiativen, die zur Verlangsamung des Wachstums beigetragen hätten. Chinas exzessive Verschuldung berge aus Sicht der Experten vielleicht das größte Risiko für einen Schock. Hier kämen das nachlassende Wachstum und steigende Kosten für die Schuldentilgung zusammen. Je länger diese Probleme ungelöst bleiben würden, desto stärker dürften die Ungleichgewichte der chinesischen Wirtschaft und die Unruhe an den globalen Märkten werden.

Aus Investitionsgesichtspunkten deute der makroökonomische Kontext auf drei große Themen hin. 1) Die Wachstumsaussichten und die von den Zentralbanken bereitgestellte Liquidität würden weiterhin Allokationen in riskantere Sektoren des globalen Fixed-Income-Marktes begünstigen. Zurückhaltend seien die Experten allerdings bei EM-Volkswirtschaften, die am stärksten dem Einbruch der chinesischen Nachfrage nach Industrierohstoffen ausgesetzt seien. 2) Die längerfristigen Unsicherheiten würden dafür sprechen, Risiken strategisch einzugehen. Das heiße, qualitativ hochwertige Renditen anzustreben und auf Absicherungen gegen die Risiken aus China zurückzugreifen. Insgesamt sehe man in den extremen geldpolitischen Maßnahmen mittelfristig eine Unterstützung des Wachstums, doch sie würden auch die Verschuldung des Systems und/oder verringern den Druck für Reformen erhöhen, die ein nachhaltigeres Wachstum langfristig unterstützen könnten. Dies dürfte besonders für China, Europa und Japan gelten.

3) Wichtige Industrieländer-Anleihen seien wenig attraktiv. Dies gelte besonders für japanische Titel, da hier die Renditen bis zu einer Laufzeit von zehn Jahren negativ seien. In den USA berge die steigende Inflation das Risiko, dass sich die Zinsschritte schneller anpassen müssten, als es die derzeitige Einpreisung vermuten lasse. Die Experten würden ein gewisses Wertpotenzial in inflationsgeschützten US-Anleihen (TIPS) sehen, doch diese würden eine höhere Korrelation zu Unternehmensanleihen aufweisen, was wiederum ihre Diversifizierungseffekte begrenze. (25.04.2016/alc/a/a)