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Droht ein neuer Wutanfall der Anleihemärkte?


15.07.20 11:30
M&G Investments

London (www.anleihencheck.de) - In der ersten Jahreshälfte kam es zu einer der schnellsten und aggressivsten Marktkorrekturen der Geschichte, so Jim Leaviss, Head of Public Fixed Income bei M&G Investments.

Ebenso beispiellos seien Geschwindigkeit und Ausmaß der anschließenden Erholung gewesen, was vor allem den Regierungen und Zentralbanken zu verdanken gewesen sei. Wie gehe es nun aber weiter?

Die Staaten würden sich derzeit wieder öffnen, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. Trotz des jüngsten Beschäftigungsaufschwungs sei die Arbeitslosigkeit immer noch außergewöhnlich hoch. Es werde wohl noch mehr fiskalische Anreize geben. Der Schuldenstand werde weiter steigen.

In der zweiten Jahreshälfte werde sich alles um das neue Taper Tantrum drehen. Im ersten im Jahr 2013 sei es um die heftige Reaktion der Anleihemärkte gegangen, die zu einem rapiden Anstieg der Renditen der US-Staatsanleihen geführt habe. Grund sei die Ankündigung der Zentralbank gewesen, ihr Programm zur quantitativen Lockerung massiv zu reduzieren.

2020 könnte der Markt erneut eine ähnlich heftige Reaktion erleben. Heute jedoch gehe es um das Ende des Kurzarbeitergeldes in den Industriestaaten. Die Länder würden sich wieder öffnen, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen, insbesondere auf der Nordhalbkugel. Trotz des jüngsten Beschäftigungsaufschwungs sei die Arbeitslosigkeit jedoch immer noch außergewöhnlich hoch. In den USA sei sie gegenüber Februar um 12 Millionen gestiegen. Bislang sei der wirtschaftliche Schaden, der dem Einzelnen zugefügt worden sei, weitgehend durch Kurzarbeiterregelungen abgefedert worden, bei denen die Regierungen einen großen Prozentsatz der Gehälter für die Arbeitnehmer gezahlt hätten, die andernfalls entlassen worden wären.

Dennoch: Die meisten Regierungen wollten noch in diesem Jahr die wirtschaftsfördernden Maßnahmen verringern. Was geschehe dann? Es werde wohl Massenentlassungen geben. Eine V-förmige Erholung sei also wenig wahrscheinlich; trotz niedriger Zinsen und einiger anhaltender fiskalischer Anreize.

Mache dies eine Inflation wahrscheinlicher? Dies hänge weitgehend davon ab, wer den Kampf zwischen Arbeit und Kapital bei der wirtschaftlichen Erholung gewinne. Die Arbeit habe seit Jahrzehnten verloren. Werde Covid-19 das ändern? Die bisherigen Daten würden nicht dafür sprechen: Nach den jüngsten Untersuchungen des Think-Tanks des US-Brooking-Instituts seien es die untersten 20 Prozent der Lohnempfänger, die die höchsten Arbeitslosenquoten zu verzeichnen hätten. So würden die Hoffnungen schwinden, dass gering bezahlte Schlüsselkräfte in der Krise, wie Krankenpflegekräfte, Auslieferungsfahrer oder Supermarktpersonal, belohnt würden. Es bestehe immer noch die Möglichkeit einer gewissen Inflation auf der Angebotsseite, wenn Lebensmittel nicht geerntet würden und die Logistik gestört sei. Aber eine nachfragegesteuerte Inflation scheine sehr unwahrscheinlich.

Es sei eine verbreitete Weisheit, dass Quantative Easing = Inflation bedeute. Stimme das? Die Geldmengenausweitung sei enorm, aber auch die Geschwindigkeit, mit der das Geld in der Wirtschaft zirkuliere. Einige würden argumentieren, dass die stärkste Wirkung von QE die auf eine Währung sei: Wenn Geld gedruckt werde, werte die Währung ab und Inflation werde durch höhere Preise für importierte Güter erzeugt. Aber was sei, wenn jeder QE mache? Was sei, wenn jeder versuche, seine Währung zu Fall zu bringen? Dann bleibe die Wirkung aus.

Der neue Treiber der Märkte sei das beispiellose Ausmaß der fiskalischen und monetären Stimulierung. Sie würden von technischen Faktoren und nicht von Fundamentaldaten gesteuert. Wie würden die Märkte nun das unvermeidliche Ende der Unterstützungsmaßnahmen bewerten, das bereits in diesem Halbjahr kommen könnte?

Wie werde man aus all diesen Schulden herauskommen? Wachstum? Es erscheine nicht plausibel, dass das Wirtschaftswachstum nach dieser Krise höher sein werde als zuvor. Inflation? Die Zentralbanken hätten ihre Inflationsziele auch in guten Zeiten nicht erreichen können. Staatsbankrotte? Es bestehe kein Grund zur Zahlungsunfähigkeit, wenn jeder seine eigene Währung drucken könne. Und was passiere, wenn der Markt aufhöre, zu glauben, dass die Zentralbanken unabhängig seien? Könnte das endlich der Auslöser dafür sein, dass die Inflationserwartungen in den Industrieländern zurückkehren würden? Werde der Faktor Arbeit nach Jahrzehnten der Verluste diesmal gegen die Macht des Kapitals gewinnen? Vielleicht müssen wir noch einige Jahre warten, um die Antworten zu erhalten, so die Experten von M&G Investments. (15.07.2020/alc/a/a)