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Anleihenmärkte finden einen Boden


09.04.20 12:00
Degroof Petercam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - In der vergangenen Woche hat eine fragile Stabilität die Märkte erfasst, so Peter De Coensel, CIO Fixed Income bei Degroof Petercam Asset Management.

Unternehmensanleihen mit Investment Grade (IG) hätten die Führung bei dieser Markterholung übernommen. Das verheißt Gutes, denn so könnten wir die Komplexität einer Kreditkrise und einer daraus resultierenden Insolvenzkrise vermeiden, so die Experten von Degroof Petercam Asset Management.

Primäremissionen hätten eine rekordverdächtige Woche erlebt, da 40 Milliarden Euro an neuen Papieren auf den Markt gebracht worden seien. Der Öl- und Gassektor sei für etwa ein Drittel dieses Volumens verantwortlich gewesen (TOTAL, BP, OMV und SHELL). Die Flut von Neuemissionen belaufe sich seit Jahresbeginn auf 115 Milliarden EUR, ein beispielloser Betrag.

Der EUR-High Yield (HY)-Primärmarkt sei seit sechs Wochen geschlossen. Die Preisfindung bleibe eine Herausforderung. Die Rating-Agenturen hätten ihre Bemühungen um eine Herabstufung aller Finanz- und Nicht-Finanz-Emittenten verstärkt. Die Differenz zwischen Herauf- und Herabstufungen bei HY-Ratings sei auf den Tiefstand von -25% gefallen. Während der globalen Finanzkrise (GFC) 2008-2009 habe diese Differenz auf einem Tiefststand von -35% gelegen. Der zusammengesetzte PMI der Eurozone von 29,7 (-22 Punkte gegenüber Februar) scheine darauf hinzudeuten, dass man höchstwahrscheinlich diese Tiefststände wieder erreichen werde.

Aktuell werde die PMI-Schwäche von der Dienstleistungskomponente angeführt. Dies stehe wiederum in Gegensatz zur GFC, bei der das Verarbeitende Gewerbe die Talfahrt angeführt habe. In den USA hätten die Experten eine Wiedereröffnung des HY-Primärmarktes beobachtet, mit einem kleinen Plus. Die EUR HY-Ausfallerwartungen für 2020 lägen zwischen 6 und 8% (im Vergleich zu 7% während der GFC). Die Märkte würden in den nächsten zwei bis drei Jahren eine fiskalische Unterstützung benötigen, um hohe zukünftige Ausfallraten zu verhindern.

Das Kaufprogramm der EZB für den Unternehmenssektor habe sich sehr günstig auf die zulässigen Unternehmensanleihen ausgewirkt. Die Performancelücke zwischen förderfähigen und nicht förderfähigen Papieren werde wahrscheinlich anhalten.

Das Einfrieren der Dividende im Banken- und Versicherungssektor, gemäß dem Rat der EZB, habe die Spreads von Papieren der Tier-1-Finanzinstitute gestärkt. Kleinere Tier-2- und Tier-3-Instituten würden sich demgegenüber unterdurchschnittlich entwickeln. Das Bild der nachrangigen Tier-2-Papiere sei uneinheitlich. Die Unsicherheit bei AT1-Papieren sei nach wie vor signifikant hoch. Wenn dieser tief untergeordnete Sektor das Risiko höher bewerte, habe man die Talsohle bei weitem noch nicht erreicht. Weiteres Minus von 5 bis 10 Prozentpunkten zeichne sich ab, wenn die Banken ihr ausstehendes AT1-Kapital nicht abrufen würden.

Wie bereits 2008-2009 würden die Experten ein höheres Dringlichkeitsgefühl seitens der US-Zentralbank beobachten. Obwohl sie die Bemühungen der EZB begrüßen würden, würden ihre Aktivitäten gegenüber der FED verblassen. Diese habe nicht nur fast alle Instrumente eingesetzt, sondern die Auswirkungen ihrer Maßnahmen hätten eine globale Reichweite. Die FED habe die Flucht in USD-Liquidität und die Finanzierung in den Schwellenländern (EM) stabilisieren wollen. Dabei habe sie den USD als die einzige echte Reservewährung der Welt verankert.

BEWERTUNGEN

Die Renditen der 10-jährigen US-Papiere hätten diese Woche bei 60 Basispunkten geschlossen, 7 Basispunkte niedriger als am Freitag, den 27. März. Die 30-Jahres-Zinsen in den USA hätten bei 1,20% gelegen. Die wichtigste Botschaft sei jedoch wie erwartet gewesen, dass die Volatilität der Zinssätze stark zurückgegangen sei. Die meisten Zentralbanken hätten sich quantitativ engagiert. Dies habe zu einer Situation geführt, die als globale, "implizite" Kontrolle der Zinskurve bezeichnet werden könne. Die Experten würden davon ausgehen, dass es, sobald die Marktteilnehmer akzeptiert hätten, dass die Festlegung der Renditekurve in den Händen der Zentralbanken liege, eine weitere Periode niedrigerer Zinsvolatilität geben werde.

