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EZB unter Zugzwang


30.05.22 10:45
Der Anlegerbrief

Krefeld (www.anleihencheck.de) - Mitte letzten Jahres hat sich die Inflation in der Eurozone von der 2-Prozent-Marke abgesetzt, die die EZB anvisiert, so die Experten von "Der Anlegerbrief".

Danach sei es steil bergauf gegangen: Engpässe in der Wirtschaft und steigende Rohstoffpreise hätten dafür gesorgt, dass die Preissteigerungsrate im Euroraum zum Jahresende 2021 schon bei 5% gelegen habe, zuletzt seien sogar mehr als 7% gemessen worden - das sei der mit Abstand höchste Wert der Eurohistorie. Doch die Zentralbank zögere und zaudere und werde dafür zunehmend kritisiert, zumal die Zinswende in den USA längst vollzogen sei. Nun zeichne sich aber ab, dass die EZB nachziehe, was auch dem Eurokurs auf die Sprünge helfe.

Auch die US-Notenbank habe auf die zunehmenden Inflationsprobleme nicht gerade schnell reagiert, aber viel früher als die EZB. Die im letzten November eingeleitete Reduktion der monatlichen Anleihenkäufe sei im Anschluss noch einmal beschleunigt worden, so dass das Programm im März habe beendet werden können. Zugleich seien die Leitzinsen erstmals seit dem Pandemieausbruch erhöht worden, um 25 Basispunkte auf 0,25 bis 0,5%. Dieses Tempo, das der Standard in den letzten Erhöhungszyklen war, erschien den FED-Verantwortlichen angesichts eines weiteren Inflationsschubs zu gering, so dass im Mai eine Anhebung um 50 Basispunkte folgte - so wird es vermutlich weitergehen, so die Experten von "Der Anlegerbrief".

Die Europäische Zentralbank habe die Käufe festverzinslicher Papiere inzwischen zwar auch reduziert, aber noch nicht eingestellt. Die jüngsten Verlautbarungen von EZB-Chefin Christine Lagarde würden allerdings andeuten, dass das Programm im Juli beendet werden könnte, was mutmaßlich den Weg für eine Abschaffung des Negativzinses auf Einlagen und eine erste Erhöhung des Leitzinses ebnen würde. Erwartet werde aber nur ein Zinsschritt um 25 Basispunkte.

Die EZB habe eine deutliche Trendumkehr in der Geldpolitik lange herausgezögert, nun dürfte aber auch eine Phase mit mehreren Zinserhöhungen anstehen. Diese Perspektive habe dem Euro in Relation zum US-Dollar zuletzt zu einem kleinen Rebound verholfen. Die US-Notenbank agiere allerdings wesentlich entschlossener, weswegen der Euro weiter unter Abgabedruck stehen dürfte. (Ausgabe 20 vom 28.05.2022) (30.05.2022/alc/a/a)