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Der Drahtseilakt der Zentralbanken
06.12.22 10:09
ETHENEA
Munsbach (www.anleihencheck.de) - Die globale Wirtschaftstätigkeit verlangsamt sich auf breiter Basis, wobei sich der Preisdruck von der Gesamtinflation auf die Kerninflation ausweitet, so Dr. Andrea Siviero, Investment Strategist bei ETHENEA.
Die hohe Inflation, die straffere Geldpolitik und die große allgemeine Verunsicherung würden die Wirtschaftsaussichten beeinträchtigen. Man beobachte eine starke Diskrepanz zwischen den realen Wirtschaftsdaten, die auf weiterhin robuste Volkswirtschaften hindeuten würden, und den seit mehreren Monaten rückläufigen Frühindikatoren, die darauf hindeuten würden, dass sich die großen fortgeschrittenen Volkswirtschaften bereits in einem rückläufigen Bereich befinden könnten.
Nachdem die Zentralbanken ihren Straffungspfad aggressiv vorangetrieben hätten, um die Gesamtnachfrage einzuschränken, hätten sie nun weltweit begonnen, das Ausmaß ihrer Straffungsmaßnahmen zu verringern. In vielen Regionen könnte die Gesamtinflation dank des Rückgangs der Energie- und Rohstoffpreise, des Nachlassens der Lieferengpässe und der weltweiten Konjunkturabschwächung kurz vor ihrem Höhepunkt stehen. Die Inflation habe sich allerdings ausgeweitet und drohe sich in kritischen Bereichen wie Löhnen, Mieten und Dienstleistungspreisen zu verfestigen. Die Zentralbanken weltweit sollten daher eine ruhige Hand bei der Gestaltung ihrer Geldpolitik bewahren, um die Inflation weiter einzudämmen und nicht die Erwartung einer noch höheren Inflation in der Zukunft zu schüren.
Die Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft seien bereits mehrfach nach unten korrigiert worden, während die Inflationserwartungen gestiegen seien. Der IWF erwarte für 2022 ein globales Wachstum von 3,2% und für 2023 von 2,7% und warne vor drohenden Rezessionsgefahren. Weitere Herabstufungen seien möglich. Die Inflation werde, ausgehend von 8,8% im Jahr 2022, länger auf einem hohen Niveau bleiben und 2023 auf 6,5% zurückgehen.
Während man weltweit eine synchrone Konjunkturabschwächung und geldpolitische Straffung beobachte (mit wenigen bemerkenswerten Ausnahmen), seien die Wirtschaftsaussichten und die Inflationsdynamik in den einzelnen Ländern bzw. Regionen unterschiedlich.
Die US-Wirtschaft habe sich im dritten Quartal erholt und werde im vierten Quartal wahrscheinlich wieder wachsen. Die Wirtschaftsdaten seien uneinheitlich, würden aber auf eine nachlassende Dynamik hindeuten. Auf dem Arbeitsmarkt herrsche Vollbeschäftigung, die Löhne würden in einem gesunden Tempo bei soliden persönlichen Einkommen und Ausgaben steigen; allerdings würden die Frühindikatoren darauf hindeuten, dass die US-Wirtschaft bald schrumpfen könnte. Die Gesamtinflation habe wahrscheinlich ihren Höhepunkt erreicht, aber die hohe Beschäftigung treibe weiterhin die private Nachfrage und die Kernwerte der Inflation an.
Die aggressive Straffung der Geldpolitik durch die FED habe den Leitzins um insgesamt 3,75% erhöht. Um einen drastischen Wirtschaftsabschwung zu vermeiden, werde die FED das Tempo ihrer Straffung verringern. Die bisherige geldpolitische Straffung der FED zeige bereits Wirkung, aber zur Wiederherstellung der Preisstabilität sei eine noch stärkere Einschränkung der Gesamtnachfrage und eine höhere Arbeitslosigkeit erforderlich. Die FED werde ihre Politik weiter straffen und die Zinssätze für einen längeren Zeitraum auf einem hohen Niveau halten.
