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EU vs. Griechenland: Der nächste (faule) Kompromiss?


13.02.15 11:53
Meriten IM

Düsseldorf (www.anleihencheck.de) - Öffentlichkeit und Finanzmärkte wurden in mehrfacher Hinsicht von den Entwicklungen in und um Griechenland überrascht, so Holger Fahrinkrug, Chefvolkswirt bei Meriten Investment Management.

Die relative Ruhe an den Finanzmärkten - außerhalb Griechenlands - sei insofern bemerkenswert. Ob dies so bleibe, hänge davon ab, ob für das Land eine Lösung gefunden werde, die es der Syriza-Regierung erlaube, einen signifikanten Teil ihrer eigentlich unfinanzierbaren Wahlversprechen umzusetzen, und die es gleichzeitig den Gläubigern erlaube, für sich in Anspruch zu nehmen, den unmittelbaren Verlust von Steuergeldern durch einen griechischen Staatsbankrott verhindert zu haben.

Szenario 1: Der EU-Kompromiss
Subjektive Wahrscheinlichkeit: >80%

EU-Kompromisse im Rahmen der Schuldenkrise seien bisher nie rein ökonomische Lösungen, sondern stets durch politischen Pragmatismus geprägt gewesen. Das gleiche dürfte für einen zukünftigen Kompromiss zum Griechenland-Problem gelten; ansonsten würde ernsthafter über einen Schuldenschnitt verhandelt werden. Unstrittig sei, dass Griechenland ohne neues Hilfspaket seinen Schuldendienst nicht wie vorgesehen leisten könne. Weitestgehend unstrittig dürfte auch sein, dass ein "weiter so" angesichts der innenpolitischen Stimmungslage in Griechenland nicht möglich sei. Und politisch unumstritten scheine auch zu sein, dass ein GREXIT und/oder eine GRINSOLVENZ um jeden Preis vermieden werden sollten.

Vor diesem Hintergrund würden die Experten am Ende des laufenden schwierigen Verhandlungsprozesses einen Kompromiss erwarten, der Griechenland selbst, aber auch seinen Gläubigern und Investoren zumindest für einige Jahre Sicherheit bringe - auch wenn er die Schuldenproblematik an sich nicht löse. Wichtig sei, dass die Lösung glaubwürdig sei und das Vertrauen in die EU insgesamt stärke. Dies sei insbesondere im Hinblick auf das im März beginnende QE-Programm der EZB bedeutsam, denn dessen Wirksamkeit würde durch einen griechischen Default zumindest beeinträchtigt. Insofern würden die Experten im Falle eines Griechenland-Kompromisses eine positive Reaktion der EWU-Peripheriemärkte, sowohl im Fixed-Income- als auch im Aktiensegment erwarten. Mehr Sicherheit könnte allerdings auch zu Abflüssen aus den sicheren Häfen, und hier vor allem Bundesanleihen, führen, und daher zu einem leichten Anstieg der Renditen deutscher Staatsanleihen.

Szenario 2: GRINSOLVENZ / GREXIT
Subjektive Wahrscheinlichkeit: <20%

Es sei vielfach auf die mittlerweile verringerten Ansteckungsgefahren eines GREXIT und sogar einer GRINSOLVENZ hingewiesen worden. Sollte ein solches Ereignis tatsächlich stattfinden, Griechenland aber weiter in der EU bleiben, könnten die Experten dieser Einschätzung zustimmen. Dann könnte sich Griechenland bestenfalls mit einer deutlich schwächeren Währung und zumindest teilweise abgeschriebenen Schulden reformieren und auf einen Wachstumspfad zurückkehren. Sollte es allerdings als Folge des Konflikts zu einem EU-Austritt Griechenlands kommen, wäre das Gegenteil der Fall. Dies wäre eine schwer zu verkraftende politische Niederlage der EU, verbunden mit erhöhter geopolitischer Unsicherheit wegen der Ausdehnung des russischen Einflussbereiches, die auch die Finanzmärkte negativ stimmen dürfte. (13.02.2015/alc/a/a)