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Ausblick 2021: Null Chancen auf höhere Zinsen
28.12.20 12:00
FONDS professionell
Wien (www.anleihencheck.de) - Wegen der Corona-Krise haben die Notenbanken die Märkte 2020 mit Liquidität regelrecht geflutet, so die Experten von "FONDS professionell".
Solange die Pandemie nicht nachhaltig eingedämmt sei, würden die Währungshüter weiterhin alles tun, um Staaten und Unternehmen zu stützen. Die Aussicht auf Zinserhöhungen schwinde damit zusehends.
Noch zu Silvester 2019 habe sich wohl niemand auch nur im Entferntesten vorstellen können, was für ein neues Jahr da kommen sollte. Ein Lockdown im Frühjahr, ein weiterer mitten in der Weihnachtszeit, Maskenpflicht, Homeoffice, Bundesliga-Spiele in leeren Stadien, ein massiver Börsen-Crash - und Notenbanken, die über beispiellose Rettungsprogrammen die Märkte erneut mit Liquidität fluten würden.
Ihre Wirkung hätten Geld- und Fiskalpolitik von Währungshütern und Regierungen nicht verfehlt. Immerhin sei auf den extremen Einbruch an den Kapitalmärkten im Frühjahr 2020 die schnellste Erholung aller Zeiten gefolgt. Zum Jahresende hätten die US-Notenbank Federal Reserve (FED) sowie die Europäische Zentralbank (EZB) noch einmal ordentlich nachgelegt. In den USA hätten die "Götter der Märkte" den Leitzins gesenkt, zudem habe die FED ihr Inflationsziel aufgeweicht. Die EZB habe Anfang Dezember entschieden, das Notkaufprogramm für Staatsanleihen und Wertpapiere, das sogenannte Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP), um weitere 500 Milliarden Euro auf 1,85 Billionen Euro aufzustocken und es bis mindestens Ende März 2022 zu verlängern.
Die Folgen der massiven Liquiditätsspritzen seien klar: Die Bilanzsumme der Notenbanken sei stark gewachsen, Zinsen gebe es in den Industriestaaten so gut wie keine mehr - und das werde sich in absehbarerer Zeit auch nicht ändern. Denn zumindest solange die Corona-Pandemie nicht vollständig eingedämmt sei, würden die Währungshüter auch weiterhin alles tun, um Staaten und Unternehmen zu stützen.
Weg nach oben versperrt: Für 2021 sei weder in den USA noch in der Eurozone mit Zinssteigerungen zu rechnen. Wie würden Chefvolkswirte und Investmentstrategen die Geldpolitik der großen Notenbanken für das kommende Jahr einschätzen?
Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank
Zinserhöhungen würden auch 2021 nicht anstehen, seien die Investmentstrategen der Deutschen Bank überzeugt. Die Notenbanken hätten eine nochmalige Ausweitung ihrer expansiven Geldpolitik schließlich bereits in Aussicht gestellt. Investoren hätten sich zwar zunehmend um ein Szenario gesorgt, bei dem es zu einer deutlichen Trendwende bei der Inflation komme. In den nächsten zwölf Monaten werde das aber noch kein Thema sein. "Für Anleger wird 2021 ein Jahr mit Chancen, die gesucht und gefunden werden müssen", sage Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden. "Zinserhöhungen durch die Notenbanken sind nicht zu erwarten", so der Experte. "Die Leitzinsen bleiben niedrig. Spareinlagen werden also weiterhin kaum Rendite abwerfen", erkläre er.
Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank
"Um die Folgen der Corona-Pandemie zu bekämpfen, hat die Europäische Zentralbank im vergangenen Frühjahr mit dem Pandemic Emergency Purchase Programm schnell reagiert und den Ankauf von Anleihen in Höhe von 750 Milliarden Euro garantiert", sage Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. Solange sich die Inflationsrate in der Eurozone nicht nachhaltig der Marke von zwei Prozent nähere, sei eine Abkehr der Währungshüter von ihrem ultraexpansiven Kurs wenig wahrscheinlich. Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde werde weiterhin bemüht sein, bei geldpolitischen Entscheidungen Einigkeit im Rat der Zentralbank herzustellen, prognostiziere Bielmeier. "Die Politik der Notenbanken wird die weltweiten Märkte weiter beflügeln", sage der Experte.