Aufgrund der verzögerten Wirkung der Geldpolitik würden die Experten für die Zukunft eine deutliche Konjunkturabschwächung erwarten. Durch ihre Frontloading-Politik habe die FED jedoch Zeit und geldpolitischen Spielraum gewonnen. Die FED scheine besser als andere Zentralbanken in der Lage zu sein, die wirtschaftliche Entwicklung und die Inflation zu kontrollieren, und könne auf eine widerstandsfähige Wirtschaft und ein solides Beschäftigungsniveau zählen.
Die Wirtschaft der Eurozone leide unter einer historisch hohen Inflation, einer schwächelnden Wirtschaft und Energieknappheit. Europa sei durch den Krieg in der Ukraine, die darauffolgenden Sanktionen und Handelsunterbrechungen hart getroffen und bleibe besonders anfällig für Entwicklungen auf den Energiemärkten.
Nach dem Sommeraufschwung verlangsame sich die Konjunktur, und der Industriesektor leide unter den hohen Energiepreisen und der schwächeren weltweiten Nachfrage. Die Umfragen zur Wirtschaftsentwicklung würden sich seit mehreren Monaten im Abwärtstrend bewegen. Der Arbeitsmarkt sei gesund, aber das Verbrauchervertrauen leide unter dem starken Rückgang des real verfügbaren Einkommens. Trotz der jüngsten Verbesserungen an der Energiefront und der soliden finanzpolitischen Unterstützung scheine eine technische Rezession im Laufe des Winters als sehr wahrscheinlich.
Die Inflation weite sich aus und wird hartnäckiger. Nach einer Zinserhöhung um insgesamt 2% sei der Leitzins der EZB mit 1,5% kaum noch restriktiv. Trotz der erklärten Entschlossenheit der EZB, die Inflation wieder auf das Zielniveau zu bringen, könnten die rasche Verschlechterung der Wirtschaft in der Eurozone und die politischen Spannungen die EZB dazu zwingen, das Tempo der geldpolitischen Straffung zu verringern. Die Fiskalpolitik werde immer expansiver, aber angesichts der hohen Inflation und einer drohenden Rezession könnte das problematische Stagflationsszenario von 2022 noch einige Zeit andauern.
Der 20. Nationalkongress der Kommunistischen Partei Chinas habe Xi Jinping für eine dritte fünfjährige Amtszeit in seiner Position als Staatspräsident bestätigt. Die neue Amtszeit werde geprägt sein von Xis Streben nach Machterhalt, nationalen Sicherheitsprioritäten, wirtschaftlicher und technologischer Autarkie sowie einem strikten Kurs im Hinblick auf Chinas Beziehungen zum Westen.
Die chinesische Wirtschaft habe sich seit einiger Zeit verlangsamt, bedingt durch die strengere Regulatorik, wiederholte Corona-Ausbrüche und strikte Lockdowns in großen Wirtschaftszonen. Im dritten Quartal habe sich die Wirtschaft dank politischer Unterstützung und einer Belebung der Angebotsseite erholt. Doch der Inlandsverbrauch bleibe schwach und das Kreditwachstum sei angesichts der Covid-Beschränkungen und des Anstiegs der Arbeitslosigkeit gering.
Der Immobiliensektor befinde sich infolge von Überinvestitionen und Überschuldung in einer tiefen Krise. Eine akkommodierende Politik werde das Wachstum weiterhin ankurbeln, und die Regierung habe begonnen, die Null-Covid-Politik neu auszurichten. Weitere Schritte zur Lockerung der Covid-Beschränkungen und der politischen Unterstützung würden 2023 erforderlich sein, um eine Wirtschaft wiederzubeleben, die durch eine übermäßige Verschuldung und eine schwächelnde inländische und internationale Nachfrage beeinträchtigt sei.
