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Ausblick 2021 - Die neun wichtigsten Triebkräfte für Schwellenländeranleihen
03.12.20 14:00
Legal & General IM
London (www.anleihencheck.de) - Volker Kurr, Head of Europe, Institutional, und Uday Patnaik, Head of Emerging Markets Debt bei Legal & General Investment Management (LGIM), sagen für Anleihen von Schwellenländern ein positives Jahr 2021 voraus.
Die Gründe dafür würden sie hauptsächlich in neun Faktoren sehen:
Faktor 1: Covid-Pandemie treffe Bilanzen von Schwellenländern weniger hart als die von Industrieländern
Der Internationale Währungsfonds (IWF) gehe davon aus, dass die Staatsverschuldung der Schwellenländer bis zum Jahresende 2020 um 9,2% auf 61,4% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ansteigen werde. Dagegen werde in den Industrieländern mit einem Anstieg um 20% auf 124% des BIP gerechnet - das sei sowohl in relativen als auch in absoluten Zahlen mehr als das Doppelte. Die geringere Belastung der öffentlichen Finanzen von Schwellenländern zeige sich auch in der Erwartung der Primärdefizite für das laufende Jahr. Diese sollten um 8,5% des BIP steigen und damit um 5,5% des BIP höher sein als 2019. Das Primärdefizit der Industrieländer in diesem Jahr werde dagegen auf 13% des BIP geschätzt, was einem Anstieg von 11% des BIP gegenüber dem Vorjahr entspreche.
Faktor 2: Globales Wachstum und Wiederbelebung des Handels
Der IWF prognostiziere auch, dass die Weltwirtschaft im Jahr 2021 wieder um 5,2% wachsen werde - gegenüber minus 4,4% im Jahr 2020. Für die Schwellenländer sollten es sogar 6% sein. Das wäre das höchste Niveau seit zehn Jahren und 2% mehr Wachstum als für die Industrieländer vorausgesagt werde. Eine solche Entwicklung werde das globale Handelsvolumen stützen, das im Jahr 2021 voraussichtlich um 8% oder mehr steigen werde. Für die Exportvolumina der Schwellenländer werde eine Steigerung von 9,5% erwartet - der höchste Wert seit 2020. Die Experten würden eine Korrektur der Wachstumsprognosen zugunsten der Schwellenländer im Laufe des Jahres 2021 erwarten, ausgelöst durch die Outperformance in Asien und insbesondere in China.
Faktor 3: Entwicklung von Impfstoffen
Fortschritte bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen das Coronavirus dürften dazu beitragen, dass sich das globale Wachstum schneller als erwartet erhole und so auch die Risikobereitschaft von Investoren erhöhe.
Faktor 4: Weniger Handels- und geopolitische Spannungen
Die neue US-Regierung unter Joe Biden sollte auf globaler Ebene einen umfassenden, multilateralen Ansatz verfolgen. Dies dürfte zum Wiederaufbau der US-Allianzen, weniger Handelsspannungen, einem Rückgang der Twitter-Diplomatie und damit zu einer Verringerung der Volatilität führen.
Faktor 5: Starkes Engagement von Kreditgebern
Der IWF sowie andere multilaterale und bilaterale Kreditgeber würden den Schwellenländern eng verbunden bleiben. Seit Beginn der Pandemie habe der IWF mehr als 83 Länder finanziell unterstützt. Bilaterale Gläubiger hätten über die bis Mitte 2021 andauernde Initiative zur Aussetzung des Schuldendienstes der G20 mehr als 45 Ländern einen 12-monatigen Schuldendiensterlass gewährt.
Faktor 6: Gute globale Liquiditätsbedingungen
Durch die Pandemie seien die Bilanzen der G4-Zentralbanken zwischen März und September 2020 um 17,5% des BIP angestiegen - schneller und stärker als während der globalen Finanzkrise. Finanzbehörden auf der ganzen Welt hätten seit Beginn der Pandemie beispiellose Ausgabenpakete in Höhe von fast 12 Billionen US-Dollar aufgelegt. Darum gebe es weltweit reichlich Liquidität zu historisch niedrigen Zinsen. Schulden mit negativer Rendite seien auf 17 Billionen US-Dollar angewachsen - das sei doppelt so viel wie im März 2020. Da diese Dynamik auf absehbare Zeit anhalten dürfte, sollte die Suche nach Renditen die Zuflüsse von Investorengeldern in die Schwellenländer im Jahr 2021 weiter unterstützen.