Carsten Klude, Chefvolkswirt und Leiter Asset Management bei M.M. Warburg
Vom Leitzins der Europäischen Zentralbank werde auch im kommenden Jahr deutlicher Rückenwind für die Wirtschaft ausgehen, vermute Carsten Klude, Chefvolkswirt und Leiter Asset Management bei M.M. Warburg. Mehr noch: "Wir halten es für plausibel, dass der Refinanzierungssatz bis mindestens Dezember 2022 auf dem aktuellen Niveau von null Prozent verharren wird", sage der Experte. Ähnliches gelte für die USA, wo die Zeichen ebenfalls unverändert auf sehr niedrigen Zinsen stünden. Aus dem sogenannten "Dot-Plot", mit dem die US-Notenbank Federal Reserve (FED) ihren Ausblick für den Zinsverlauf signalisiere, lasse sich ableiten, dass das Leitzinsniveau von 0,00 bis 0,25 Prozent bis Ende 2022 Bestand haben werde.
"Unveränderte Leitzinsen müssen zwar nicht zwangsläufig auch ein unverändertes Renditeniveau nach sich ziehen, mindestens für 2021 gehen wir jedoch davon aus, dass sich an den niedrigen Kapitalmarktrenditen wenig ändern wird", so Klude. Der massive Nachfrageschub, den die Notenbanken mittels Anleihekaufprogrammen initiieren würden, werde jede (zu) starke Renditebewegung nach oben im Keim ersticken. "Denn nur, wenn die Zinsen niedrig bleiben, wird es den Staaten möglich sein, den Covid-19 bedingten Anstieg der Verschuldung haushaltsverträglich zu refinanzieren", erläutere Klude. Auch wenn es niemand offen ausspreche, so sei genau dies das Ziel der expansiven Geldpolitik der EZB: Die Finanzierung der Staatsverschuldung zu niedrigsten Zinsen sicherzustellen.
Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege DWS
"Eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Wirtschaft in den USA und in Europa im kommenden Jahr wieder Fuß fassen kann, ist eine weiterhin lockere Geldpolitik", sage Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege bei der DWS. Sowohl die US-Notenbank FED als auch die Europäische Zentralbank hätten bereits signalisiert, dass sie an ihrer Niedrigzinspolitik festhalten würden. "Zinserhöhungen sind derzeit nicht in Sicht", sei der Experte überzeugt.
Jens Wilhelm, Vorstand Union Investment
Ob in den Vereinigten Staaten, in der Eurozone oder anderswo: Die Währungshüter würden 2021 an ihrer ultralockeren Geldpolitik aller Voraussicht nach festhalten, glaube Jens Wilhelm, Vorstand von Union Investment. "Derzeit wird das geldpolitische Koordinatensystem neu kalibriert", sage er. Ein vorübergehendes Überschießen der Inflation würden die Notenbanken vermutlich hinnehmen. Diese höhere Inflationstoleranz erlaube einen stärkeren Fokus auf Wachstum. "Die Geldpolitik bleibt noch länger äußerst locker", resümiere Wilhelm.
Jens Ehrhardt, Vorstandsvorsitzender DJE Kapital
Die Konjunktur- und Börsenentwicklung werde in den kommenden zwölf Monaten voraussichtlich ganz im Zeichen der anhaltenden monetären Stimulierung durch die Notenbanken stehen, vermute Jens Ehrhardt, Gründer und Vorstandsvorsitzender von DJE Kapital. Da die Federal Reserve und die Europäische Zentralbank ihre Quantitative-Easing-Bemühungen in der zweiten Jahreshälfte 2020 noch einmal massiv verstärkt hätten, sei mit positiven Entwicklungen zu rechnen. Das gelte zumindest für das erste Halbjahr 2021. "Die Börsenentwicklung des zweiten Halbjahres dürfte ganz wesentlich davon abhängen, ob die US-Zentralbank an ihrer Stimulierungspolitik festhält oder eine überraschend gute US-Konjunkturentwicklung und eine anziehende Inflation die Zentralbank zurückrudern lässt", sage der Experte. Dies sei nicht gänzlich auszuschließen.
Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management
2021 werde wohl ein eher langweiliges Jahr für die Geldpolitik werden, schätze Tilmann Galler von J.P. Morgan Asset Management. Es sei zu erwarten, dass die Zinsen wegen der moderaten Inflationsrisiken auf absehbare Zeit niedrig bleiben würden. "Der Paradigmenwechsel der US-Notenbank in Bezug auf das Inflationsziel verstärkt diese Entwicklung", sage der Experte.