Die Weltwirtschaft stehe vor sehr unsicheren Zeiten, und die Wirtschaftsprognosen sind äußerst kompliziert. Die Aussichten für 2023 würden weitgehend von der Inflationsentwicklung, der Widerstandsfähigkeit der Volkswirtschaften und der Art und Weise abhängen, wie die Notenbanken ihren makroökonomischen Maßnahmenplan gestalten würden.
Erhöhter Preisdruck sei nach wie vor die größte Bedrohung für die Weltwirtschaft. Die globale Gesamtinflation werde wahrscheinlich ihren Höhepunkt erreichen, aber die Inflation verfestige sich, wobei die Preise für Dienstleistungen, Mieten und Löhne weiter steigen würden und länger als erwartet auf diesem hohen Niveau bleiben könnten.
Mehrere Zentralbanken hätten angekündigt, dass sie ihren Straffungskurs zurückfahren würden, oder sie seien bereits zu einem moderateren Straffungstempo übergegangen, um zunächst die volle Wirkung ihrer bisherigen Maßnahmen zu beobachten. Die Geldpolitik sollte ihren Kurs beibehalten, um zum einen die Preisstabilität wiederherzustellen und zum anderen nicht die Erwartungen einer künftig noch höheren Inflation zu schüren. Die Finanzpolitik sollte für Entlastungen sorgen, um die Auswirkungen der höheren Energiepreise abzufedern. Sie sollte aber nicht der geldpolitischen Straffung entgegenwirken und darauf abzielen, die Schuldenlast schrittweise zu verringern.
Insgesamt habe das Risiko politischer Fehlentscheidungen stark zugenommen. Die Zentralbanken seien mit dem Risiko konfrontiert, entweder zu wenig, oder aber zu viel zu tun. Eine übermäßige Straffung könnte die Weltwirtschaft in eine schwere Rezession stürzen oder eine Finanzkrise auslösen, wohingegen eine zu geringe Straffung zu einer verfestigten Inflation, einer Entankerung der Inflationserwartungen und einem Anstieg der künftigen Kosten für die Eindämmung der Inflation führen würde. Die Zentralbanken würden darauf bedacht sein, eine Rezession zu vermeiden. Trotzdem würden die Experten davon ausgehen, dass sie im Zweifel den Kurs der "Überstraffung" verfolgen würden, um die Inflation in den Griff zu bekommen.
Auch Bedenken hinsichtlich der Finanzstabilität könnten die geldpolitischen Entscheidungen beeinflussen. Denn die jahrelang extrem niedrigen Zinssätze hätten dazu geführt, dass - getrieben durch die Gier nach hohen Renditen - auch in den risikoreichsten Anlagelassen mit Fremdkapital investiert worden sei, um die potenziellen Gewinne noch zu steigern. Eine schnelle und energische Straffung der Politik setze die Märkte erheblichen Risiken im Hinblick auf die Finanzstabilität aus. Ein gravierender Stabilitätsverlust könnte die Zentralbanken zu einem frühzeitigen Kurswechsel zwingen, wobei ein solches Ereignis alles andere als positiv für die Weltwirtschaft wäre.
Da die Geldpolitik mit Verzögerung wirke, werde man in den kommenden Quartalen die volle Wirkung des aggressiven Frontloading der Geldpolitik erleben. Das globale Wachstum werde sich 2023 weiter verlangsamen und durch hohe Inflation, straffe Wirtschaftspolitik und Unsicherheit gedämpft werden. Aufgrund der synchronisierten globalen Verlangsamung, der hohen Verschuldung und der restriktiven Politik sei es derzeit nur schwer abzusehen, woher die Impulse für eine kräftige Erholung kommen sollten.
Die Experten würden davon ausgehen, dass sich die Kerninflation nur schrittweise in die Nähe der mittelfristigen Zielvorgaben der Zentralbanken bewegen werde. Angesichts der hohen Inflation und der weiterhin restriktiven Zinspolitik würden sie davon ausgehen, dass die Weltwirtschaft in eine flache Rezession mit einigen Quartalen negativen Wachstums (technische Rezession) eintreten werde, gefolgt von einer Periode schwachen Wachstums, das durch die anhaltende Inflation und die restriktivere Politik behindert werde.
