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Ausblick 2024: Die Zinsen dürften hoch bleiben und die Renditekurve noch steiler werden


23.11.23 12:35
ROBECO

Rotterdam (www.anleihencheck.de) - Robeco geht in seinem 1-Jahres-Ausblick davon aus, dass sich das globale Wirtschaftsumfeld im Jahr 2024 grundlegend verändern wird, so die Experten von Robeco.

Die rosigen Zeiten für die Märkte würden sich ihrem Ende zuneigen. Eine zunehmende Abschwächung der Konjunktur in den G7-Staaten dürfte sich in sinkenden Verbraucherausgaben und geringeren Unternehmensinvestitionen widerspiegeln. Die Auswirkungen anhaltend hoher Zinsen könnten bis 2025 einen Anstieg der Arbeitslosigkeit um 1 bis 2 Prozentpunkte auslösen. Die finanzielle Lage von Unternehmen und Privathaushalten sei nach wie vor robust, was bislang eine klassische Rezession verhindert habe. Auf der anderen Seite sei China mit dem Risiko einer regelrechten Deflation konfrontiert. Ein anhaltender Abwärtstrend bei den Eigenheimverkäufen und Häuserpreisen in China könnte eine nachhaltige Erholung des Binnenkonsums verhindern.

Peter van der Welle, Multi-Asset-Stratege bei Robeco, sage: "Im Gegensatz zu den Erwartungen an den Finanzmärkten hat die US-Wirtschaft im Jahr 2023 eine überraschende Widerstandsfähigkeit gezeigt. Charakterisiert ist diese durch niedrige Arbeitslosigkeit und rückläufige Inflationsraten. Dieses von Beobachtern als ‚makellose Disinflation' bezeichnete Phänomen zeigte sich auch in der Eurozone. Der letzte Abschnitt bei der Bekämpfung der Inflation wird jedoch für die Notenbanken am schwierigsten sein. Weitere Bemühungen um Senkung der Inflation werden mit höheren Kosten verbunden sein. Denn der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation ist bei niedrigeren Teuerungsraten enger. Staaten, Unternehmen und Privathaushalte werden von den Effekten eines hohen Realzinsniveaus zunehmend betroffen sein. Die derzeitige Konsenserwartung deutet auf eine sanfte Landung der Konjunktur hin, bei der die Inflation wieder unter Kontrolle kommt, ohne dass die Arbeitslosigkeit deutlich steigt. Wir halten dies jedoch für überzogen optimistisch."

Das geopolitische Umfeld im Jahr 2024 sei komplex. In den G7-Staaten fänden wichtige Wahlen statt. Der Aufstieg rechts außen angesiedelter Parteien, anhaltende Konflikte und ein zerrüttetes Verhältnis des Westens zu China würden zu einer fragmentierten Weltordnung beitragen und die wirtschaftspolitische Unsicherheit erhöhen. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) gelte als mögliche Lösung zur Steigerung der Produktivität und zur Senkung der Lohnstückkosten. Bislang habe sich das Potenzial der KI-Nutzung auf der Angebotsseite jedoch noch nicht in verbesserten Produktivitätsdaten niedergeschlagen.

Im Jahr 2024 würden sich die finanziellen Bedingungen an den Kapitalmärkten verschärfen. Die Anleihenrenditen hätten ihren Höchststand möglicherweise noch nicht überschritten. Das könnte sich zunächst negativ auf ihre Eignung zur Absicherung auswirken. Die Renditekurven könnten aufgrund fiskalpolitischer Bedenken noch steiler werden. Allerdings würden die Korrelationen zwischen Anleihen und Aktien wahrscheinlich wieder negativ, wenn die Kerninflation unter 3 Prozent falle. Aktienanlagen stünden vor Herausforderungen wie einem Rückgang der Liquidität, geopolitischen Spannungen und hohen Zinsen. Das von der Mehrheit der Marktteilnehmer aktuell erwartete Gewinnwachstum im zweistelligen Prozentbereich sei recht optimistisch. Bei einer Korrektur dieser Einschätzung könnte es zu einem Rückgang der Aktienkurse kommen. Zwar würden die Konsensprognosen für die Gewinnentwicklung Abwärtsrisiken bergen. Jedoch könnten Europa und Japan dabei besser abschneiden.

An den Devisenmärkten könnte die Bewertung des US-Dollar ihren Höhepunkt erreicht haben, da sich die US-Notenbank der Zinssenkungsphase im derzeitigen Zyklus nähere. Das Währungspaar Dollar-Yen sei aufgrund des Aufwertungspotenzials des Yen interessant.

Angesichts des beträchtlichen Risikos, dass der Ölpreis im Jahr 2024 trotz Wachstumsabschwächung länger hoch bleibe, werde die Wertentwicklung nachhaltiger Fonds 2024 möglicherweise noch nicht den Wendepunkt erreichen. Langfristig dürfte Sustainable Investing florieren. Dazu würden regulatorische Vorschriften, "grüne" Wertpapiere und das anhaltende Interesse von Gesellschaft und Anlegern beitragen. In der Europäischen Union, den USA und anderen Regionen würden derzeit über 40 Gesetze zu verschiedenen sozialen und ökologischen Aspekten erlassen. Diese regulatorischen Vorschriften würden auf wünschenswerte langfristige Entwicklungen abzielen. Sie könnten aber kurzfristig zu erhöhten Investitionsausgaben oder Betriebskosten für die Unternehmen führen.

Mit der zunehmenden Bedeutung von Nachhaltigkeit auf regulatorischer Ebene und in der Gesellschaft seien die Aktionäre bei der Wahrnehmung ihrer Eigentumsrechte aktiver geworden. Gleichzeitig komme es bei der entsprechenden Diskussion zunehmend zur Polarisierung.

Masja Zandbergen, Head of ESG Integration bei Robeco: "Anträge von Aktionären sind in der Regel eine zuverlässige Annäherung an das, was institutionelle Anleger beschäftigt. Das Thema Klimawandel hat in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und wird auch im Jahr 2024 stark im Fokus stehen. Wir beobachten, dass die Themen Steuertransparenz und Künstliche Intelligenz, die seit langem Teil des Engagement-Programms von Robeco sind - neben Chancengleichheit, Diversität und Preispolitik allmählich auch auf vermehrtes Anlegerinteresse stoßen." (23.11.2023/alc/a/a)