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EZB: Zinssenkungspause im Juli erwartet


31.05.24 13:45
DONNER & REUSCHEL AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Das Wachstum der US-Volkswirtschaft wurde für das erste Quartal von 1,6 auf 1,3 Prozent (annualisiert) deutlich nach unten revidiert, so Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL AG.

Vor allem der private Konsum sei schwächer ausgefallen und untermauere die Erwartung, dass die anhaltend hohen Zinsen die wirtschaftliche Dynamik ausbremsen würden. Allerdings sei nicht mit einem stärkeren Einbruch der US-Wirtschaft zu rechnen, denn Umfragen unter Unternehmen seien zuletzt positiver ausgefallen und würden sowohl im Dienstleistungsbereich als auch in der Industrie künftig eine steigende Produktion erwarten lassen. Damit bleibe ein "soft landing", also eine Abkühlung des Wachstums ohne Rezession, das wahrscheinlichste Szenario für die kommenden Monate.

An der geldpolitischen Ausrichtung der US-Notenbank FED dürfte sich vorerst nichts ändern. Sie werde weiterhin datenabhängig über etwaige Leitzinsschritte entscheiden und zunächst abwarten, ob die schwächere Wachstumsdynamik sich nennenswert auf die in den USA noch deutlich überhöhte Verbraucherpreisinflation auswirke. Gemäß jüngster Einkaufsmanagerindices sei zumindest kurzfristig nicht mit weniger stark steigenden Einkaufs- und Verkaufspreisen der Unternehmen zu rechnen. Daher bleibe die Perspektive, dass die US-Leitzinsen frühestens im September und maximal zweimal in diesem Jahr gesenkt werden könnten.

In Deutschland und der Eurozone hätten Unternehmensstimmungsindikatoren zuletzt eine künftig zunehmende Dynamik angezeigt. Während Dienstleister weiter positive Erwartungen an ihre künftige Geschäftsentwicklung hätten, nehme in der Industrie zumindest der Pessimismus ab. Insgesamt werde daher für die kommenden Monate eine wirtschaftliche Erholung erwartet. Neben einer Belebung der globalen Industriegüternachfrage sollten insbesondere steigende Realeinkommen für eine stärkere Nachfrage nach Konsumgütern und Dienstleistungen sorgen.

Passend dazu habe das Statistische Bundesamt einen Anstieg der Nominallöhne in Deutschland im ersten Quartal in Höhe von 6,4 Prozent berichtet. Nach Abzug der Inflation sei damit ein Anstieg der Reallöhne um 3,8 Prozent verblieben - der höchste Wert seit 2008. Auch wenn dadurch bisher nur ein Teil der Reallohnverluste der letzten beiden Jahre kompensiert worden sei, zeige der aktuelle GfK-Konsumklimaindex, dass der private Konsum langsam an Dynamik zunehme. Nur von größeren Anschaffungen werde aufgrund bestehender politischer Unsicherheiten und des erhöhten Preisniveaus weiterhin Abstand genommen.

Die Inflation in Deutschland sei erwartungsgemäß im Mai leicht von 2,2 auf 2,4 Prozent angestiegen. Hintergrund sei vor allem ein rechnerischer Basiseffekt gewesen, da die Teuerung im Mai 2023 mit der Einführung des 49-Euro-Tickets deutlich gesunken sei. Allerdings sei der Anstieg der Dienstleistungspreise mit 3,9 Prozent weiterhin deutlich erhöht ausgefallen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) werde auf ihrer Ratssitzung in der kommenden Woche voraussichtlich aber trotzdem eine erste Leitzinssenkung beschließen, denn die Zielgröße der Notenbank von 2 Prozent dürfte in den kommenden Monaten weiter näher rücken. Allerdings sei nicht mit einem vordefinierten Zinssenkungspfad zu rechnen. Wie auch die FED werde die EZB auf die bestehenden, vor allem lohninduzierten Inflationsgefahren hinweisen und datenabhängig die weitere geldpolitische Ausrichtung festlegen.

Die Analysten würden von einer Zinssenkungspause im Juli und einer möglichen weiteren Zinssenkung im September ausgehen. Entscheidend werde dann auch sein, welche Erwartungen die EZB auf Basis ihrer eigenen quartalsweise aktualisierten Projektionen für Wachstum und Inflation bekannt gebe. Bei der nächsten Veröffentlichung in der kommenden Woche seien keine größeren Abweichungen zu erwarten.

Beachtenswert sei in diesem Kontext auch, dass sowohl im Roten Meer als auch im Panamakanal weiterhin internationale Containerfrachtrouten erheblich gestört seien. Die resultierenden erhöhten Frachtkosten aufgrund zu fahrender Umwege würden schon jetzt in deutlich steigenden Frachtraten resultieren. Sollte sich an dem Status quo nichts ändern während die globale Industriekonjunktur in den kommenden Monaten an Fahrt aufnehme, dürften die gestiegenen Kosten stärker auf die Endverbraucherpreise durchschlagen. (31.05.2024/alc/a/a)