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EZB: Tapering umfangreicher als erwartet?


19.10.17 11:00
AB

München (www.anleihencheck.de) - "Es ist beinahe sicher, dass bei der nächsten Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am 26. Oktober endlich 'weißer Rauch' aufsteigt und Mario Draghi eine weitere Beschleunigung des Taperings, also des Zurückfahrens des Anleihekaufprogramms, ankündigt", ist sich Jorgen Kjaersgaard, Head of European Credit bei AllianceBernstein (AB), sicher.

Der Markt erwarte einen weiteren Rückgang des Kaufs von Staatsanleihen im Zuge der quantitativen Lockerung (QE) auf 40 Milliarden Euro monatlich. "Wir denken jedoch, dass das QE auf 20 Milliarden Euro pro Monat reduziert wird. Zugleich erwarten wir, dass das Anleihekaufprogramm ab Januar 2018 um neun Monate verlängert wird", so der AB-Experte. Auf der anderen Seite werde die EZB ihr Kaufprogramm für Unternehmensanleihen Anfang 2018 in unverändertem Tempo fortsetzen.

"Wenn wir das aktuelle Renditeniveau betrachten, glauben wir jedoch: Der Markt hat den Umfang und die Bedeutung der Entscheidung, das Kaufprogramm drastisch zurückzufahren, nicht voll eingepreist." Aus diesem Grund warne Kjaersgaard: "Wenn der Markt sich nicht auf ein solches Szenario einstellt, wird die EZB mit ihrem Vorgehen eine erhöhte Volatilität auslösen."

Das Zurückfahren des Kaufprogramms für Staatsanleihen führe dazu, dass die Zinsen am kurzen Ende der Zinskurve niedrig bleiben und die 10-Jahres-Zinsen der Bundesanleihen um circa 30 bis 40 Basispunkte steigen würden. Die somit steilere Zinskurve sollte Banken und Versicherungen zugutekommen: Ihre Margen würden damit wieder steigen.

Für Unternehmensanleihen bedeute dies, dass sich europäische Papiere aus dem Investment-Grade-Bereich und auch im hochverzinslichen Segment besser entwickeln sollten als Staatsanleihen. Auf Durationsebene sollten kurze bis mittlere Laufzeiten am besten dastehen. Auf Sektorenebene würden die Experten die besten Chancen für Finanzen und zyklische Sektoren sehen.

Aus Sicht der Europäischen Zentralbank sei es sinnvoll, das QE-Programm noch vor Erreichen des Inflationsziels zu reduzieren, da ihr so für das Jahr 2018 ausreichend Stimulationsoptionen zur Verfügung stünden. Man dürfe nicht vergessen, dass weiterhin Anleihen gekauft und Reinvestitionen getätigt würden. Darüber hinaus würden die Experten Zinserhöhungen erst für 2019 erwarten, einige Zeit nach Ablauf des Anleihekaufprogramms.

Wenn die Experten das aktuelle Renditeniveau betrachten würden, würden sie jedoch glauben: Der Markt habe den Umfang und die Bedeutung der Entscheidung, das Kaufprogramm drastisch zurückzufahren, nicht voll eingepreist. Hinzu komme die Tatsache, dass sich die Duration im Universum der europäischen Anleihen über die letzten fünf Jahre stetig erhöht habe. Angesichts dessen sollten die Renditen nach dem QE noch um einiges stärker fallen als von vielen Marktteilnehmern aktuell erwartet. Eine Reduzierung der monatlichen Käufe von 60 auf 20 Milliarden Euro könnte daher überraschen und für Schwankungen auf dem Markt sorgen.

Man dürfe jedoch eins nicht vergessen: Die Notenbank fahre das Kaufprogramm herunter, weil der aktuell positive konjunkturelle Hintergrund keinen geldpolitischen Stimulus mehr erfordere. Gleichzeitig sorge die niedrige Inflation dafür, dass die Zentralbank diesen jedoch nur schrittweise zurücknehmen könne. (19.10.2017/alc/a/a)