Erweiterte Funktionen

Einstiegschance bei Unternehmensanleihen?


28.06.22 12:09
Legal & General IM

London (www.anleihencheck.de) - Für Anleiheinvestoren war 2022 bisher eine einzige Herausforderung: Die Rendite 10-jähriger deutscher Staatsanleihen hat sich bereits vervierfacht und liegt nun jenseits der Marke von 1,75%, so die Experten von Legal & General Investment Management (LGIM).

Gleichzeitig hätten sich die Spreads für Investment-Grade-Anleihen um über 1% ausgeweitet - das bedeute negative Erträge. Volker Kurr, Head of Europe, Institutional, und Marc Rovers, Head of Euro Credit bei Legal & General Investment Management, analysieren anhand dreier Faktoren, ob der Markt für Unternehmensanleihen aktuell eine Einstiegsmöglichkeit bietet:

1: Risikoprämien

Schon jetzt hätten die Euro Credit Spreads, also die Risikoaufschläge europäischer Staatsanleihen im Vergleich zu deutschen Staatsanleihen, 2022 neue Höchststände erreicht. In einem nicht-rezessiven Marktumfeld sei dies ausgesprochen selten.

Seit 2006 - und damit in einer Zeitspanne, die viele Krisen erlebt habe - seien die Spreads nur in 30% der Zeit so hoch gewesen. Mathematisch ausgedrückt: Sie würden sich im 70. Perzentil bewegen. In einigen Branchen, wie Versorgern, im Gesundheitswesen, bei Öl und Gas sowie Konsumgütern, seien die Aufschläge sogar noch höher: Im Euro Corporate Index würden sie derzeit bei über 1,8% gegenüber deutschen Staatsanleihen liegen. Dieses Niveau stelle aus Sicht der Experten ein Polster dar, von dem aus eine weitere Ausweitung der Spreads weniger wahrscheinlich sei.

Euro-Unternehmensanleihen würden sich zudem durch eine niedrigere Duration im Vergleich zu ihren Pendants in Pfund oder US-Dollar auszeichnen. Das schütze diese Anlageklasse, falls es bei Staatsanleihen zu weiteren Renditeanstiegen kommen sollte.

Die Ökonomen bei LGIM würden die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in Europa bis Mitte 2023 aktuell mit 50% bewerten. Eine Rezession trete nach Definition der Experten dann ein, wenn das Wirtschaftswachstum in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen rückläufig sei. Sie seien allerdings der Ansicht, dass diese schwierigen Aussichten vom Markt weitgehend eingepreist worden seien, ebenso wie drei bis vier weitere Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank in diesem Jahr.

2: Erträge aus Anleihen: Seien 3% die magische Grenze?

Die Renditen europäischer Unternehmensanleihen seien 2022 bislang stetig gestiegen und hätten auf Indexebene mehr als 3% erreicht. Wie weit könne dieser Wert noch steigen?

3: Historische Überrenditen

Immer dann, wenn sich die Risikoprämien für Euro-Unternehmensanleihen auf einem Niveau wie derzeit bewegen würden, würden sie Anlegern eine Möglichkeit zum Einstieg bieten - jedenfalls historisch betrachtet.

Nach Analyse der Experten habe die Anlage in Euro-Anleihen im 70. Perzentil in der Vergangenheit zu einer Überrendite von mehr als 3% in den nachfolgenden zwölf Monaten geführt. Bei einem Anlagezeitraum von 36 Monaten ergebe sich auf Basis historischer Daten eine jährliche Rendite von deutlich über 4%.

Wie bei jeder zukunftsgerichteten Analyse sei zu beachten, dass die Wertentwicklung in der Vergangenheit kein Anhaltspunkt für die Zukunft sei und dass keine Garantie für Prognosen gebe. Langfristig orientierte Anleger würden sich daran erinnern, dass sich die Spreads durchaus noch mehr ausweiten könnten - insbesondere in Krisenzeiten in Kombination mit Stagflation und einer stärkeren Straffung der Geldpolitik. Das sei jedoch schwer vorherzusagen.

Würden europäische Unternehmensanleihen aktuell eine Chance zum Einstieg Bieten? Nach ihrer Analyse sind die Experten von LGIM überzeugt, dass die Spreads in der Tat auf lange Sicht eine Chance darstellen. Allerdings stünden dem erhebliche Risiken und Unsicherheiten gegenüber. Doch auch ganz abgesehen vom derzeitigen Marktumfeld und dem aktuellen Spread-Niveau würden europäische Unternehmensanleihen einen Diversifizierungsbeitrag gegenüber anderen Anlageklassen leisten, würden sich durch kürzere Laufzeiten und beständige Erträge auszeichnen und könnten daher als zusätzlicher Puffer gegen einen Wachstumsschock dienen. (28.06.2022/alc/a/a)