Der MOVE-Index (der VIX-Index für die Anleihenmärkte) sei auf einen Einjahresdurchschnitt von etwa 75 Basispunkten gefallen, nachdem er am 9. März mit 164 Basispunkten einen extremen Höchststand erreicht habe. US-TIPS seien nicht mehr so stark wie in der Vorwoche gewesen. Die FED sei jedoch auch in diesem Sektor sehr aktiv gewesen. Die Experten würden erwarten, dass die Break-even-Zinssätze weiter ansteigen würden, sobald sich die Wachstumsrate der COVID-19-Infektionen in den USA abflache. Da die USA im Rückstand seien, würden die Experten erwarten, dass dies Ende April oder Anfang Mai der Fall sein werde. Die Experten würden eine neutrale Durationspositionierung in US-Treasuries empfehlen.

Deutsche 10-jährige Bundesanleihen hätten bei -45 Basispunkten geschlossen. Das Kaufprogramm der EZB habe die Intra-EMU-Spreads nicht stabil halten können. Die Spreads zwischen italienischen, spanischen und portugiesischen Staatsanleihen und deutschen Bundesanleihen hätten sich ausgeweitet. Der Vorschlag vom niederländischen Premierminister, eine vorübergehende Hilfe durch ein Corona-Finanzierungsinstrument anzubieten, sei nichts weniger als eine Beleidigung für die schwer angeschlagenen Länder im Süden Europas.

Unter den Anlegern von EUR-Staatsanleihen herrsche ein Gefühl der Mutlosigkeit. Nicht einmal eine humanitäre Krise dieses Ausmaßes könne die Staatschefs dazu bringen, sich auf eine robuste und langfristige Lösung zu einigen. Derweil würden institutionelle Anleger einen sicheren europäischen Markt sowie einen hochliquiden Euro-Anleihenmarkt mit ausreichender Tiefe fordern. Eine Marktgröße zwischen 1 und 2 Billionen Euro würde nicht nur den EUR-Mitgliedsländer helfen, ihre Verantwortung im Rahmen von Finanzierungsprogrammen auszudehnen, sondern auch die Glaubwürdigkeit des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts erhöhen und Investoren beruhigen.

In der Zwischenzeit werde die EZB die Schwerarbeit leisten müssen, indem sie versuche, kleine Buschfeuer zu ersticken. Angesichts des politischen Status quo werde EZB-Präsidentin Lagarde zu einer verstärkten Intervention gedrängt werden, wenn sie eine Fortsetzung der europäischen Schuldenkrise von 2011-2012 vermeiden wolle. Innerhalb des EUR-Staatsanleihensektors kommen wir um den neutralen Punkt der Duration herum zurecht, so die Experten von Degroof Petercam Asset Management.

EUR- und US-IG-Unternehmensanleihen hätten das Vertrauensbekenntnis der Experten erhalten. Die Experten würden schätzen, dass Anleger bei den derzeitigen Spreads (250bp bei EUR IG und 300bp bei US IG) für das Bilanz- und Schuldenrisiko angemessen honoriert würden. Die Experten würden an ihren Vorhersagen von 225-275 Basispunkten für den Rest des Jahres 2020 festhalten. Allerdings könnte ein frühzeitiger positiver Wendepunkt in der COVID-19-Pandemie die Spreads vorübergehend unter diese Bandbreite drücken.

Längerfristig würden die Experten erwarten, dass die IG-Kreditspreads eine höhere, komfortablere Kreditrisikoprämie (CRP) erreichen würden. Die heutige CRP von 250 Basispunkten sei im Vergleich zu den 90 Basispunkten, die man am 1. Februar gesehen habe, attraktiv. Über die COVID-Krise von 2020 hinaus könnte ein CRP-Spread von 125 bis 175 Basispunkten den Finanzierungsbedarf von Finanz- und anderen Emittenten verringern.

Die EUR HY-Kreditspreads hätten sich in der vergangenen Woche um weitere 30 Basispunkte verengt, obwohl der Itraxx Crossover-Index mit einem Spread von 608 Basispunkten deutlich höher geschlossen habe. Man frage sich, inwieweit diese Spreads Ausfälle über einen Zwölf-Monats-Horizont eingepreist hätten. Um dies herauszufinden, hätten die Experten die durchschnittliche Vergütung für Anlagen im HY-Markt über die Ausfälle hinaus berechnet, sozusagen eine HY-"Risikoprämie". Diese Risikoprämie habe im europäischen HY-Durchschnitt bei etwa 287 Basispunkten gelegen. Bei derzeitigen Spreads von rund 800 Basispunkten und einer angenommenen Erholungsrate von 35% werde der HY-Markt mit einer einjährigen Ausfallrate von 9% bewertet. In der Vergangenheit seien Ein-Jahres-Ausfallraten von über 9% sehr selten gewesen.