"Zwei Prozent Inflation ist nicht mehr als Punktziel, sondern als Durchschnittsziel definiert, wodurch sich die Reaktionsfunktion der FED von einer proaktiven zu einer reaktiven Geldpolitik verändert." Die Notenbank steuere nicht mehr frühzeitig gegen die Inflation an, sondern lasse sie sich erst einmal entwickeln, bevor sie reagiere. "Demnach dürften die Leitzinsen weit über das Jahr 2021 hinaus auf sehr niedrigem Niveau verharren, bevor es zu einer Normalisierung kommt", prognostiziere Galler.
Talib Sheikh, Head of Strategy Multi-Asset bei Jupiter Asset Management
Angesichts der Krise hätten Regierungen und Notenbanken weltweit gigantische Hilfspakete mobilisiert. "Eine einfache Rückkehr zu der Welt, wie wir sie vor der Krise kannten, wird es daher nicht geben", erkläre Talib Sheikh von Jupiter Asset Management. Die meisten Notenbanken der Industrieländer hätten erkannt, dass ihr Modell der Inflationssteuerung nicht mehr funktioniere und ihre geldpolitischen Strategien entsprechend angepasst.
"In der Vergangenheit orientierten sich die Zentralbanken bei der Festlegung der Zinsen an ihren künftigen Inflationserwartungen", sage Sheikh. Inzwischen hätten sich Wachstum, Beschäftigung und Inflation aber stärker voneinander abgekoppelt. "An der Prognostizierbarkeit der Inflation bestehen so große Zweifel, dass die Notenbanken bei der Festlegung der Zinssätze künftig eher reaktiv und weniger präventiv vorgehen werden", glaube der Experte.
Ken Leech, Chefanlagestratege bei Western Asset Management
Zu Zinserhöhungen werde es auch über 2021 hinaus aller Wahrscheinlichkeit nach nicht kommen, vermute Ken Leech von Western Asset Management. "Der historisch beispiellose asymmetrische Charakter der Geldpolitik, insbesondere in den USA, wird die Zinssätze über Jahre hinweg auf äußerst niedrigem Niveau halten", sage er. Zentralbanker aus Industriestaaten auf der ganzen Welt hätten die Märkte immerhin ausdrücklich auf ein Umfeld vorbereitet, in dem "lower for longer" zu erwarten sei. Es dürfte also langfristig bei niedrigen Zinsen bleiben, prognostiziere Leech.
Mobeen Tahir, Associate Director im Research bei Wisdom Tree
Die großen Zentralbanken, einschließlich der US-Notenbank FED und der Europäischen Zentralbank, würden im kommenden Jahr akkommodierend bleiben, vermute Mobeen Tahir von Wisdom Tree. Dies gelte insbesondere für die FED. Diese werde dem Experten zufolge höchstwahrscheinlich zulassen, dass die Inflation länger über ihrem üblichen Zwei-Prozent-Ziel liege. Weiterhin niedrige Zinsen werte Tahir als positiv: "Vergessen wir nicht, dass diese expansive Geldpolitik seit der globalen Finanzkrise ein wichtiger Treiber für die Aktienmärkte war", sage er. (28.12.2020/alc/a/a)
Solange die Pandemie nicht nachhaltig eingedämmt sei, würden die Währungshüter weiterhin alles tun, um Staaten und Unternehmen zu stützen. Die Aussicht auf Zinserhöhungen schwinde damit zusehends.
Noch zu Silvester 2019 habe sich wohl niemand auch nur im Entferntesten vorstellen können, was für ein neues Jahr da kommen sollte. Ein Lockdown im Frühjahr, ein weiterer mitten in der Weihnachtszeit, Maskenpflicht, Homeoffice, Bundesliga-Spiele in leeren Stadien, ein massiver Börsen-Crash - und Notenbanken, die über beispiellose Rettungsprogrammen die Märkte erneut mit Liquidität fluten würden.
Ihre Wirkung hätten Geld- und Fiskalpolitik von Währungshütern und Regierungen nicht verfehlt. Immerhin sei auf den extremen Einbruch an den Kapitalmärkten im Frühjahr 2020 die schnellste Erholung aller Zeiten gefolgt. Zum Jahresende hätten die US-Notenbank Federal Reserve (FED) sowie die Europäische Zentralbank (EZB) noch einmal ordentlich nachgelegt. In den USA hätten die "Götter der Märkte" den Leitzins gesenkt, zudem habe die FED ihr Inflationsziel aufgeweicht. Die EZB habe Anfang Dezember entschieden, das Notkaufprogramm für Staatsanleihen und Wertpapiere, das sogenannte Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP), um weitere 500 Milliarden Euro auf 1,85 Billionen Euro aufzustocken und es bis mindestens Ende März 2022 zu verlängern.
