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Der Dollar und die steigende Auslandsverschuldung


04.07.22 10:45
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Wechselkurse an den Devisenmärkten folgen nicht immer den volkswirtschaftlichen Fundamentaldaten, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Ein aktuelles Beispiel gebe der USD/EUR. Trotz steigender Auslandsverschuldung der USA, trotz riesigen US-Haushaltsdefizits und Leistungsbilanzdefizits werde der Dollarkurs seit Wochen immer fester. Im Kampf gegen die Inflation habe die US-Notenbank schon zweimal ihre Leitzinsen erhöht, ein dritter Schritt stehe bevor. Dagegen habe die EZB ihre Leitzinsen trotz hoher Inflation (8,6%) bis zuletzt unverändert belassen. Christine Lagarde sei überzeugt, dass sich die Inflationsdynamik im Euro-Raum dauerhaft verändert habe. "Ich glaube nicht, dass wir in ein Umfeld niedriger Inflation zurückkehren werden", habe die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) gesagt. Das Zögern der EZB habe dazu geführt, dass internationale Investoren angesichts der globalen Turbulenzen derzeit den Dollar bevorzugen würden.

Die amerikanische netto internationale Investment Position, die Differenz zwischen amerikanischen Auslandsguthaben und Verpflichtungen, habe am Ende des 1. Quartals 2022 -USD 17,75 Billionen betragen. Den Guthaben von USD 34,00 Billionen stünden Verbindlichkeiten von USD 51,75 Billionen gegenüber. Die in diesen Zahlen sich zeigende Bevorzugung des USD von ausländischen Investoren habe nichts mit den volkswirtschaftlichen Daten der USA zu tun, sondern erkläre sich aus den geopolitischen Turbulenzen. Eine weitere Belastung für den USD resultiere aus der sehr hohen Neuverschuldung, die den öffentlichen Schuldenstand in den USA inzwischen auf USD 30 Billionen hat anschwellen lassen würden. Das sei die höchste Verschuldung in der ganzen Welt und habe nichts mit soliden Finanzverhältnissen in den USA zu tun.

Ein Grundgesetz für eine solide Währung sei die Unabhängigkeit der Notenbank von Regierungsanweisungen, damit die Geldpolitik nicht in den Dienst der Haushaltspolitik gestellt werden könne. Die FED habe als Aufgabe, für hohe Preisstabilität, aber auch für ein angemessenes Wachstum zu sorgen. Wegen der letzteren Aufgabe habe sie lange gezögert, die Leitzinsen zur Inflationsbekämpfung zu erhöhen. Die Sorge habe aus der sich abschwächenden Konjunktur, der öffentlichen Schuldenlast und dem steigenden Defizit gestammt. Doch jetzt zeige sich, dass die allzu lange und allzu expansive Geldpolitik die Inflationsdynamik nur noch verstärkt habe. Diesem Fehler habe auch die EZB mit ihrem NIRP, ZIRP und QE untergelegen. Sie habe bisher auch noch auf die hohe Verschuldung der Südperipherie der Eurozone Rücksicht genommen.

In der Eurozone betrage die öffentliche Verschuldung Ende 2021 97,7% des BIP. In den USA habe die Staatsverschuldung die Marke von USD 30 Billionen (1 Billion = 1012) erreicht und Ende 2021 laut FED bei 123,6% des US-BIP gelegen. Immer lauter würden gegenwärtig die Forderungen nach öffentlichen Unterstützungsmaßnahmen zum Ausgleich der Inflation und zur Erhöhung der Verteidigungsausgaben. Die Mitglieder des Euroraumes hätten einen Stabilitäts- und Wachstumspakt geschlossen. Die Maastrichter Stabilitätskriterien würden den Schuldenstand und die Neuverschuldung limitieren. Doch dieser Pakt sei kurzfristig außer Kraft gesetzt. Die Aussetzung sei jetzt um ein Jahr verlängert worden. Der deutsche Finanzminister habe angekündigt, die Schuldenbremse ab 2023 wieder in Kraft zu setzen.

Die Zahlen über die Staatsverschuldung würden in ihrer Größe häufig das menschliche Vorstellungsvermögen übersteigen. Unter der Annahme, die USA würden ab sofort nie wieder neue Schulden machen, sondern täglich 1 Million USD an ihre Schuldner zurückbezahlen, dann würden sie in 3 Jahren etwa 1 Milliarde USD tilgen, in 3.000 Jahren 1 Billion, in 30.000 Jahren 10 Billionen, in 90.000 Jahren etwa 30 Billionen. Würde man Zinsen und Zinseszinsen berücksichtigen, dann kämen mehr als 100.000 Jahre in Betracht. Eine völlige Illusion!

Kurzfristig erfahre die US-Valuta Unterstützung durch die gegenwärtigen geopolitischen Turbulenzen. Auch werde ihre Eigenschaft als Leitwährung nur allmählich abnehmen. Doch ein "sicherer Hafen" sei der USD nicht. Auf mittlere und weitere Sicht erscheine der US-Dollar überbewertet. Zwischen dem USD und dem Goldpreis bestehe eine inverse Korrelation. Markttechnisch hätten Leerverkäufer dies zu entsprechenden Dispositionen am Quartalsende genutzt. Dies dürfte der wesentliche Grund für die derzeitige Goldpreisschwäche sein.

Die Zentralbanken würden jetzt eine Wende in ihrer ultra-expansiven Geldpolitik einleiten. Wir stehen jetzt Mitte Juni 2022 unmittelbar vor dem Beginn einer Reihe von Zinserhöhungen, so die Analysten von "fairesearch". Deren Ende sei noch nicht abzusehen.

Um eine Wende in der inflationären Preisentwicklung zu erreichen, bedürfe es einer vollkommen erneuerten Technologie der Energiegewinnung. Ein neuer Megatrend setze ein. Erneuerbare Energien würden in den Mittelpunkt aller langfristigen Überlegungen und Investmententscheidungen rücken. Der grüne Wasserstoff sei ins Zentrum aller Diskussionen gerückt. Er verspreche schon jetzt Klimaneutralität, Unabhängigkeit von ausländischen Lieferanten, gesteigerter Nutzungsgrad, preiswertere Herstellung der Brennstoffzellen. Einsatz in vielen Bereichen der Industrie: Busse, Bahnen, LKWs würden bereits fahren. Flugzeuge und Schiffe würden getestet. Einsatz bei PKWs in der Erprobung. (Ausgabe vom 03.07.2022) (04.07.2022/alc/a/a)