Allerdings gebe es zwischen den Regionen erhebliche Unterschiede. Die Eurozone und das Vereinigte Königreich könnten sich bereits in einer Rezession befinden, die USA könnten einer solchen nur knapp entgehen, was von der künftigen Geldpolitik der FED abhänge. Das Wachstum in China werde weitgehend von der Lockerung der Covid-Beschränkungen und der Fähigkeit des Landes abhängen, die Krise auf dem Immobilienmarkt zu bewältigen. Die Schwellenländer in Asien und Lateinamerika scheinen die Inflationsrisiken in den Griff bekommen zu haben und würden möglicherweise in der Lage sein, das globale Wachstum im Jahr 2023 zu stützen.
Die Experten würden die Risiken einer tieferen Rezession für moderat halten, da die Arbeitsmärkte weiterhin solide seien, die Bilanzen von Verbrauchern und Unternehmen gesund seien, die Banken in einer viel besseren Verfassung seien als nach der globalen Finanzkrise und die Zentralbanken bei der Straffung der Geldpolitik vorsichtig vorgehen würden, um einen starken Rückgang der Wirtschaftsleistung zu vermeiden.
Dieses Szenario sei mit mehreren Abwärtsrisiken behaftet. Eine Entankerung der Inflationserwartungen könnte die Zentralbanken zu einer aggressiveren Straffung zwingen. Die angespannten Finanzmarktbedingungen könnten eine Krise der Finanzstabilität oder eine Krise der Schwellenländer auslösen. Größere makroökonomische Fehlentscheidungen oder weitere geopolitische Krisen könnten die Weltwirtschaft in eine schärfere und länger anhaltende Rezession stürzen als erwartet.
Dieses Szenario berge aber auch einige Aufwärtsrisiken. Eine rasche Beilegung des Krieges in der Ukraine mit einer anschließenden Verbesserung der Energiekrise in Europa und einer Entspannung der geopolitischen Lage sowie die Entscheidung Chinas, die strenge Null-Covid-Politik schrittweise zu lockern, könnten zu einer schnelleren und stärkeren wirtschaftlichen Erholung im Jahr 2023 führen. (Ausgabe vom 05.12.2022) (06.12.2022/alc/a/a)
Die hohe Inflation, die straffere Geldpolitik und die große allgemeine Verunsicherung würden die Wirtschaftsaussichten beeinträchtigen. Man beobachte eine starke Diskrepanz zwischen den realen Wirtschaftsdaten, die auf weiterhin robuste Volkswirtschaften hindeuten würden, und den seit mehreren Monaten rückläufigen Frühindikatoren, die darauf hindeuten würden, dass sich die großen fortgeschrittenen Volkswirtschaften bereits in einem rückläufigen Bereich befinden könnten.
Nachdem die Zentralbanken ihren Straffungspfad aggressiv vorangetrieben hätten, um die Gesamtnachfrage einzuschränken, hätten sie nun weltweit begonnen, das Ausmaß ihrer Straffungsmaßnahmen zu verringern. In vielen Regionen könnte die Gesamtinflation dank des Rückgangs der Energie- und Rohstoffpreise, des Nachlassens der Lieferengpässe und der weltweiten Konjunkturabschwächung kurz vor ihrem Höhepunkt stehen. Die Inflation habe sich allerdings ausgeweitet und drohe sich in kritischen Bereichen wie Löhnen, Mieten und Dienstleistungspreisen zu verfestigen. Die Zentralbanken weltweit sollten daher eine ruhige Hand bei der Gestaltung ihrer Geldpolitik bewahren, um die Inflation weiter einzudämmen und nicht die Erwartung einer noch höheren Inflation in der Zukunft zu schüren.
