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Die EZB ist "hinter der Kurve"


01.02.22 08:30
DONNER & REUSCHEL AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Neues Jahr, alte Themen - Inflation und Corona-Pandemie begleiten uns weiter, so Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL.

Vor allem an den Kapitalmärkten bleibe der bange Blick auf die Inflation - und daraus abgeleitet auf die Entwicklung der Zinsen - ein maßgeblicher Faktor. Dabei habe die Hoffnung im Januar vor allem auf Deutschland gelegen, da die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer Anfang 2021 die Inflation rechnerisch um etwa ein Prozent angehoben haben dürfte und dieser Effekt jetzt wegfalle. Tatsächlich habe das Statistische Bundesamt nach bisher vorliegenden Ergebnissen aber nur ein leichtes Absinken der Inflationsrate von 5,3 Prozent im Dezember auf 4,9 Prozent berechnet. Der Mehrwertsteuereffekt sei vor allem durch die erneut steigenden Energiepreise überkompensiert worden. Die Rendite einer zehnjährigen Bundesanleihe habe prompt erneut die Marke von null Prozent übersprungen und zwischenzeitlich auf dem höchsten Stand seit Mai 2019 notiert.

Anhaltend hohe Inflationsraten würden sich auch in anderen Staaten der Eurozone abzeichnen, mit der Folge ebenfalls steigender Renditen für Staatsanleihen. Damit gerate die EZB unter konkreten Handlungsdruck, obwohl sie steigende Energie- und Rohstoffpreise sowie aus Lieferengpässen resultierende Kostensteigerungen nicht direkt beeinflussen könne. Es liege aber an der Geldpolitik, stetig steigende Inflationserwartungen zu vermeiden, um auch künftig eine Lohn-/Preisspirale zu verhindern. Abgesehen davon, dass sich die Lieferengpässe nur langsam abbauen würden, würden die Preisniveaus in den kommenden Jahren hoch bleiben. Gründe hierfür seien strukturell wirkende Faktoren, wie der Umbau von Lieferketten, Handelskonflikte, demografische Effekte und die Dekarbonisierung der Produktion.

Hinzu komme ein massiver Nachfrageüberhang, der sich hierzulande auch 2021 durch eine deutlich erhöhte Sparquote bemerkbar mache und potenziell die Konsumgüter und Dienstleistungsnachfrage bei einem Abebben der Pandemie anheize. Voraussichtlich werde EZB-Präsidentin Lagarde konkrete Ankündigungen zur weiteren Ausgestaltung der Geldpolitik in der Eurozone auf die Märzsitzung des EZB-Rates verschieben mit dem Verweis auf erst dann vorliegende neue Inflations- und Wachstumsprojektionen. Die Gefahr sei allerdings hoch, bis dahin das Heft des Handelns immer mehr aus der Hand zu geben. (01.02.2022/alc/a/a)