Faktor 7: Bewertungen und technische Fragen würden unterstützend wirken
Die Experten seien der Ansicht, dass Schwellenländer nach wie vor attraktiv bewertet seien, insbesondere im Hochzinsbereich. Das gelte sowohl im Vergleich zu US Investment Grade als auch zu US High Yield auf mehrjährige Sicht. Niedrigere Haushaltsdefizite dürften im nächsten Jahr zwar zu weniger Emission von Schwellenländeranleihen führen, aber trotzdem sollten die Cashflows dieser Asset-Klasse steigen. Grund dafür sei, dass die Amortisierungen und Zinszahlungen an Anleger 2021 höher ausfallen würden.
Faktor 8: Positive Aussichten für Rohstoffpreise
Wenn sich das globale Wachstum erhole, dürfte das zu einer Entwicklung der Rohstoffpreise führen, die für Schwellenländer vorteilhaft sei.
Faktor 9: Handelsspanne für US-Dollar
Der Dollar fungiere auch als Finanzierungswährung für den Kauf von Vermögenswerten von Schwellenländern. Aufgrund seiner antizyklischen Eigenschaften werde er tendenziell schwächer, wenn das globale Wachstum schnell steige. Weil sowohl die FED als auch die EZB ihre Ankaufprogramme von Anleihen wahrscheinlich fortsetzen würden, bis eine solide Erholung zu erkennen sei, dürfte das den Dollar und den Euro schwächen. Die Aussichten für Währungen der Schwellenländer würden davon allerdings profitieren. Sollten jedoch die Inflationserwartungen stark anziehen, weil die USA verglichen mit Europa überdurchschnittlich stark wachse, könnte das die US-Renditen steigen lassen und den Dollar stützen. Doch selbst in diesem Fall würden die Experten keinen Grund für einen signifikanten Anstieg der realen Renditen sehen, da die FED das zeitweise Überschießen der Inflation zugunsten höherer Beschäftigung im Sinne eines "Average Inflation Targeting" zulassen wolle. Daher würden die Experten für das kommende Jahr keine nachhaltige Erholung des Dollars erwarten.
Es gebe also einige Faktoren, die zuversichtlich stimmen würden. Investoren sollten aber auch auf mögliche Risiken achten. Die Volatilität könnte sich erhöhen, wenn die scheidende US-Regierung noch kurzfristig in Bezug auf China, den Iran, den Handel und andere Themen aktiv werde. Auch nach dem Übergang zur Biden-Regierung könnte ein geteilter US-Kongress zu weniger starken Impulsen und Verzögerungen bei der Eindämmung von Covid-19 führen und so die Erholung des Landes schwächen.
Lockdowns und die Ausbreitung von Infektionen in Europa würden ebenfalls Risiken für das globale Wachstum bergen. Innerhalb der Schwellenländer seien die asiatischen Länder erfolgreich bei der Kontrolle des Virus und seien zudem überdurchschnittlich gewachsen. Andere große Volkswirtschaften könnten jedoch empfindlicher auf einen Anstieg der Infektionszahlen reagieren, zumal die Lieferung des Impfstoffes sich hinziehen könnte. Umgekehrt könnten die Inflationserwartungen steigen, wenn der Impfstoff zu einer schnelleren weltweiten Erholung führe als derzeit erwartet. Das würde auch höhere Benchmark-Renditen und einem stärkeren Dollar mit sich bringen.