Die Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft seien bereits mehrfach nach unten korrigiert worden, während die Inflationserwartungen gestiegen seien. Der IWF erwarte für 2022 ein globales Wachstum von 3,2% und für 2023 von 2,7% und warne vor drohenden Rezessionsgefahren. Weitere Herabstufungen seien möglich. Die Inflation werde, ausgehend von 8,8% im Jahr 2022, länger auf einem hohen Niveau bleiben und 2023 auf 6,5% zurückgehen.
Während man weltweit eine synchrone Konjunkturabschwächung und geldpolitische Straffung beobachte (mit wenigen bemerkenswerten Ausnahmen), seien die Wirtschaftsaussichten und die Inflationsdynamik in den einzelnen Ländern bzw. Regionen unterschiedlich.
Die US-Wirtschaft habe sich im dritten Quartal erholt und werde im vierten Quartal wahrscheinlich wieder wachsen. Die Wirtschaftsdaten seien uneinheitlich, würden aber auf eine nachlassende Dynamik hindeuten. Auf dem Arbeitsmarkt herrsche Vollbeschäftigung, die Löhne würden in einem gesunden Tempo bei soliden persönlichen Einkommen und Ausgaben steigen; allerdings würden die Frühindikatoren darauf hindeuten, dass die US-Wirtschaft bald schrumpfen könnte. Die Gesamtinflation habe wahrscheinlich ihren Höhepunkt erreicht, aber die hohe Beschäftigung treibe weiterhin die private Nachfrage und die Kernwerte der Inflation an.
Die aggressive Straffung der Geldpolitik durch die FED habe den Leitzins um insgesamt 3,75% erhöht. Um einen drastischen Wirtschaftsabschwung zu vermeiden, werde die FED das Tempo ihrer Straffung verringern. Die bisherige geldpolitische Straffung der FED zeige bereits Wirkung, aber zur Wiederherstellung der Preisstabilität sei eine noch stärkere Einschränkung der Gesamtnachfrage und eine höhere Arbeitslosigkeit erforderlich. Die FED werde ihre Politik weiter straffen und die Zinssätze für einen längeren Zeitraum auf einem hohen Niveau halten.
Aufgrund der verzögerten Wirkung der Geldpolitik würden die Experten für die Zukunft eine deutliche Konjunkturabschwächung erwarten. Durch ihre Frontloading-Politik habe die FED jedoch Zeit und geldpolitischen Spielraum gewonnen. Die FED scheine besser als andere Zentralbanken in der Lage zu sein, die wirtschaftliche Entwicklung und die Inflation zu kontrollieren, und könne auf eine widerstandsfähige Wirtschaft und ein solides Beschäftigungsniveau zählen.
Die Wirtschaft der Eurozone leide unter einer historisch hohen Inflation, einer schwächelnden Wirtschaft und Energieknappheit. Europa sei durch den Krieg in der Ukraine, die darauffolgenden Sanktionen und Handelsunterbrechungen hart getroffen und bleibe besonders anfällig für Entwicklungen auf den Energiemärkten.
Nach dem Sommeraufschwung verlangsame sich die Konjunktur, und der Industriesektor leide unter den hohen Energiepreisen und der schwächeren weltweiten Nachfrage. Die Umfragen zur Wirtschaftsentwicklung würden sich seit mehreren Monaten im Abwärtstrend bewegen. Der Arbeitsmarkt sei gesund, aber das Verbrauchervertrauen leide unter dem starken Rückgang des real verfügbaren Einkommens. Trotz der jüngsten Verbesserungen an der Energiefront und der soliden finanzpolitischen Unterstützung scheine eine technische Rezession im Laufe des Winters als sehr wahrscheinlich.
