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Europäische Anleihen könnten US-Anleihen übertreffen


10.02.14 16:20
Franklin Templeton

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Nachdem die Wahrscheinlichkeit eines Zerbrechens der Eurozone nun geringer erscheint und die Region wieder zu Wachstum zurückgekehrt ist, wenn auch weitgehend auf niedrigem Niveau, scheint sich auch die Anlegerstimmung in Hinsicht auf den Ausblick für die Region zu ändern, so die Experten von Franklin Templeton.

Doch weithin herrsche nach wie vor Besorgnis über die Wirtschaftslage in Europa. Nur wenige Beobachter würden die Rückkehr zum Wachstumskurs für den Vorboten einer vollständigen Erholung halten. Obwohl die meisten Länder der Eurozone aus der Rezession gekommen seien, seien die Volkswirtschaften insgesamt schwach geblieben.

Viele Beobachter würden glauben, die mit größeren Schwierigkeiten kämpfenden Länder - wie Spanien, Italien und potenziell Frankreich - würden das Wachstum in der Region weiterhin aufhalten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziere für 2014 ein Wachstum von gerade einmal 1,0%.

Die Experten würden glauben, diese Ansicht verstelle tendenziell den Blick auf das zwischen europäischen Ländern tatsächlich und potenziell bestehende Wachstumsgefälle. Jüngste Prognosen des IWF würden zum Beispiel davon ausgehen, dass die Wirtschaftslage in Frankreich, Italien und Spanien noch einige Zeit schwach bleiben werde. Von Deutschland aus nach Osten sehe die Lage jedoch besser aus - ein Aspekt, der von vielen Beobachtern häufig übersehen werde.

Verbreitete Zweifel bestünden außerdem weiterhin im Hinblick auf die in vielen Euroländern notwendigen Strukturanpassungen und die Aufsichtsorgane des Währungsblocks und der Europäischen Union (EU). Die Größenordnung der erforderlichen Veränderungen stimme eher pessimistisch. Die Ungleichgewichte innerhalb und zwischen einzelnen Euroländern bei Leistungsbilanzen, Verschuldung und Arbeitsmärkten würden sich noch immer im Frühstadium einer Korrektur befinden. Es gebe keine Patentlösung für das, was nach Meinung der Experten ein viele Jahre währender Angleichungsprozess werde.

Phasenweiser Druck von den Finanzmärkten werde sich dabei wahrscheinlich nicht verhindern lassen. Der Pessimismus tendiere jedoch dazu stetige, wenn auch unspektakuläre, Fortschritte bei der Umsetzung von Reformen auszublenden. Da die Liberalisierung der Wirtschaftsaktivität und die Steigerung des Wettbewerbs Hauptziele solcher Reformen seien, könnten ihre voraussichtlichen Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und die Produktivität in Ländern, in denen sie erfolgreich umgesetzt würden, nach Meinung der Experten erheblich sein.

Die Experten würden glauben, Anleger in Anleihen müsse angesichts der Tatsache, dass das Tempo der Veränderung in der Eurozone wahrscheinlich langsam bleibe und zu anhaltender Besorgnis beitrage, an diese beiden Aspekte denken. Nach Erachten der Experten könnte sich die aktuelle, auf Sparsamkeit abgestellte Politik - wenn auch verhaltener - fortsetzen, um die Haushaltsdefizite unter Kontrolle zu halten.

Insgesamt dürfte das Wachstum in Europa angesichts der Bremswirkung hoher Schuldenstände in vielen Ländern der Region eher schwach bleiben, doch nicht allzu weit unter dem Potenzial. Innerhalb der Eurozone dürfte sich die Neuausrichtung fortsetzen.

Mit Blick auf die Anlageallokationen in Europa verdeutliche die zurückliegende Entwicklung der Renditen von Staatsanleihen, wie riskant es sei, von einheitlichen Aussichten auf Reformen in der Region auszugehen. Historisch gesehen sei die Streuung hoch gewesen. Dabei seien erhebliche Spannen zwischen den am besten und den am schlechtesten abschneidenden Werten während des vergangenen Jahrzehnts die Norm gewesen.

