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Ausblick 2023: Welche Anleihen die Profis ins Portfolio holen


23.12.22 12:00
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Ein Horrorjahr für Bondinvestoren neigt sich dem Ende zu, so die Experten von "FONDS professionell".

Anlagestrategen würden sich nun aber gerade deshalb äußerst zuversichtlich zeigen. Warum 2023 zum Jahr der Anleihen werden solle, welche Zinspapiere im Fokus stünden - und bei welchen eher Vorsicht angebracht sei.

Annus horribilis, historisch hoher Verlust, Renten-Crash - die Investmentstrategen würden beim Blick zurück aufs Jahr 2022 nicht mit Superlativen geizen, wenn es um Anleihen gehe. Schließlich habe die Zinswende der Notenbanken infolge der massiv gestiegenen Inflationsraten tiefe Spuren an den Märkten hinterlassen. Die Renditen am Rentenmarkt seien in die Höhe geschnellt, spiegelbildlich seien die Börsenkurse älterer Anleihen mit ihren nun unattraktiv gewordenen Zinskupons abgesackt.

Von einem stabilisierenden Effekt fürs Depot, den sich Investoren von Bonds erhoffen würden, wenn es an den Kapitalmärkten turbulent werde und die Aktienkurse in die Tiefe rauschen würden, habe keine Rede sein können. Im Gegenteil, die Verluste seien durch den Anleihenteil im Depot sogar noch verstärkt worden.

Wie würden die Experten von Fondsgesellschaften und Banken nun die Aussichten für Anleihen in den kommenden zwölf Monaten beurteilen? Welche Segmente des Rentenmarkts würden sie für besonders interessant halten und welche würden sie meiden? FONDS professionell ONLINE habe die wichtigsten Aussagen aus ausgewählten Ausblicken zusammengestellt.

Ausgewählte Ausblicke für den Anleihenmarkt 2023:

Felix Herrmann, Chefvolkswirt bei Aramea Asset Management
"Für den Anleihemarkt war das Jahr 2022 eines der schlechtesten seit dem frühen 18. Jahrhundert. Mit Blick auf 2023 sind die Aussichten für die Anlageklasse nun so gut wie seit sehr langer Zeit nicht mehr. Das neue Mantra an den Finanzmärkten lautet zurecht: 'Bonds are back!' Zwar käme es aus heutiger Sicht überraschend, wenn wir das Renditehoch etwa bei zehnjährigen deutschen Staatsanleihen bereits gesehen haben. Dennoch liegt der Großteil des Zinsanstiegs hinter uns - was zur Attraktivität des gesamten Rentenmarkts beiträgt."

Till Christian Budelmann, Chief Investment Officer der Privatbank Bergos
"Die Zinserhöhungen haben für Anleger einen wichtigen Effekt. Anleihen gewinnen im Multi-Asset-Kontext an Bedeutung. Für uns waren Aktien lange attraktiver als Bonds und daher relativ stärker gewichtet. Das hat sich jetzt geändert. Nachdem wir Anleihen 2020 und 2021 durchgehend im Untergewicht hatten, haben wir die Asset-Klasse jetzt auf neutral hochgestuft. Dafür war vor allem ein Grund ausschlaggebend: Das Yield Gap, also der Abstand zwischen der Gewinnrendite von Aktien und der Rendite von zehnjährigen Anleihen, ist weiter gesunken. Aktien sind also fundamental nicht mehr attraktiver als Anleihen. Oder in anderen Worten: Das Kürzel TINA (there is no alternative) wird durch TARA (there are reasonable alternatives) abgelöst. Und diese sinnvolle Alternative zu Aktien sind Anleihen, die wieder stärker in ein Multi-Asset-Portfolio gehören. Dabei denken wir weniger an Staatsanleihen, sondern vor allem an Unternehmensanleihen guter Qualität, die wieder anständige Renditen bieten. Jedoch halten wir nach wie vor an eher kurzen Durationen fest."

Michael Lesnik, Co-Head Asset Allocation & Fixed Income bei Metzler AM
"Trotz des geldpolitischen Gegenwindes wird 2023 ein sehr gutes Jahr für Unternehmensanleihen", meint Lesnik. Insbesondere die Bewertung von Unternehmensanleihen sei ausgesprochen attraktiv. Neben der restriktiver ausgerichteten Geldpolitik habe auch die Eskalation des Ukraine-Russland-Krieges sowie eine drohende Rezession in Europa zu Kursverlusten bei Unternehmensanleihen geführt. Die Risikoaufschläge erreichten teilweise Niveaus wie zu absoluten Krisenzeiten. "Unternehmensanleihen sind aktuell günstiger bewertet als Aktien und weniger volatil - das macht sie wieder zu einem attraktiven Baustein in institutionellen Portfolios zur Steuerung von Risiko und Ertrag", so Lesnik. Seiner Meinung nach seien die schlechten Nachrichten mehr als eingepreist. Trotz des herausfordernden fundamentalen Umfelds dürften sich die Risikoprämien im Laufe des nächsten Jahres wieder in Richtung ihres langfristigen Durchschnitts reduzieren. "Anleger in Unternehmensanleihen dürften 2023 von zusätzlichen Kursgewinnen ihrer Investments profitieren."

Peter Lechner, Fondsmanager bei DJE Kapital
"Mit Blick auf das Jahr 2022 muss man aufgrund des ungewöhnlich starken und schnellen Zinsanstieges von einem 'Renten-Crash' sprechen. Das bevorstehende Jahr 2023 könnte man hingegen mit 'ja, aber' umschreiben. Anleger sollten Anleihen nicht außer Acht lassen. Der Fokus sollte vor allem auf Emittenten mit solider Bonität gesetzt werden, die eine gute Marktstellung und gute Chancen vorweisen können, auch eine Rezession zu überstehen. Allerdings müssen sich Anleger bewusst sein, dass angesichts der Inflation die derzeitigen Zinserhöhungszyklen noch nicht vorbei sind. Wenn die Inflation aber zurückgeht, ist eine Rally am Rentenmarkt nicht ausgeschlossen."