Wie bereits erwähnt, hätten die Experten während der GFC einen Spitzenwert von 7% erreicht. Es sei erwähnenswert, dass man dazu neige, das Jahr 2008 als einen Referenzzeitraum zu betrachten, der angebe, wie sich die Ausfälle in Zukunft entwickeln könnten. Die Experten seien der Meinung, dass dieser Vergleich aus zwei Gründen nicht ganz korrekt sei. Erstens sei die Struktur des Marktes anders. Im Jahr 2008 hätten die am niedrigsten bewerteten Unternehmen (CCC und darunter), die anfälliger für Zahlungsausfälle gewesen seien, 12% der Indices ausgemacht, während es jetzt nur noch 4,6% seien. Unternehmen mit BB-Rating würden jetzt etwa 64% ausmachen, während es 2008 nur 53% gewesen seien. Damit habe sich die Qualität des Index stark verbessert. Zweitens seien 2008 viele HY-Schulden durch aggressiv finanzierte fremdfinanzierte Buy-Outs ausgegeben worden. Dies sei heute weniger der Fall.

Die Anleihenmärkte der Schwellenländer hätten sich in der vergangenen Woche weiter stabilisiert. Die Spreads in Lokalwährung (GBI-EM) hätten sich um weitere 5 auf 485 Basispunkte verengt. Investment-Grade in Hartwährung sei unverändert bei etwa 360 Basispunkten geblieben. Breite Hartwährungen (EMBIG) hätten sich um 15 Basispunkte (auf 665 Basispunkte) ausgeweitet, und die Spreads in Hartwährung der Subsahara-Afrika-Region seien um 30 Basispunkte (auf 1010 Basispunkte) gestiegen. Spreads von Emittenten geringer Qualität und hohen USD-Verbindlichkeiten hätten sich weiter ausgeweitet. Die Abflüsse hätten sich stabilisiert, während Schwellenländer-ETFs geringe Zuflüsse von Privatanlegern verzeichnet hätten.

Die Ergebnisse der Schwellenländerwährungen in EUR seien uneinheitlich gewesen. Der Südafrikanische Rand (-3,2%), der Mexikanische Peso (-2,4%) und der Ungarische Forint (-2,4%) seien die Schlusslichter gewesen, während der Russische Rubel (+6,0%), der Peruanische Sol (+5,5%) und der Philippinische Peso (+3,8%) zu den Spitzenreitern gehört hätten.

Abgesehen von den Zinssenkungen hätten immer mehr Emerging Markets begonnen, andere (unkonventionelle) Instrumente zu nutzen, die von der Verteilung von Lebensmittelpaketen bis zu externen Hilfen (z.B. vom IWF) reichen würden. Ländern mit besseren Gesundheitssystemen und einer akkomodierenden Finanz- und Geldpolitik werde es besser ergehen als Ländern, die nicht über die Fähigkeiten verfügen würden, das Virus angemessen einzudämmen, und denen der politische Spielraum für entschlossenes Handeln fehle. Folglich seien die Experten noch nie so selektiv gewesen und würden geduldig an ihrem hochwertigen defensiven Portfolio festhalten.

SCHLUSSFOLGERUNG

Eine weitere Woche sei vergangen, und die Experten seien zu dem Schluss gekommen, dass die Märkte am Rande etwas Boden gefunden hätten. Die vor uns liegende Woche wird durch das bevorstehende lange Osterwochenende verkürzt, so die Experten von Degroof Petercam Asset Management. Die Unternehmen würden in Blackout-Perioden eintreten, wenn sie sich auf die Saison der Q1-Ergebnisse vorbereiten würden. Die USA seien in dieser Hinsicht führend. Es sei zu erwarten, dass die Schwemme an Primäremissionen allmählich abnehmen werde. Daher könnten die sekundären Kreditmärkte eine gewisse Atempause bekommen, da sie weniger Druck auf die Prämien für Neuemissionen ausgesetzt seien. Man sollte mehr Stabilität bei Staatsanleihen erwarten. Das hohe idiosynkratische Risiko werde in HY weiterhin bestehen bleiben.

Die Wirtschaftsdaten, die in den nächsten drei Monaten veröffentlicht würden, würden sowohl für die EU als auch für die USA erschreckend sein. Der negative Nachrichtenfluss mit seinen Gerüchten über eine globale Rezession sei größtenteils von den Märkten für festverzinsliche Wertpapiere eingepreist worden. Die Experten sollten jedoch nicht ausschließen, dass die langfristigen US-Zinsen erneut nach unten gedrückt würden. Wenn die Experten über den kurzfristigen Bereich hinausblicken würden, könnten sie feststellen, dass die Form der wirtschaftlichen Erholung über die Dauer der Erholung an allen Finanzmärkten entscheiden werde. (09.04.2020/alc/a/a)