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EZB: In der Defensive


07.06.24 14:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Wie erwartet, hat die EZB ihre Leitzinssätze um jeweils 25 Basispunkte auf 3,75% (Einlagefazilität) und 4,25% (Hauptrefinanzierungssatz) gesenkt, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank.

Ein anderes Vorgehen wäre ein Kommunikationsdesaster gewesen, da diese Senkung in den letzten Wochen ungewöhnlich deutlich angekündigt worden sei. Für Christine Lagarde sei es nach dem Beschluss jedoch keine angenehme Pressekonferenz gewesen. Sie sei eher in der Defensive gewesen, da die jüngsten Daten zu Inflation, Löhnen und Wachstum allesamt gestiegen seien, anstatt zu sinken, wie es bei einer Zinssenkung zu erwarten gewesen wäre. Sie rechne in dieser Hinsicht mit "Unebenheiten auf dem Weg". Die Projektionen des EZB-Stabs für die weitere Entwicklung von Inflation und Wachstum seien nach oben korrigiert worden. Erst in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 werde das Inflationsziel erreicht, so Lagarde. Insgesamt sei eine Zinssenkung bei der nächsten EZB-Sitzung im Juli nicht sehr plausibel und eine Senkung im September werde von niedrigeren Inflations- und Lohndaten abhängen.

Die Ankündigungen im Einzelnen:

(Zitate seien in Anführungszeichen und von Christine Lagarde, es sei denn, es werde auf jemand anderen verwiesen)

Zur Inflation: "Es wird erwartet, dass die Inflation für den Rest des Jahres um das derzeitige Niveau schwankt und dann in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres in Richtung unseres Ziels zurückgeht, was unter anderem auf ein schwächeres Wachstum der Arbeitskosten zurückzuführen ist (...)."

Einordnung: Das klinge ziemlich pessimistisch und lasse Zweifel aufkommen, ob eine Zinssenkung im September wirklich stattfinden werde. Die Hamburg Commercial Bank gehe davon aus, dass die Inflation im Laufe des Sommers zurückgehe, aber bis zum Ende des Jahres wieder ansteige. In diesem Szenario wäre eine Senkung im September daher immer noch möglich.

Zu den Löhnen: "... die vorausschauenden Indikatoren deuten darauf hin, dass sich das Lohnwachstum in diesem Jahr abschwächen wird."

Einordnung: Der "Indeed Wage Tracker" habe sich als recht guter Prognostiker für das Lohnwachstum erwiesen, wenn man die Reihe um sieben Monate vorverlege. Derzeit signalisiere dieser Indikator, dass das Lohnwachstum von 4,7% im ersten Quartal auf etwa 3% im dritten/vierten Quartal zurückgehen werde. Lagarde habe betont, dass die deutschen Lohndaten wesentlich zu dem unerwartet hohen Lohnanstieg im ersten Quartal beigetragen hätten, der die EZB in die Defensive gebracht habe.

Neue Projektionen): Das BIP der Eurozone sei für das aktuelle Jahr deutlich um 0,3 Prozentpunkte auf 0,9% nach oben korrigiert worden, was gut zur Prognose der Hamburg Commercial Bank von 0,8% passe. Was die Inflation betreffe, so seien die Jahresdurchschnittswerte für 2024 und 2025 um 0,2 Prozentpunkte nach oben korrigiert worden.

Einordnung: Die Aufwärtskorrektur der Inflationsprognose bedeute, dass das Inflationsziel erst Ende 2025 erreicht werde, also später, als zuvor erwartet. Die Hamburg Commercial Bank gehe sogar davon aus, dass die Inflation bis Ende dieses Jahres wieder anziehen und im nächsten Jahr bei 3% verharren werde. In jedem Fall schreie die neue EZB-Prognose nicht nach einer Reihe von Zinssenkungen.

Einstimmiges Votum? Die Entscheidung sei nicht ganz einstimmig ausgefallen, da ein Mitglied (ein Mann) nicht zugestimmt habe.

Einordnung: Dies sei etwas überraschend, da die Kommunikation aller EZB-Mitglieder ziemlich einheitlich gewesen sei, nämlich die Zinssätze zu senken.

Zu den drei Kriterien für die Geldpolitik: "... Zinsentscheidungen basieren auf unserer Einschätzung der Inflationsaussichten, (...), der Dynamik der zugrunde liegenden Inflation und der Stärke der geldpolitischen Transmission."

Anmerkung: Lagarde habe dies betont, obwohl es nichts Neues sei. Das Kriterium "Inflationsaussichten" begünstige eine neue Zinssenkung erst im September, wenn neue Projektionen veröffentlicht würden (wenn die neuen Projektionen das Senken dann auch rechtfertigen würden). Das Kriterium "Dynamik der zugrunde liegenden Inflation" deute sehr stark auf das Lohnwachstum hin, das insbesondere in die Inflationsrate für Dienstleistungen einfließe. Wenn das Lohnwachstum während des Sommers hoch bliebe, werde es im September höchstwahrscheinlich keine Zinssenkung geben. Die "Stärke der geldpolitischen Transmission" beziehe sich auf das Kreditwachstum und die allgemeine Wirkung höherer Zinssätze auf die Wirtschaft, einschließlich des Bausektors. Diese Übertragung scheine in der Tat zu funktionieren.

Zum neutralen Zinssatz: "Wir sind jetzt weit vom neutralen Zinssatz entfernt, und mit dem Wechsel von 4% auf 3,75% beim DFR [Deposit Facility Rate, zu deutsch "Einlagefazilitätszinsatz"] sind wir nicht in der Nähe des neutralen Zinssatzes."

Einordnung: Mit der Aussage, dass die EZB weit vom neutralen Zinssatz entfernt sei (der Zinssatz, der die Wirtschaft weder unterstütze noch belaste), mache Lagarde deutlich, dass der geldpolitische Kurs auch nach einigen Senkungen restriktiv bleibe. Dies würde die Erwartung des Marktes (und die Ansicht der Hamburg Commercial Bank) hinsichtlich einer Zinssenkung im September unterstützen. (07.06.2024/alc/a/a)