Bernd Meyer, Chefstratege Wealth and Asset Management bei Berenberg
"Staatsanleihen hoher Bonität betrachten wir regional differenziert und sehen in jeweils lokaler Währung klare Vorteile für US- gegenüber deutschen Bundespapieren. Unternehmensanleihen sind auf inzwischen erhöhten Renditeniveaus sowohl im Investment-Grade- als auch im Hochzinssegment wieder attraktiv geworden, insbesondere mögen wir den Finanzsektor und nachrangige Emissionen erstklassiger Schuldner."

Maria Stäheli, Senior Portfolio Managerin bei Fisch Asset Management
"Bei unserem Zinsausblick für 2023 bleiben wir so lange vorsichtig, bis wir wiederholt positive Inflationssignale oder eine Änderung der Zentralbankrhetorik aufgrund schwächerer Konjunkturdaten sehen. Da sich der Fokus am Markt von der Zinsvolatilität zunehmend auf das fehlende Wachstum verlagert, rechnen wir 2023 mit einer Outperformance des Investment-Grade-Segments, da die Spreadausweitung von High-Yield- gegenüber IG-Anleihen für die Märkte ein relevantes Thema wird. Auf Sektorebene bevorzugen wir in Anbetracht der Abkühlung des makroökonomischen Umfelds nicht-zyklische Sektoren angesichts ihres besseren Risiko-Rendite-Profils. Die Gefahr einer schnelleren Verschlechterung der Fundamentaldaten und Kreditqualität ist bei europäischen Unternehmen unseres Erachtens besonders groß, was durchaus zu einer Enttäuschung von Anleihe- und Aktieninvestoren gleichermaßen führen könnte. Aus diesen Gründen setzen wir bei unserer Anleihenallokation bevorzugt auf IG-Anleihen von US-Unternehmen. Aufgrund der Underperformance von Euro-Anleihen und den entsprechend attraktiven Bewertungen bieten 'Reverse Yankees' (Euro-Anleihen, die von US-Emittenten begeben werden) das Beste aus beiden Welten."

Ariel Bezalel, Investment Manager Fixed Income bei Jupiter Asset Management
"Angesichts des weiterhin unsicheren Inflations- und Wachstumshintergrunds halten wir Staatsanleihen in den USA, Australien und Neuseeland mittel- bis langfristig für sehr attraktiv. Was die Positionierung angeht, erscheinen Teile der Hochzins- und Investment-Grade-Märkte der Industrieländer sehr interessant. Allerdings ist die Kreditauswahl in diesem Umfeld wichtig, da die Ausfallraten in den kommenden Jahren steigen dürften. Daher bevorzugen wir defensive Sektoren und besicherte Schuldtitel in Bereichen wie Telekommunikation und Kabel. Außerdem glauben wir, dass der US-Dollar angesichts der näher rückenden Kehrtwende der Zentralbanken nicht mehr viel weiter erstarken wird."

Svein Aage Aanes, Head of Fixed Income bei DNB Asset Management
"Wir sind davon überzeugt, dass festverzinsliche Wertpapiere in den nächsten sechs bis zwölf Monaten ein Comeback erleben werden, da die Märkte in diesem Zeitraum wahrscheinlich endlich mehr Gewissheit über den Höhepunkt des Zinserhöhungszyklus der Zentralbanken erlangen werden. Wir haben bereits einige Versuche der Märkte gesehen, diese Höhepunkte im Jahr 2022 zu identifizieren, bisher jedoch ohne großen Erfolg. So sollten die Aussichten für festverzinsliche Wertpapiere auf Sicht von zwölf bis 14 Monaten recht gut sein, wobei das Problem natürlich darin besteht, den Zeitpunkt des Umschwungs zu bestimmen. Wir glauben, dass das Jahr 2023 eher ein Jahr der Anleihen als ein Jahr der Aktien sein wird. Und es könnte sogar sein, dass die altbekannte negative Korrelation zwischen Anleihe- und Aktienrenditen wieder auflebt. Zumindest ist die Wahrscheinlichkeit dafür mit den höheren Zinsen gestiegen."

Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege von J.P. Morgan AM
Nach der großen Korrektur an den Anleihenmärkten heiße es nun also "Bonds are back", stelle auch Galler fest. Allerdings sehe er die Risikoaufschläge im Hochzinsbereich noch nicht auf ihrem Höchststand, sodass er angesichts der Rezessionsgefahr im nächsten Jahr eher Anleihen hoher Bonität für sinnvoll halte. Nach Gallers Einschätzung sei das aktuelle Renditeniveau verbunden mit der Aussicht auf fallende Zinsen so vielversprechend, dass für Unternehmensanleihen mit langer Laufzeit und hoher Bonität sogar zweistellige Renditen möglich seien. "Außerhalb eines Szenarios einer weichen Landung der Konjunktur werden es Aktien dementsprechend schwer haben, Anleihen zu schlagen. Die Überbewertung von Aktien ist zwar nach den Kursverlusten im Jahr 2022 verschwunden, doch die künftige Ertragslage bleibt das große Fragezeichen", so Galler. Neben Staats- und Unternehmensanleihen lohne es sich auch, einen Blick auf qualitativ hochwertige staatsnahe Emittenten, sogenannte Agency Bonds, zu werfen. Wichtig sei für den Strategen aber sowohl bei Staats- als auch bei Unternehmensanleihen der Fokus auf gute Bonität. (23.12.2022/alc/a/a)