Die Folgen der massiven Liquiditätsspritzen seien klar: Die Bilanzsumme der Notenbanken sei stark gewachsen, Zinsen gebe es in den Industriestaaten so gut wie keine mehr - und das werde sich in absehbarerer Zeit auch nicht ändern. Denn zumindest solange die Corona-Pandemie nicht vollständig eingedämmt sei, würden die Währungshüter auch weiterhin alles tun, um Staaten und Unternehmen zu stützen.
Weg nach oben versperrt: Für 2021 sei weder in den USA noch in der Eurozone mit Zinssteigerungen zu rechnen. Wie würden Chefvolkswirte und Investmentstrategen die Geldpolitik der großen Notenbanken für das kommende Jahr einschätzen?
Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank
Zinserhöhungen würden auch 2021 nicht anstehen, seien die Investmentstrategen der Deutschen Bank überzeugt. Die Notenbanken hätten eine nochmalige Ausweitung ihrer expansiven Geldpolitik schließlich bereits in Aussicht gestellt. Investoren hätten sich zwar zunehmend um ein Szenario gesorgt, bei dem es zu einer deutlichen Trendwende bei der Inflation komme. In den nächsten zwölf Monaten werde das aber noch kein Thema sein. "Für Anleger wird 2021 ein Jahr mit Chancen, die gesucht und gefunden werden müssen", sage Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden. "Zinserhöhungen durch die Notenbanken sind nicht zu erwarten", so der Experte. "Die Leitzinsen bleiben niedrig. Spareinlagen werden also weiterhin kaum Rendite abwerfen", erkläre er.
Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank
"Um die Folgen der Corona-Pandemie zu bekämpfen, hat die Europäische Zentralbank im vergangenen Frühjahr mit dem Pandemic Emergency Purchase Programm schnell reagiert und den Ankauf von Anleihen in Höhe von 750 Milliarden Euro garantiert", sage Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. Solange sich die Inflationsrate in der Eurozone nicht nachhaltig der Marke von zwei Prozent nähere, sei eine Abkehr der Währungshüter von ihrem ultraexpansiven Kurs wenig wahrscheinlich. Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde werde weiterhin bemüht sein, bei geldpolitischen Entscheidungen Einigkeit im Rat der Zentralbank herzustellen, prognostiziere Bielmeier. "Die Politik der Notenbanken wird die weltweiten Märkte weiter beflügeln", sage der Experte.
Carsten Klude, Chefvolkswirt und Leiter Asset Management bei M.M. Warburg
Vom Leitzins der Europäischen Zentralbank werde auch im kommenden Jahr deutlicher Rückenwind für die Wirtschaft ausgehen, vermute Carsten Klude, Chefvolkswirt und Leiter Asset Management bei M.M. Warburg. Mehr noch: "Wir halten es für plausibel, dass der Refinanzierungssatz bis mindestens Dezember 2022 auf dem aktuellen Niveau von null Prozent verharren wird", sage der Experte. Ähnliches gelte für die USA, wo die Zeichen ebenfalls unverändert auf sehr niedrigen Zinsen stünden. Aus dem sogenannten "Dot-Plot", mit dem die US-Notenbank Federal Reserve (FED) ihren Ausblick für den Zinsverlauf signalisiere, lasse sich ableiten, dass das Leitzinsniveau von 0,00 bis 0,25 Prozent bis Ende 2022 Bestand haben werde.
Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege DWS
"Eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Wirtschaft in den USA und in Europa im kommenden Jahr wieder Fuß fassen kann, ist eine weiterhin lockere Geldpolitik", sage Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege bei der DWS. Sowohl die US-Notenbank FED als auch die Europäische Zentralbank hätten bereits signalisiert, dass sie an ihrer Niedrigzinspolitik festhalten würden. "Zinserhöhungen sind derzeit nicht in Sicht", sei der Experte überzeugt.
Jens Wilhelm, Vorstand Union Investment
Ob in den Vereinigten Staaten, in der Eurozone oder anderswo: Die Währungshüter würden 2021 an ihrer ultralockeren Geldpolitik aller Voraussicht nach festhalten, glaube Jens Wilhelm, Vorstand von Union Investment. "Derzeit wird das geldpolitische Koordinatensystem neu kalibriert", sage er. Ein vorübergehendes Überschießen der Inflation würden die Notenbanken vermutlich hinnehmen. Diese höhere Inflationstoleranz erlaube einen stärkeren Fokus auf Wachstum. "Die Geldpolitik bleibt noch länger äußerst locker", resümiere Wilhelm.
