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EZB schaltet in den Falkenmodus


27.04.23 09:30
BNY Mellon IM

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Jonathan Day, Portfoliomanager für festverzinsliche Wertpapiere bei Newton Investment Management - einer Gesellschaft von BNY Mellon Investment Management - äußert sich im Vorfeld der Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank am 4. Mai.

Obwohl der Inflationsdruck in der Eurozone weiterhin zu hoch sei, seien die Volkswirtschaften abgesehen vom Verarbeitenden Gewerbe relativ robust. Besorgniserregend für die EZB sei jedoch das eigentliche Problem: Die Kerninflation, die die Preissteigerungen für Güter außer Energie und Lebensmittel messe. Sie liege mit 5,6 Prozent weit über dem langfristigen Ziel von 2 Prozent.

Das bedeute, dass die EZB auf ihrer nächsten Sitzung am 4. Mai in den "Falkenmodus" schalten müsse. Eine weitere Anhebung der Zinssätze um 50 Basispunkte wäre keine Überraschung, wenn man bedenke, dass der EZB-Rat immer wieder betone, dass die Inflation zu hoch sei und die Geldpolitik weiter gestrafft werden müsse.

Eine solche Entscheidung würde auch durch andere Marktkennzahlen, wie die realen Anleiherenditen und die Risikoaufschläge der Peripherieländer in der Eurozone, gestützt. Die Realrenditen deutscher Bundesanleihen lägen nach wie vor bei rund 0 Prozent und damit mehr als 1 Prozent unter den entsprechenden Renditen in den USA. Das deute darauf hin, dass die Finanzierungsbedingungen in der Eurozone weiterhin eher akkommodierend seien - die Kreditzinsen also niedrig. Diese Einschätzung passe auch zur weitgehend soliden Entwicklung der Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen in letzter Zeit. Italienische zehnjährige Anleihen hätten dieses Jahr bisher meist weniger als 200 Basispunkte über ihren deutschen Pendants und damit weit unter einem Niveau gelegen, das für die EZB Anlass zur Sorge wäre.

Solange die Kerninflation nicht definitiv auf dem Weg zurück zu 2 Prozent sei, sei es schwer vorstellbar, dass die EZB etwas anderes als eine restriktive Haltung einnehmen werde, vor allem, da die Volkswirtschaften der Eurozone stabil und die Märkte zuversichtlich seien. Die EZB habe also noch einen Berg an Arbeit vor sich. (27.04.2023/alc/a/a)