Aus den großen Unterschieden bei den Erträgen würden die Experten zwei Dinge schließen. Erstens erscheine ein aktiver Ansatz zur Steuerung der Länderallokationen ausschlaggebend für höheres Ertragspotenzial. Zweitens sollten Anleger, ganz gleich wie sich die Fundamentaldaten der Eurozone, der EU oder Europas darstellen würden, diese Größen keinesfalls als homogen oder als Zusammenschluss von Gruppen (wie Kernländer und Peripherie) betrachten, sondern stattdessen gezielt die Anleihen ermitteln, die potenziell die attraktivsten Risiko-Ertrags-Profile bieten würden.

Die fundamentale Kreditbewertung von Einzelländern sei mittelfristig ein wesentlicher Bestandteil des Ansatzes der Experten zur Beurteilung der Märkte für europäische Staatsanleihen. So spreche zum Beispiel nach Erachten der Experten vieles für italienische Staatsanleihen. Die ursprüngliche Investmentthese der Experten sei entstanden, als die Verschärfung der Krise in der Eurozone ab Ende 2011 den Politikern der Region deutlich gemacht habe, dass die Währungsunion ohne Italien nur schwer funktionieren könne.

Diese Zuspitzung der Krise habe nach dem Eindruck der Experten die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der politische Kurs in der Eurozone auf die Unterstützung Italiens bei der Erfüllung finanzieller Verpflichtungen abheben würde. Die Aussichten auf spürbare Haushaltskonsolidierung und Strukturreformen hätten gut ausgesehen. Im Anschluss seien zwar nur stockend Fortschritte erzielt worden, doch die Experten würden die potenziell positiven Folgen für Schuldenabbau und Wirtschaftswachstum weiterhin überwiegend zuversichtlich beurteilen.

Die Renditen italienischer Staatsanleihen seien natürlich stark gefallen - bei zehnjährigen Papieren von über 7% Anfang 2012 auf unter 4% zu Beginn des Jahres 2014. Dieser Renditerückgang sei zwar vor allem der nachlassenden Belastung in der Eurozone zuzuschreiben, doch nach Ansicht der Experten würden italienische Renditen weiter reizvolles Wertpotenzial bieten, insbesondere im Vergleich zu den Erträgen deutscher Bundesanleihen. In den Augen der Experten würden Bundesanleihen nach wie vor mit einem unverdienten Aufschlag als vermeintlich "sichere Häfen" gehandelt, obwohl sich der Abstand zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen seit Anfang 2012 deutlich verringert habe.

Noch allgemeiner ausgedrückt: Wenn die Zinsen in der Eurozone hinter denen in den USA noch einige Zeit zurückbleiben würden, könnte die potenzielle Differenz im Zinsprofil nach Ansicht der Experten dazu beitragen, dass europäische Anleihen US-Anleihen übertreffen würden. Die Experten würden Anlegern allerdings dringend nahelegen, sich auf die Wachstums- und Anleihenmetriken individueller europäischer Länder zu konzentrieren.

Die Experten würden glauben, die Volatilität, die während der Krise in der Eurozone habe beobachtet werden können, habe eine Abkopplung der Staatsanleihen von den ihnen zugrunde liegenden Fundamentaldaten bewirkt. Das habe viele potenzielle Anlagegelegenheiten geschaffen. Es scheine, solche volatilen Phasen könnten durchaus erneut auftreten, während die europäische Politik den richtigen Mittelweg zwischen dem Vorantreiben von Reformen, Sparmaßnahmen und Wachstumsförderung suche. Nach Ansicht der Experten wären Anleger gut beraten, sich eine Meinung zu den fundamentalen Voraussetzungen einzelner Anleihen im Vergleich zu bilden, um sich auf solche Eventualitäten einzustellen. (Perspektiven Januar 2014) (10.02.2014/alc/a/a)