Jens Ehrhardt, Vorstandsvorsitzender DJE Kapital
Die Konjunktur- und Börsenentwicklung werde in den kommenden zwölf Monaten voraussichtlich ganz im Zeichen der anhaltenden monetären Stimulierung durch die Notenbanken stehen, vermute Jens Ehrhardt, Gründer und Vorstandsvorsitzender von DJE Kapital. Da die Federal Reserve und die Europäische Zentralbank ihre Quantitative-Easing-Bemühungen in der zweiten Jahreshälfte 2020 noch einmal massiv verstärkt hätten, sei mit positiven Entwicklungen zu rechnen. Das gelte zumindest für das erste Halbjahr 2021. "Die Börsenentwicklung des zweiten Halbjahres dürfte ganz wesentlich davon abhängen, ob die US-Zentralbank an ihrer Stimulierungspolitik festhält oder eine überraschend gute US-Konjunkturentwicklung und eine anziehende Inflation die Zentralbank zurückrudern lässt", sage der Experte. Dies sei nicht gänzlich auszuschließen.
Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management
2021 werde wohl ein eher langweiliges Jahr für die Geldpolitik werden, schätze Tilmann Galler von J.P. Morgan Asset Management. Es sei zu erwarten, dass die Zinsen wegen der moderaten Inflationsrisiken auf absehbare Zeit niedrig bleiben würden. "Der Paradigmenwechsel der US-Notenbank in Bezug auf das Inflationsziel verstärkt diese Entwicklung", sage der Experte.
"Zwei Prozent Inflation ist nicht mehr als Punktziel, sondern als Durchschnittsziel definiert, wodurch sich die Reaktionsfunktion der FED von einer proaktiven zu einer reaktiven Geldpolitik verändert." Die Notenbank steuere nicht mehr frühzeitig gegen die Inflation an, sondern lasse sie sich erst einmal entwickeln, bevor sie reagiere. "Demnach dürften die Leitzinsen weit über das Jahr 2021 hinaus auf sehr niedrigem Niveau verharren, bevor es zu einer Normalisierung kommt", prognostiziere Galler.
Talib Sheikh, Head of Strategy Multi-Asset bei Jupiter Asset Management
Angesichts der Krise hätten Regierungen und Notenbanken weltweit gigantische Hilfspakete mobilisiert. "Eine einfache Rückkehr zu der Welt, wie wir sie vor der Krise kannten, wird es daher nicht geben", erkläre Talib Sheikh von Jupiter Asset Management. Die meisten Notenbanken der Industrieländer hätten erkannt, dass ihr Modell der Inflationssteuerung nicht mehr funktioniere und ihre geldpolitischen Strategien entsprechend angepasst.
"In der Vergangenheit orientierten sich die Zentralbanken bei der Festlegung der Zinsen an ihren künftigen Inflationserwartungen", sage Sheikh. Inzwischen hätten sich Wachstum, Beschäftigung und Inflation aber stärker voneinander abgekoppelt. "An der Prognostizierbarkeit der Inflation bestehen so große Zweifel, dass die Notenbanken bei der Festlegung der Zinssätze künftig eher reaktiv und weniger präventiv vorgehen werden", glaube der Experte.
Ken Leech, Chefanlagestratege bei Western Asset Management
Zu Zinserhöhungen werde es auch über 2021 hinaus aller Wahrscheinlichkeit nach nicht kommen, vermute Ken Leech von Western Asset Management. "Der historisch beispiellose asymmetrische Charakter der Geldpolitik, insbesondere in den USA, wird die Zinssätze über Jahre hinweg auf äußerst niedrigem Niveau halten", sage er. Zentralbanker aus Industriestaaten auf der ganzen Welt hätten die Märkte immerhin ausdrücklich auf ein Umfeld vorbereitet, in dem "lower for longer" zu erwarten sei. Es dürfte also langfristig bei niedrigen Zinsen bleiben, prognostiziere Leech.
Mobeen Tahir, Associate Director im Research bei Wisdom Tree
Die großen Zentralbanken, einschließlich der US-Notenbank FED und der Europäischen Zentralbank, würden im kommenden Jahr akkommodierend bleiben, vermute Mobeen Tahir von Wisdom Tree. Dies gelte insbesondere für die FED. Diese werde dem Experten zufolge höchstwahrscheinlich zulassen, dass die Inflation länger über ihrem üblichen Zwei-Prozent-Ziel liege. Weiterhin niedrige Zinsen werte Tahir als positiv: "Vergessen wir nicht, dass diese expansive Geldpolitik seit der globalen Finanzkrise ein wichtiger Treiber für die Aktienmärkte war", sage er. (28.12.2020/alc/a/a)