Schließlich sei zu bedenken, dass die Spreads für Staatsanleihen und Unternehmen in Schwellenländern seit März um 250 Basispunkte geschrumpft seien, und das in einer Erholungsphase, die nun schon sieben Monate anhalte und damit relativ ausgereift sei. Das könnte auf Konsolidierungstendenzen im kommenden Jahr schließen lassen, aber die Experten würden glauben, dass die neun Faktoren stark genug seien, um die Risikoaufschläge für Schwellenländer wieder um 50 bis 70 Punkte steigen zu lassen. Damit wären sie auf ihrem Vorkrisenniveau von 300 Basispunkten. Die anhaltende Risikobereitschaft von Investoren könnte jedoch durchaus dazu führen, dass Spreads in einem "Widerstandsbereich" von 240 bis 260 Punkten getestet würden. (03.12.2020/alc/a/a)
Die Gründe dafür würden sie hauptsächlich in neun Faktoren sehen:
Faktor 1: Covid-Pandemie treffe Bilanzen von Schwellenländern weniger hart als die von Industrieländern
Der Internationale Währungsfonds (IWF) gehe davon aus, dass die Staatsverschuldung der Schwellenländer bis zum Jahresende 2020 um 9,2% auf 61,4% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ansteigen werde. Dagegen werde in den Industrieländern mit einem Anstieg um 20% auf 124% des BIP gerechnet - das sei sowohl in relativen als auch in absoluten Zahlen mehr als das Doppelte. Die geringere Belastung der öffentlichen Finanzen von Schwellenländern zeige sich auch in der Erwartung der Primärdefizite für das laufende Jahr. Diese sollten um 8,5% des BIP steigen und damit um 5,5% des BIP höher sein als 2019. Das Primärdefizit der Industrieländer in diesem Jahr werde dagegen auf 13% des BIP geschätzt, was einem Anstieg von 11% des BIP gegenüber dem Vorjahr entspreche.
Faktor 2: Globales Wachstum und Wiederbelebung des Handels
Der IWF prognostiziere auch, dass die Weltwirtschaft im Jahr 2021 wieder um 5,2% wachsen werde - gegenüber minus 4,4% im Jahr 2020. Für die Schwellenländer sollten es sogar 6% sein. Das wäre das höchste Niveau seit zehn Jahren und 2% mehr Wachstum als für die Industrieländer vorausgesagt werde. Eine solche Entwicklung werde das globale Handelsvolumen stützen, das im Jahr 2021 voraussichtlich um 8% oder mehr steigen werde. Für die Exportvolumina der Schwellenländer werde eine Steigerung von 9,5% erwartet - der höchste Wert seit 2020. Die Experten würden eine Korrektur der Wachstumsprognosen zugunsten der Schwellenländer im Laufe des Jahres 2021 erwarten, ausgelöst durch die Outperformance in Asien und insbesondere in China.
Faktor 3: Entwicklung von Impfstoffen
Fortschritte bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen das Coronavirus dürften dazu beitragen, dass sich das globale Wachstum schneller als erwartet erhole und so auch die Risikobereitschaft von Investoren erhöhe.
Faktor 4: Weniger Handels- und geopolitische Spannungen
Die neue US-Regierung unter Joe Biden sollte auf globaler Ebene einen umfassenden, multilateralen Ansatz verfolgen. Dies dürfte zum Wiederaufbau der US-Allianzen, weniger Handelsspannungen, einem Rückgang der Twitter-Diplomatie und damit zu einer Verringerung der Volatilität führen.
Faktor 5: Starkes Engagement von Kreditgebern
Faktor 6: Gute globale Liquiditätsbedingungen
Durch die Pandemie seien die Bilanzen der G4-Zentralbanken zwischen März und September 2020 um 17,5% des BIP angestiegen - schneller und stärker als während der globalen Finanzkrise. Finanzbehörden auf der ganzen Welt hätten seit Beginn der Pandemie beispiellose Ausgabenpakete in Höhe von fast 12 Billionen US-Dollar aufgelegt. Darum gebe es weltweit reichlich Liquidität zu historisch niedrigen Zinsen. Schulden mit negativer Rendite seien auf 17 Billionen US-Dollar angewachsen - das sei doppelt so viel wie im März 2020. Da diese Dynamik auf absehbare Zeit anhalten dürfte, sollte die Suche nach Renditen die Zuflüsse von Investorengeldern in die Schwellenländer im Jahr 2021 weiter unterstützen.
