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Einsteigen oder umschichten? Beides - mit Wandelanleihen


28.06.22 10:35
Fisch Asset Management

Zürich (www.anleihencheck.de) - Das Jahr 2022 stellte die Nerven der Anleger bis jetzt auf eine harte Probe, so Ute Heyward, Senior Portfolio Manager bei Fisch Asset Management.

Und wie immer nach einer deutlichen Korrektur würden sie die gleichen Fragen beschäftigen: Sei der Kursrutsch vorbei? Jetzt einsteigen, um von der Erholung zu profitieren? Diesmal seien jedoch Aktienanleger nicht allein mit diesen Fragen, denn die Anleihenmärkte hätten ebenfalls auf breiter Front stark korrigiert. Im Vergleich zu den Korrekturen der letzten Jahre sei allerdings das konjunkturelle Umfeld nun deutlich unklarer. Es gebe einige negative Szenarien, darunter Rezession und Stagflation, deren Eintrittswahrscheinlichkeit zumindest nicht vernachlässigbar sei. Dies erschwere die Entscheidungsfindung hinsichtlich sowohl taktischer als auch strategischer Asset Allokation deutlich.

Mit Wandelanleihen gebe es ein Instrument, das prädestiniert sei für genau ein solches Umfeld, da sie über ein sogenanntes "automatisches Timing" verfügen würden. Investoren seien damit sowohl bei steigenden als auch fallenden Aktienmärkten automatisch richtig positioniert, ohne aktiv ihre Aktienallokation erhöhen oder reduzieren zu müssen. Denn Wandelanleihen würden einerseits an der Kursteigerung der zugrundeliegenden Aktie partizipieren. Andererseits würden sie nur relativ gedämpft auf Kursverluste reagieren. Wandelanleihen böten damit ein asymmetrisches Renditeprofil, das im "Sweet Spot" der Aktiensensitivität besonders ausgeprägt sei, also bei einem sogenannten konvexen beziehungsweise ausgewogenen Profil.

Je nach Markteinschätzung könne der Anleger auch in besonders aktiensensitive oder andererseits in anleihenähnliche Papiere investieren, um so gezielt stärker von potenziellen Kursgewinnen zu profitieren oder sich eher defensiv zu positionieren. Dabei würden Wandelanleihen sehr dynamisch auf das Marktumfeld reagieren und sich hinsichtlich der Aktiensensitivität zügig von einem Bereich in den anderen bewegen. Beispielsweise hätten sie nach den starken Aktienmarktverlusten während der Covid-Krise wieder schnell vom Turnaround profitieren und ihre Verluste innerhalb sehr kurzer Zeit und bedeutend schneller als Aktien ausgleichen und anschließend weiter zulegen können.

Nach den heftigen Marktverwerfungen bisher in diesem Jahr habe sich die durchschnittliche Aktiensensitivität des breiten Wandelanleihenuniversums von rund 55% vor zwölf Monaten auf mittlerweile etwa 34% stark reduziert. Damit würden sich sehr viele Titel wieder im genannten ausgewogenen Bereich bewegen und böten in dieser Hinsicht ein besonders positives Chancen-Risiko-Profil.

Wandelanleihen böten also sehr spezifische Vorteile - nun stelle sich die entscheidende Frage: Wie sehe es mit der Performance aus? Erfreulicherweise langfristig sehr gut, gemessen am Refinitiv Global Vanilla Wandelanleihenindex, der mit rund 560 Titeln ein liquides, globales Universum abdecke. Seit dessen Verfügbarkeit ab 1994 lägen Aktien (gemessen am MSCI World) und Wandelanleihen mit 7,4% gegenüber 7,3% pro Jahr nahezu gleichauf. Dabei hätten Wandelanleihen mit 10,0% p.a. allerdings eine deutlich niedrigere Volatilität als Aktien mit 14,9% (jeweils per 31. Mai 2022) gezeigt.

Kurzfristig hingegen, also für 2022, hätten Wandelanleihen ihre Vorteile mit ähnlichen Verlusten wie die breiten Indices auf den ersten Blick nicht ausspielen können. Grund hierfür sei das Growth-Segment, das im Wandelanleihenuniversum stark vertreten sei, und im Zuge der Verkaufswelle deutlich stärkere Verluste als Blue-Chips anderer Branchen erlitten habe. Ein Vergleich mit dem US-Technologieindex Nasdaq (-31%) oder dem Russell 2000 Growth (-32,8%) bis Mitte Juni falle hingegen vorteilhaft aus, da die oben genannten Charakteristika lehrbuchmäßig funktioniert hätten. Im Vergleich habe der Refinitiv Global Vanilla 19% (MSCI World -22,6%) verloren.

Trotz deutlicher Sektorneigung in Richtung Growth halte der Wandelanleihenmarkt eine große Bandbreite an Unternehmen jeglicher Branchen bereit. Insbesondere seit der Pandemie hätten viele Firmen die Vorteile dieser Finanzierungsmöglichkeit neu entdeckt, als andere Finanzierungskanäle versperrt oder zu teuer gewesen seien. Grundsätzlich böten Wandelanleihen für Anleger mit Interesse an zukunftsträchtigen Segmenten wie Digitalisierung (darunter Cybersicherheit), Elektromobilität und alternativer Energieerzeugung viel Auswahl. Darunter seien Unternehmen, die keine anderweitigen Anleihen begeben hätten. Hier seien Wandelanleihen die einzige Investitionsmöglichkeit, wenn Direktinvestitionen in Aktien keine Option seien.

Aufgrund des ausgesprochen unsicheren Markt- und Konjunkturumfelds würden die Experten bei der Portfoliokonstruktion den Fokus auf Qualität legen. Unternehmen mit soliden Geschäftsmodellen und Preissetzungsmacht sollten im Falle einer Verschlechterung des Umfelds oder hartnäckiger Inflation Stabilität bieten. Dazu würden auch Firmen zählen, die von der zunehmenden Digitalisierung profitieren würden, und deren Lieferketten nicht von den gegenwärtigen Problemen in China sowie den Auswirkungen des Ukrainekriegs betroffen seien. Dagegen würden sie Firmen meiden, die negativ auf steigende Zinsen reagieren würden, zum Beispiel aus dem Immobiliensektor sowie teuer bewertete und unrentable Wachstumsunternehmen. (28.06.2022/alc/a/a)