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EM Debt: Chancen in einer risikoreicheren Welt


28.04.23 10:00
Barings

Boston (www.anleihencheck.de) - Die Fundamentaldaten der Schwellenländer sind nach wie vor stark und bieten trotz der Risiken in den entwickelten Märkten, die zur Vorsicht mahnen, weiterhin Chancen, so die Experten von Barings.

Die Schwellenländer seien von den Bankenproblemen, die die Industrieländer erschüttert hätten, weitgehend verschont geblieben. Sollte die Inflation in den USA jedoch langsamer sinken und die Rezession früher und stärker eintreten als noch vor einigen Monaten erwartet, könnten die Schwellenländer die Auswirkungen in Form einer Neubewertung von Krediten und größerer Risikoaversion zu spüren bekommen.

Die Experten würden glauben, dass die Aussichten für die meisten aufstrebenden Volkswirtschaften aus einer Reihe von Gründen positiv bleiben würden: Zum einen werde erwartet, dass das Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern in diesem Jahr schneller wachse als in den Industrieländern - die Prognosen des IWF würden von einem Wachstumsunterschied von fast 3 Prozentpunkten zwischen den Industrie- und den Schwellenländern ausgehen. Überdies würden die Experten glauben, dass die Auswirkungen der Bankenkrise in den Industrieländern kaum direkte Auswirkungen auf die Schwellenländer hätten, da es kaum eine direkte Ansteckungsgefahr von den in Schwierigkeiten geratenen US-Regionalbanken auf die Volkswirtschaften der Schwellenländer im weiteren Sinne gebe.

Darüber hinaus bestehe die Möglichkeit, dass die Zentralbanken der Industrieländer nach den Spannungen im Bankensektor eine Pause bei der Straffung der Geldpolitik einlegen würden, was darauf hindeute, dass die Inflation in den Industrieländern noch länger anhalte. Während die Experten die Aussichten für die aufstrebenden Volkswirtschaften nach wie vor positiv einschätzen würden, berge die Möglichkeit, dass die Inflation in den Industrieländern später als erwartet zurückgehe, das Risiko, dass das globale Zinsumfeld länger hoch bleibe.

Dieses Umfeld berge zwar Risiken, biete aber auch eine Reihe von Chancen auf der Seite der Staats- und Lokalanleihen. Bei den lokalen Schuldtiteln würden die Experten angesichts der inzwischen positiven Realzinsen in vielen Schwellenländern ausgewählte Chancen sehen. Tatsächlich hätten die lokalen Märkte im ersten Quartal in US-Dollar gut abgeschnitten und eine Rendite von 5,1 Prozent erzielt. Anleger mit bestehendem EM-Engagement hätten die Möglichkeit, Währungs-Alpha zu generieren, ohne ein signifikantes Markt-Beta-Risiko einzugehen - vor allem in einer Reihe von lateinamerikanischen und asiatischen Ländern.

Brasilien sei unter dem Gesichtspunkt der lokalen Zinssätze attraktiv, da sich die Wirtschaft verlangsame und die Inflation sinke, und die Experten würden auch Wert in Peru sehen. Darüber hinaus böten die Sorgen um die Wiedereröffnung Chinas und die Auswirkungen, die dies auf die Rohstoffpreise und Exporte haben könnte, Chancen in asiatischen Ländern wie Korea und Malaysia. In den osteuropäischen Ländern seien die Chancen dagegen weniger überzeugend, da die Inflation in diesen Ländern weiterhin recht hoch sei.

Bei Hartwährungsanleihen seien die Experten etwas vorsichtiger, da die Unsicherheiten in Bezug auf Zinsen und Inflation das Umfeld für Kredite wahrscheinlich volatil halten würden. Sie würden jedoch ausgewählte Gelegenheiten sehen, bei denen das Wachstum nach oben überraschen könnte. Sie würden sich weiterhin auf Länder mit diversifizierten, wettbewerbsfähigen und gut geführten Volkswirtschaften konzentrieren, die Unsicherheiten und Turbulenzen standhalten könnten. Sie würden insbesondere Staatsanleihen mit Investment-Grade-Rating für wertvoll halten, deren Fundamentaldaten nach wie vor stark seien, auch wenn sich das Wachstum verlangsamen könnte, wie etwa in einer Reihe von asiatischen Ländern.

Den Experten gefalle Chile, wo das Tail-Risiko weitgehend vermieden worden sei. Im Bereich der Hochzinsanleihen seien die Spreads im Vergleich zu den historischen Durchschnittswerten zwar nach wie vor hoch, doch würden die Experten sehr ausgewählte Chancen sehen. Insbesondere einige BBs würden potenziell attraktiv aussehen. Auch in Sri Lanka, das erhebliche Anstrengungen zur Verbesserung seiner Kreditkennzahlen unternehme, würden die Experten gute Anlagemöglichkeiten sehen.

Nach den Ereignissen im Bankensektor der Industrieländer im März seien die Experten etwas vorsichtiger, was die Aussichten für Kredite betreffe, da sich die Kreditkonditionen in der Folge verschärfen könnten, und zwar in Verbindung mit den ersten Anzeichen einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums und der Möglichkeit, dass die Zinssätze eine Zeit lang erhöht bleiben würden.