Faktor 7: Bewertungen und technische Fragen würden unterstützend wirken
Die Experten seien der Ansicht, dass Schwellenländer nach wie vor attraktiv bewertet seien, insbesondere im Hochzinsbereich. Das gelte sowohl im Vergleich zu US Investment Grade als auch zu US High Yield auf mehrjährige Sicht. Niedrigere Haushaltsdefizite dürften im nächsten Jahr zwar zu weniger Emission von Schwellenländeranleihen führen, aber trotzdem sollten die Cashflows dieser Asset-Klasse steigen. Grund dafür sei, dass die Amortisierungen und Zinszahlungen an Anleger 2021 höher ausfallen würden.
Faktor 8: Positive Aussichten für Rohstoffpreise
Wenn sich das globale Wachstum erhole, dürfte das zu einer Entwicklung der Rohstoffpreise führen, die für Schwellenländer vorteilhaft sei.
Faktor 9: Handelsspanne für US-Dollar
Der Dollar fungiere auch als Finanzierungswährung für den Kauf von Vermögenswerten von Schwellenländern. Aufgrund seiner antizyklischen Eigenschaften werde er tendenziell schwächer, wenn das globale Wachstum schnell steige. Weil sowohl die FED als auch die EZB ihre Ankaufprogramme von Anleihen wahrscheinlich fortsetzen würden, bis eine solide Erholung zu erkennen sei, dürfte das den Dollar und den Euro schwächen. Die Aussichten für Währungen der Schwellenländer würden davon allerdings profitieren. Sollten jedoch die Inflationserwartungen stark anziehen, weil die USA verglichen mit Europa überdurchschnittlich stark wachse, könnte das die US-Renditen steigen lassen und den Dollar stützen. Doch selbst in diesem Fall würden die Experten keinen Grund für einen signifikanten Anstieg der realen Renditen sehen, da die FED das zeitweise Überschießen der Inflation zugunsten höherer Beschäftigung im Sinne eines "Average Inflation Targeting" zulassen wolle. Daher würden die Experten für das kommende Jahr keine nachhaltige Erholung des Dollars erwarten.
Es gebe also einige Faktoren, die zuversichtlich stimmen würden. Investoren sollten aber auch auf mögliche Risiken achten. Die Volatilität könnte sich erhöhen, wenn die scheidende US-Regierung noch kurzfristig in Bezug auf China, den Iran, den Handel und andere Themen aktiv werde. Auch nach dem Übergang zur Biden-Regierung könnte ein geteilter US-Kongress zu weniger starken Impulsen und Verzögerungen bei der Eindämmung von Covid-19 führen und so die Erholung des Landes schwächen.
Lockdowns und die Ausbreitung von Infektionen in Europa würden ebenfalls Risiken für das globale Wachstum bergen. Innerhalb der Schwellenländer seien die asiatischen Länder erfolgreich bei der Kontrolle des Virus und seien zudem überdurchschnittlich gewachsen. Andere große Volkswirtschaften könnten jedoch empfindlicher auf einen Anstieg der Infektionszahlen reagieren, zumal die Lieferung des Impfstoffes sich hinziehen könnte. Umgekehrt könnten die Inflationserwartungen steigen, wenn der Impfstoff zu einer schnelleren weltweiten Erholung führe als derzeit erwartet. Das würde auch höhere Benchmark-Renditen und einem stärkeren Dollar mit sich bringen.
Schließlich sei zu bedenken, dass die Spreads für Staatsanleihen und Unternehmen in Schwellenländern seit März um 250 Basispunkte geschrumpft seien, und das in einer Erholungsphase, die nun schon sieben Monate anhalte und damit relativ ausgereift sei. Das könnte auf Konsolidierungstendenzen im kommenden Jahr schließen lassen, aber die Experten würden glauben, dass die neun Faktoren stark genug seien, um die Risikoaufschläge für Schwellenländer wieder um 50 bis 70 Punkte steigen zu lassen. Damit wären sie auf ihrem Vorkrisenniveau von 300 Basispunkten. Die anhaltende Risikobereitschaft von Investoren könnte jedoch durchaus dazu führen, dass Spreads in einem "Widerstandsbereich" von 240 bis 260 Punkten getestet würden. (03.12.2020/alc/a/a)


