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EZB hält sich die Tür für weitere Maßnahmen offen


04.08.14 13:07
Franklin Templeton

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat im Juni ein solides Paket geldpolitischer Maßnahmen beschlossen und bei Bedarf weitere Schritte zugesagt, um Deflation abzuwenden und den nach wie vor brüchigen Konjunkturaufschwung in der Eurozone zu stützen, berichten die Experten von Franklin Templeton.

Zu den angekündigten Maßnahmen würden auch Zinssenkungen, einschließlich eines Negativzinses auf Bankguthaben bei der EZB, sowie neue Mechanismen zur Förderung der Kreditvergabe an kleinere Unternehmen zählen. Die EZB habe ferner das Ende der kompensierenden - oder "sterilisierenden" - Ankäufe von Anleihen im Rahmen ihres Securities Markets-Programms signalisiert.

Nach Eindruck der Experten habe EZB-Präsident Mario Draghi defensiver als zuvor geklungen. Dabei sei der eindeutig entgegenkommende Tenor der vorgestellten EZB-Maßnahmen ihrer Ansicht nach ungleich bedeutsamer als inhaltliche Details gewesen. Manche Analysten hätten ein quantitatives Lockerungsprogramm (QE) durch die gezielte Ausgabe von Euro zum Kauf finanzieller Vermögenswerte prognostiziert, das die Experten jedoch seinerzeit als unwahrscheinlich erachtet hätten. Insgesamt schienen die Marktteilnehmer überrascht von der Aggressivität der EZB, so die Experten von Franklin Templeton.

Von den im Juni angekündigten Schritten habe die EZB die Zinssenkung recht gut kommunizieren können, doch der Negativzins auf EZB-Einlagen erschien weitgehend symbolisch, da er nur die überschüssigen Reserven von Banken aus der Eurozone betrifft und daher nur begrenzte Marktwirkung zeigen dürfte, so die Experten von Franklin Templeton. Die angedachten gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte (TLTROs), die Banken der Eurozone Ausleihungen bei der EZB zu extrem niedrigen Zinsen ermöglichen würden, seien ein wichtiger Schritt gewesen. Die Kredite würden Banken für ganze vier Jahre billige Finanzierungsmöglichkeiten bieten - diesmal mit angemessener Laufzeit. Zuvor habe die EZB den Fehler gemacht, zu kurzfristige Kredite anzubieten, was neue Probleme nach sich gezogen habe.

Die Einführung der TLTROs hebe einen Schwerpunkt der EZB hervor, nämlich die Kreditvergabe der Banken, die in den Augen der Experten wesentlich sei für die Steigerung des derzeit in der Eurozone festzustellenden schwachen Wachstums. Doch der Fokus der EZB liege bei weitem nicht nur auf Anreizen zur verstärkten Kreditvergabe. Das Spektrum an eingeführten Maßnahmen bestätige tatsächlich, dass Draghi nicht versucht, den Erfolg der EZB auf einer einzigen Strategie aufzubauen. Stattdessen bemühe er sich, auf unterschiedlichem Wege die Liquidität zu steigern und die Inflation anzuheizen. Die EZB wolle wohl sehen, welche Strategie am besten funktioniere, und diese dann verstärkt einsetzen - oder etwas anderes ausprobieren, wenn kein Ansatz den erhofften Erfolg bringe.

Bezüglich des Ausblicks sollten die Anleger nach Erachten der Experten von Franklin Templeton nicht vergessen, dass die EZB zugesagt hat, bei Bedarf weitere quantitative Maßnahmen zu prüfen. Den Experten sei aufgefallen, dass Draghi zuvor geäußert habe, die Zinsen könnten noch sinken, diesmal jedoch lediglich von weiterhin niedrigen Sätzen gesprochen habe. Das lasse vermuten, dass künftig andere Maßnahmen im Vordergrund stünden. Er habe klargestellt, die EZB werde weitere unkonventionelle Maßnahmen ergreifen, falls weiterhin schwache Wirtschaftsdaten das erfordern würden - insbesondere, falls die Inflations- und Wachstumsprognosen nach unten korrigiert würden.

Als wahrscheinlichstes Szenario erachten die Experten von Franklin Templeton noch weitere EZB-Maßnahmen, die letztlich in diesem oder Anfang des nächsten Jahres in einem direkten QE-Programm münden dürften. Nach Erachten der Experten gehe Draghi angesichts des bereits erfolgten spürbaren Renditerückgangs äußerst geschickt vor und lasse vielfach den Markt für sich arbeiten. Mit seinem letzten Maßnahmenpaket bleibe er vermutlich im Trend. Dessen ungeachtet habe Draghi klargestellt, das ein QE-Programm durchaus vom EZB-Mandat gedeckt sei und längerfristig ins Auge gefasst werden könnte.

Aus breiterer Perspektive würden die Maßnahmen der EZB zeigen, dass sich die Notenbanken in verschiedenen Teilen der Welt in ganz unterschiedlichen Phasen des Konjunkturzyklus befänden. In Europa lockere die EZB ihre Geldpolitik eindeutig weiter und werde dies nach Meinung der Experten noch jahrelang tun. Japan habe Anfang 2013 mit direkter QE-Politik begonnen und drucke immer noch Geld, obwohl die USA ihr QE-Programm bereits zurückfahren würden. Global erhöhe sich die Liquidität noch, die den Kapitalmärkten zugeführt werde, was die Vermögenspreise nach Überzeugung der Experten hinlänglich stützen dürfte.

Insgesamt sind die Rahmenbedingungen für die europäischen Rentenmärkte nach dem Eindruck der Experten von Franklin Templeton günstig. Sie würden dort Wertpotenzial erkennen, aber in anderen Regionen ebenfalls. Angesichts der lockeren EZB-Politik könnten als "riskant" einzustufende Papiere wie hochverzinsliche Unternehmensanleihen oder Aktien profitieren. Die Experten von Franklin Templeton interessieren sich unter solchen Umständen für Wertpapiere, die höhere Renditen erzielen. Sie würden daher weiterhin nach relativem Wert unter den Anleihen stärker verschuldeter und weniger wohlhabender Euroländer suchen - der so genannten Peripherie der Eurozone, deren größte Länder Spanien und Italien seien. (Stand vom 29.07.2014) (04.08.2014/alc/a/a)