Die Inflation weite sich aus und wird hartnäckiger. Nach einer Zinserhöhung um insgesamt 2% sei der Leitzins der EZB mit 1,5% kaum noch restriktiv. Trotz der erklärten Entschlossenheit der EZB, die Inflation wieder auf das Zielniveau zu bringen, könnten die rasche Verschlechterung der Wirtschaft in der Eurozone und die politischen Spannungen die EZB dazu zwingen, das Tempo der geldpolitischen Straffung zu verringern. Die Fiskalpolitik werde immer expansiver, aber angesichts der hohen Inflation und einer drohenden Rezession könnte das problematische Stagflationsszenario von 2022 noch einige Zeit andauern.
Der 20. Nationalkongress der Kommunistischen Partei Chinas habe Xi Jinping für eine dritte fünfjährige Amtszeit in seiner Position als Staatspräsident bestätigt. Die neue Amtszeit werde geprägt sein von Xis Streben nach Machterhalt, nationalen Sicherheitsprioritäten, wirtschaftlicher und technologischer Autarkie sowie einem strikten Kurs im Hinblick auf Chinas Beziehungen zum Westen.
Der Immobiliensektor befinde sich infolge von Überinvestitionen und Überschuldung in einer tiefen Krise. Eine akkommodierende Politik werde das Wachstum weiterhin ankurbeln, und die Regierung habe begonnen, die Null-Covid-Politik neu auszurichten. Weitere Schritte zur Lockerung der Covid-Beschränkungen und der politischen Unterstützung würden 2023 erforderlich sein, um eine Wirtschaft wiederzubeleben, die durch eine übermäßige Verschuldung und eine schwächelnde inländische und internationale Nachfrage beeinträchtigt sei.
Die Weltwirtschaft stehe vor sehr unsicheren Zeiten, und die Wirtschaftsprognosen sind äußerst kompliziert. Die Aussichten für 2023 würden weitgehend von der Inflationsentwicklung, der Widerstandsfähigkeit der Volkswirtschaften und der Art und Weise abhängen, wie die Notenbanken ihren makroökonomischen Maßnahmenplan gestalten würden.
Erhöhter Preisdruck sei nach wie vor die größte Bedrohung für die Weltwirtschaft. Die globale Gesamtinflation werde wahrscheinlich ihren Höhepunkt erreichen, aber die Inflation verfestige sich, wobei die Preise für Dienstleistungen, Mieten und Löhne weiter steigen würden und länger als erwartet auf diesem hohen Niveau bleiben könnten.
Mehrere Zentralbanken hätten angekündigt, dass sie ihren Straffungskurs zurückfahren würden, oder sie seien bereits zu einem moderateren Straffungstempo übergegangen, um zunächst die volle Wirkung ihrer bisherigen Maßnahmen zu beobachten. Die Geldpolitik sollte ihren Kurs beibehalten, um zum einen die Preisstabilität wiederherzustellen und zum anderen nicht die Erwartungen einer künftig noch höheren Inflation zu schüren. Die Finanzpolitik sollte für Entlastungen sorgen, um die Auswirkungen der höheren Energiepreise abzufedern. Sie sollte aber nicht der geldpolitischen Straffung entgegenwirken und darauf abzielen, die Schuldenlast schrittweise zu verringern.
Insgesamt habe das Risiko politischer Fehlentscheidungen stark zugenommen. Die Zentralbanken seien mit dem Risiko konfrontiert, entweder zu wenig, oder aber zu viel zu tun. Eine übermäßige Straffung könnte die Weltwirtschaft in eine schwere Rezession stürzen oder eine Finanzkrise auslösen, wohingegen eine zu geringe Straffung zu einer verfestigten Inflation, einer Entankerung der Inflationserwartungen und einem Anstieg der künftigen Kosten für die Eindämmung der Inflation führen würde. Die Zentralbanken würden darauf bedacht sein, eine Rezession zu vermeiden. Trotzdem würden die Experten davon ausgehen, dass sie im Zweifel den Kurs der "Überstraffung" verfolgen würden, um die Inflation in den Griff zu bekommen.
