Erweiterte Funktionen

EZB peilt Juni für Zinswende an


05.04.24 10:38
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Bei der bevorstehenden Sitzung am 11. April wird die EZB die Leitzinsen voraussichtlich unverändert lassen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Dies werde von etwa drei Viertel des EZB-Rats signalisiert. Das verbleibende Viertel könnte sich für eine Zinssenkung bei der nächsten Sitzung einsetzen. Um zu diesem Ergebnis zu kommen, hätten die Analysten der Hamburg Commercial Bank wieder zahlreiche Reden und Interviews der EZB-Ratsmitglieder analysiert

Lange habe der April an den Terminmärkten als möglicher Zeitpunkt für eine erste Leitzinssenkung der EZB gegolten. Nun scheine der April aber endgültig als Option für die erste Zinssenkung ausgeschlossen zu sein. Stattdessen rücke der Juni immer mehr in den Fokus des EZB-Rats. Die Mehrheit des Rats habe in ihren Reden mehr oder weniger deutlich klargemacht, dass sie zumindest bis Juni abwarten möchte, um neue Entscheidungen zu treffen.

Die Analysten der Hamburg Commercial Bank würden erwarten, dass die EZB die Leitzinsen, die derzeit bei 4,00% (Zinssatz für die Einlagefazilität) und 4,50% (Hauptfinanzierungssatz) lägen, im Juni um jeweils 25 Basispunkte senken werde. Damit bleibe die Prognose der Hamburg Commercial Bank seit Anfang Dezember 2023 unverändert.

Der EZB-Vizepräsident Luis de Guindos habe den derzeitigen Konsens der EZB treffend zusammengefasst: "Die Entwicklung der Löhne und Gehälter ist von entscheidender Bedeutung und die meisten Tarifverträge werden in den ersten Monaten dieses Jahres abgeschlossen worden sein. Wir werden im Juni mehr Informationen haben. (...) Im Juni werden wir auch unsere neuen Projektionen haben und bereit sein, diese zu diskutieren." Ähnliche Aussagen seien auch von anderen Mitgliedern des EZB-Rats gemacht worden, darunter die EZB-Chefin Christine Lagarde, der spanische Notenbankchef Pablo Hernández de Cos sowie der niederländische Notenbankchef Klaas Knot.

Es sei bemerkenswert, dass sich die EZB-Mitglieder in jüngster Zeit relativ offen zum Thema Zinssenkungen geäußert hätten, während sie vor wenigen Monaten noch dazu geschwiegen hätten. Grund für die neue Offenheit seien die derzeitigen niedrigen Inflationszahlen. Im März habe die Teuerungsrate der Eurozone mit 2,4% YoY deutlich unterhalb der Erwartung von 2,6% YoY gelegen. Trotzdem sollte man die Aussagen der EZB-Mitglieder nicht als verbindliche "Forward Guidance" interpretieren, denn wie auch immer noch von ihnen betont werde, werde die EZB weiterhin vorsichtig und in einem datenbeobachtenden Modus bleiben.

Wer aber im EZB-Rat möchte die Leitzinsen schon im April einen Schritt weiter unten sehen? Zu dieser Gruppe würden die etwas "dovisheren" Personen im Rat gehören, d.h. diejenigen, die eine höhere Toleranz gegenüber einer Abweichung vom Inflationsziel von 2% hätten. Die Tatsache, dass ein Viertel des Gremiums für eine Zinssenkung im April plädiert habe, könne als Indikator für eine bevorstehende Trendwende in der europäischen Zinspolitik interpretiert werden. Es bleibe jedoch abzuwarten, wie sich die Diskussionen innerhalb des EZB-Rats weiterentwickeln und wie sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den kommenden Monaten ändern würden.

Mehrere EZB-Ratsmitglieder hätten betont, dass die Entscheidungen der Europäischen Zentralbank unabhängig von denen der US-Zentralbank Federal Reserve seien. Olli Rehn, der finnische Vertreter im EZB-Rat, habe darauf hingewiesen: "Es gab Stimmen in der Debatte, die behaupteten, dass die EZB die Zinssätze nicht senken könne, bevor es die FED tut. Gerüchte darüber sind jedoch stark übertrieben: Die EZB ist nicht der "13. Bundesbezirk" der FED, also keine regionale Zentralbank." Damit habe er Spekulationen darüber zurückgewiesen, ob die EZB es wagen würde, die Zinswende vor der FED einzuleiten, die im Juni eine Woche später als die EZB tagen werde.

Das Lieblingszitat der Analysten der Hamburg Commercial Bank komme vom französischen Notenbankchef François Villeroy de Galhau: "Since we are talking about landings, let's continue with the aeronautical imagery: autopilot - or long-term guidance - should only be used during stable phases of the flight; our economy is a long way from that. But using instruments to steer through the more difficult phases does not mean not giving any indications to passengers, for example on the landing in progress; they appreciate the information." (05.04.2024/alc/a/a)