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EZB beendet Zinssenkungen, Fed setzt Lockerung fort


14.11.25 09:05
Bankhaus Carl Spängler & Co

Salzburg (www.anleihencheck.de) - "Die Konjunktur zieht in Europa und den USA an, die Inflation spielt ihr eigenes, widersprüchliches Spiel und während die EZB ihre Zinssenkungen beendet hat, hat die Fed die Zinsen zuletzt zweimal in Folge reduziert", sagt Markus Dürnberger, Bereichsleiter Asset Management im Bankhaus Spängler, im aktuellen Kapitalmarktupdate der ältesten Privatbank Österreichs.

"Die Musik spielt an den Aktienmärkten, die von Rekordhochs und KI-Euphorie, aber auch hohen Bewertungen geprägt sind", ergänze Portfoliomanager Daniel Briesemann. Die beiden Asset-Management-Experten würden analysieren, wo derzeit Chancen lägen und welche Risiken Anleger:innen im Auge behalten sollten.

Die Wirtschaft in der Eurozone habe einen Boden gefunden und erhole sich zunehmend. So sei der kombinierte Einkaufsmanagerindex im Oktober auf den höchsten Stand seit fast zweieinhalb Jahren gestiegen. "Die Stimmung in den Unternehmen hat sich deutlich aufgehellt", erkläre Briesemann. "Getragen wurde der Anstieg durch den Dienstleistungssektor. Die befragten Unternehmen stellen mehr Personal ein, da die Nachfrage anzieht." Da sich auch die Lage in der Industrie verbessert habe, deute dies auf ein zunehmendes Wirtschaftswachstum in den kommenden Quartalen hin. In den USA zeige die Tendenz ebenfalls nach oben. Die US-Wirtschaft laufe bislang noch auf vollen Touren.

Ein Vergleich der Inflationsraten zeige, dass sich Europa und die USA derzeit in unterschiedlichen Phasen befänden. In der Eurozone liege die Inflation mit 2,1 Prozent nur noch leicht über dem Ziel der EZB von zwei Prozent. In den kommenden beiden Jahren solle sie sogar nachhaltig darunter fallen. "Allerdings besteht das Risiko, dass die Teuerungsrate wegen der steigenden Staatsverschuldungen wieder anzieht", warne Dürnberger. In den USA gehe die Inflation hingegen in die falsche Richtung. Sie sei seit etwa einem halben Jahr fast kontinuierlich gestiegen und habe zuletzt bei 3,0 Prozent gelegen - deutlich über dem Ziel der Fed. Es bestehe die Gefahr, dass die Inflation wegen der zahlreichen Zölle zunächst noch weiter anziehe. Ein nachhaltiger Rückgang werde erst gegen Ende 2026 erwartet.

Auch in der Zinspolitik würden Europa und die USA unterschiedliche Wege gehen. So habe die EZB bereits im Juni ihren Zinssenkungszyklus beendet. Innerhalb eines Jahres habe sie die Zinsen um 200 Basispunkte auf aktuell 2 Prozent gesenkt. EZB-Präsidentin Lagarde habe mehrfach kommuniziert, dass nicht mit weiteren Zinssenkungen zu rechnen sei. Die US-Notenbank Fed habe dagegen die Zinsen zuletzt zweimal in Folge gesenkt. "Fed-Chef Powell hat die Erwartungen einer weiteren Zinssenkung zwar etwas gedämpft, die Fed dürfte ihren Zinssenkungszyklus aber bis weit ins nächste Jahr hinein fortsetzen", so Briesemann. Der Arbeitsmarkt habe sich zuletzt abgeschwächt, was der Fed Sorgen bereite. "Und die US-Notenbank steht politisch enorm unter Druck, denn US-Präsident Trump fordert seit Langem vehement umfangreiche Zinssenkungen. Da Powells Amtszeit im Mai 2026 ausläuft, besteht die Gefahr, dass die Fed zunehmend politisiert wird und sogar ihre Unabhängigkeit verliert."

Während es an den Anleihemärkten in den vergangenen Monaten relativ ruhig zugegangen sei, spiele sich die Action an den Aktienmärkten ab. Im Oktober hätten viele Indizes neue Rekordhochs erreicht. Seit Jahresbeginn hätten chinesische Titel um 21,8 Prozent, europäische Aktien um 13,2 Prozent und US-Aktien um 3,8 Prozent zugelegt. Die beste Entwicklung zeige zuletzt der chinesische Markt: Die Aktien dort hätten von der Annäherung der USA und Chinas im Handelsstreit sowie von staatlichen Maßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft profitiert. "Der S&P 500 hat im Oktober den sechsten Monatsgewinn in Folge verzeichnet, die Nasdaq sogar den siebten", berichte Asset Manager Dürnberger. "Getragen wird der Markt in den USA von den großkapitalisierten Technologiewerten, die im Zuge der KI-Euphorie die meisten anderen Titel in den Schatten stellen."

Die teilweise starken Kursanstiege würden sich auf die Bewertung der Unternehmen auswirken. Vor allem US-Aktien, insbesondere Technologiewerte, hätten sich zuletzt deutlich verteuert und seien mittlerweile ambitioniert bewertet. Ein Blick auf den breiten US-Markt zeige, dass das Kurs-Gewinn-Verhältnis mit aktuell 25,7 deutlich über dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre liege. "Dies ist den Technologieunternehmen zuzuschreiben, die im Zuge der KI-Euphorie viele Vorschusslorbeeren erhalten haben", sage Dürnberger. "Zuletzt haben einige Marktteilnehmer:innen die hohen Bewertungen infrage gestellt und Gewinne mitgenommen." Auch in Europa seien die Bewertungen der Unternehmen gestiegen, allerdings nicht so stark wie in den USA. Das KGV des breiten europäischen Marktes liege mit 16,1 nur leicht über dem langjährigen Durchschnitt. Europäische Unternehmen hätten aus dieser Sicht Aufholpotenzial gegenüber US-Werten.

Das Basisszenario des Bankhaus Spängler sei gekennzeichnet durch ein moderates Wirtschaftswachstum, eine unter Kontrolle bleibende Inflation in Europa, weitere Zinssenkungen in den USA und moderat steigende Unternehmensgewinne. "Die bestehenden Risiken sind nach wie vor die (Geo-)Politik, eine wieder steigende Inflation, hohe und weiter steigende Staatsschulden, die Gefahr, dass die Fed ihre Unabhängigkeit verliert, sowie die aktuell hohen Bewertungen", fasse Portfoliomanager Briesemann zusammen. (Ausgabe vom 13.11.2025) (14.11.2025/alc/a/a)