Auch Bedenken hinsichtlich der Finanzstabilität könnten die geldpolitischen Entscheidungen beeinflussen. Denn die jahrelang extrem niedrigen Zinssätze hätten dazu geführt, dass - getrieben durch die Gier nach hohen Renditen - auch in den risikoreichsten Anlagelassen mit Fremdkapital investiert worden sei, um die potenziellen Gewinne noch zu steigern. Eine schnelle und energische Straffung der Politik setze die Märkte erheblichen Risiken im Hinblick auf die Finanzstabilität aus. Ein gravierender Stabilitätsverlust könnte die Zentralbanken zu einem frühzeitigen Kurswechsel zwingen, wobei ein solches Ereignis alles andere als positiv für die Weltwirtschaft wäre.
Da die Geldpolitik mit Verzögerung wirke, werde man in den kommenden Quartalen die volle Wirkung des aggressiven Frontloading der Geldpolitik erleben. Das globale Wachstum werde sich 2023 weiter verlangsamen und durch hohe Inflation, straffe Wirtschaftspolitik und Unsicherheit gedämpft werden. Aufgrund der synchronisierten globalen Verlangsamung, der hohen Verschuldung und der restriktiven Politik sei es derzeit nur schwer abzusehen, woher die Impulse für eine kräftige Erholung kommen sollten.
Die Experten würden davon ausgehen, dass sich die Kerninflation nur schrittweise in die Nähe der mittelfristigen Zielvorgaben der Zentralbanken bewegen werde. Angesichts der hohen Inflation und der weiterhin restriktiven Zinspolitik würden sie davon ausgehen, dass die Weltwirtschaft in eine flache Rezession mit einigen Quartalen negativen Wachstums (technische Rezession) eintreten werde, gefolgt von einer Periode schwachen Wachstums, das durch die anhaltende Inflation und die restriktivere Politik behindert werde.
Allerdings gebe es zwischen den Regionen erhebliche Unterschiede. Die Eurozone und das Vereinigte Königreich könnten sich bereits in einer Rezession befinden, die USA könnten einer solchen nur knapp entgehen, was von der künftigen Geldpolitik der FED abhänge. Das Wachstum in China werde weitgehend von der Lockerung der Covid-Beschränkungen und der Fähigkeit des Landes abhängen, die Krise auf dem Immobilienmarkt zu bewältigen. Die Schwellenländer in Asien und Lateinamerika scheinen die Inflationsrisiken in den Griff bekommen zu haben und würden möglicherweise in der Lage sein, das globale Wachstum im Jahr 2023 zu stützen.
Die Experten würden die Risiken einer tieferen Rezession für moderat halten, da die Arbeitsmärkte weiterhin solide seien, die Bilanzen von Verbrauchern und Unternehmen gesund seien, die Banken in einer viel besseren Verfassung seien als nach der globalen Finanzkrise und die Zentralbanken bei der Straffung der Geldpolitik vorsichtig vorgehen würden, um einen starken Rückgang der Wirtschaftsleistung zu vermeiden.
Dieses Szenario sei mit mehreren Abwärtsrisiken behaftet. Eine Entankerung der Inflationserwartungen könnte die Zentralbanken zu einer aggressiveren Straffung zwingen. Die angespannten Finanzmarktbedingungen könnten eine Krise der Finanzstabilität oder eine Krise der Schwellenländer auslösen. Größere makroökonomische Fehlentscheidungen oder weitere geopolitische Krisen könnten die Weltwirtschaft in eine schärfere und länger anhaltende Rezession stürzen als erwartet.
Dieses Szenario berge aber auch einige Aufwärtsrisiken. Eine rasche Beilegung des Krieges in der Ukraine mit einer anschließenden Verbesserung der Energiekrise in Europa und einer Entspannung der geopolitischen Lage sowie die Entscheidung Chinas, die strenge Null-Covid-Politik schrittweise zu lockern, könnten zu einer schnelleren und stärkeren wirtschaftlichen Erholung im Jahr 2023 führen. (Ausgabe vom 05.12.2022) (06.12.2022/alc/a/a)