Ein solches Szenario dürfte sich allgemein auf die Kredit-Spreads auswirken, auch auf die der aufstrebenden Volkswirtschaften, da der potenzielle Rückgang des weltweiten Kreditangebots und die Neubewertung der Spreads in den Industrieländern zu einer gewissen Ansteckung der aufstrebenden Unternehmen führen könnte. Während die Bilanzen der Unternehmen in den aufstrebenden Volkswirtschaften insgesamt gesund bleiben würden und die Wachstumsaussichten dort im Vergleich zu den entwickelten Märkten weiterhin attraktiv seien, sei das Bild heute differenzierter.

Insbesondere am unteren Ende des Rating-Spektrums bei den Unternehmen hätten die Risiken zugenommen, vor allem angesichts der Möglichkeit, dass diese Emittenten in den kommenden Monaten vom Zugang zu Kapital abgeschnitten werden könnten. Im ersten Quartal habe sich die Emissionstätigkeit von Unternehmen aus den Schwellenländern auf nur 75,7 Milliarden US-Dollar belaufen (von den prognostizierten 304,2 Milliarden Dollar für das Gesamtjahr 2023) - davon seien 61,5 Milliarden Dollar auf Emittenten mit Investment-Grade-Rating entfallen, da viele High-Yield-Emittenten keinen Zugang zu den Kapitalmärkten gehabt hätten.

Während also einige inländische Kapitalmärkte einer Reihe von Unternehmensemittenten Erleichterung verschaffen könnten, würden die Experten vorsichtig bleiben, was die Auswirkungen eines selektiven internationalen Kapitalmarktes auf einige High-Yield-Emittenten angehe. Infolgedessen könnte es zu einem Anstieg der Zahlungsausfälle kommen - auch wenn die Experten nicht mit einem sprunghaften Anstieg rechnen würden, da die erwartete Ausfallquote für Schwellenländerunternehmen im Jahr 2023 bei etwa 2 Prozent liege (ohne Russland, Ukraine und chinesische Immobilien).

In Anbetracht des Stresses im Bankensektor sei es auch bemerkenswert, wie sich die Bankenmodelle in den Schwellenländern von denen in den entwickelten Märkten unterscheiden würden. In den meisten Schwellenländern gebe es nur eine Handvoll erstklassiger Banken, die als D-SIB gelten würden, und die meisten von ihnen würden sich ganz oder teilweise in staatlichem Besitz befinden. Auch die Regierungen würden beträchtliche Einlagen bei den Banken halten und andere Einleger seien in der Regel in der gesamten lokalen Wirtschaft verbreitet.

Bei diesen EM-Banken handle es sich in der Regel um eher traditionelle Geschäftsbanken, die sehr breit gefächerte, konventionelle Geschäftsbanktätigkeiten ausüben würden, wie etwa Hypotheken für Wohngebäude, die Ausgabe von Kreditkarten und die Vergabe von Krediten, die nicht auf bestimmte Branchen spezialisiert seien. Daher sei die Wahrscheinlichkeit eines Ansturms auf die Einlagen einer Nischenbank gering, wie man ihn bei der Silicon Valley Bank beobachtet habe, oder eines Ausfalls wie bei der Credit Suisse. Insgesamt sei die Mehrheit der Banken in den Schwellenländern streng reguliert und gut kapitalisiert, mit einem Kapitalniveau, das weit über den Basel-III-Anforderungen liege.

Positiv zu vermerken sei, dass man Lichtblicke im gesamten Unternehmensbereich sehe. Innerhalb des Investment-Grade-Segments hätten sich die Spreads deutlich verengt, aber die Experten würden einige Gelegenheiten bei BBB-Anleihen sehen. Das High-Yield-Segment erscheine aus Risiko-Ertrags-Sicht weniger attraktiv, biete aber ihrer Meinung nach einige sehr ausgewählte Chancen bei BBs. Marktübergreifend seien Sektoren in Indien und in den Staaten des Golf-Kooperationsrates (GCC) für Unternehmen interessant, die gut positioniert seien, um vom Wirtschaftswachstum, den Infrastrukturprojekten und/oder den Themen der grünen Transformation in diesen Ländern zu profitieren.

In Lateinamerika seien Unternehmen in Mexiko aufgrund der weitreichenden Auswirkungen des Nearshoring, das im Laufe der Zeit einen Kaskadeneffekt auf mehrere Sektoren haben werde, weiterhin attraktiv. Dennoch seien die Experten nach wie vor der Meinung, dass es sinnvoll sei, auf Qualität zu achten - jetzt mehr denn je.

Für die Zukunft seien die Experten relativ optimistisch, was die Rolle der Zinssätze und Währungen als positive Faktoren für die Performance von Schwellenländeranleihen angehe. Was die Kreditwürdigkeit betreffe, würden sie angesichts der potenziell strengeren Kreditbedingungen weltweit und der höheren Finanzierungskosten vorsichtig bleiben. Sie würden weiter großes Augenmerk auf das Kreditrisiko durch eine strenge Auswahl der Emittenten und Länder legen, insbesondere in einem volatilen und unsicheren globalen makroökonomischen Umfeld. Und sie seien der Ansicht, dass Manager, die sich auf diese Faktoren konzentrieren würden, am besten positioniert seien, um Chancen zu erkennen und hervorragende Ergebnisse zu erzielen. (28.04.2023/alc/a/a)