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Anleihen bleiben die bevorzugte Anlageklasse


05.07.23 09:45
Swisscanto

Zürich (www.anleihencheck.de) - Mit jeder weiteren Zinserhöhung werden die Kreditkonditionen der Banken zusätzlich verschärft, was die Abwärtsrisiken für die Konjunktur erhöht, so die Experten von Swisscanto.

In diese Richtung würden auch die jüngsten Vorlauf- und Stimmungsindikatoren zeigen, die ihren Abwärtstrend mehrheitlich fortgesetzt hätten. In Nordamerika, Europa und Australien würden die Experten von Swisscanto im 2. Halbjahr deshalb unverändert mit einer Rezession rechnen. Die Chancen für einen milden Verlauf würden die Experten dabei aber weiter als intakt erachten, weshalb dies aus Anlegersicht kein abschreckendes Szenario darstellen sollte.

So kompensiere die immer noch hohe Dynamik im Dienstleistungssektor derzeit die Schwäche in der Industrie, die US-Haushalte seien deutlich weniger stark verschuldet als vor der Finanzkrise von 2008/09, und der anhaltende Fachkräftemangel dürfte für einen vergleichsweise moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit sorgen. Gleichzeitig würden die Notenbanken weiter eine sanfte Landung der Wirtschaft anstreben, obschon die diesbezüglichen Erfolgsaussichten mit den jüngsten Zinsschritten und dem starken Fokus auf nachlaufende Indikatoren wie Kerninflation und Lohnwachstum zuletzt weiter abgenommen hätten.

Die Kombination aus restriktiver Geldpolitik und Kreditvergabe sowie hartnäckig hoher Inflation werde dafür sorgen, dass das Wachstum noch für längere Zeit schwach ausfallen werde. So würden die Experten von Swisscanto auf globaler Ebene sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr mit einem BIP-Wachstum von nur noch knapp 2% rechnen. In den Industrieländern dürfte das Wachstum im Jahresvergleich sogar fast vollständig zum Erliegen kommen. Und auch für China hätten die Experten von Swisscanto die Wachstumsprognose nach wiederholt enttäuschenden Konjunkturdaten deutlich nach unten korrigiert. Einen Lichtblick würden jedoch die übrigen Schwellenländer darstellen. Dort hätten die Konjunkturdaten zuletzt positiv überrascht und die von den Experten von Swisscanto erwarteten ersten Leitzinssenkungen im 2. Halbjahr würden die Konjunktur zusätzlich stützen. Die Experten würden jedoch nur mit einer verhaltenen Erholung rechnen, weshalb die Schwellenländer die konjunkturelle Schwäche in den Industrieländern nicht vollständig auffangen würden.

Vor diesem gesamten Hintergrund empfehle sich weiter eine defensive Anlagepositionierung. Aufgrund des von den Experten von Swisscanto erwarteten Wachstums- und Inflationsrückgangs würden Anleihen die bevorzugte Anlageklasse bleiben. Die jüngsten Leitzinserhöhungen vermochten die langfristigen Renditen kaum mehr in die Höhe zu treiben, so die Experten von Swisscanto. Es sei vielmehr davon auszugehen, dass mit weiteren Zinsschritten die Konjunktursorgen der Anleger Überhand nähmen und die langfristigen Renditen sogar sinken würden. Auf der anderen Seite würden die Aktienmärkte das unsichere makroökonomische Umfeld, die abnehmende Wirtschaftsdynamik und die steigenden Kapitalkosten bisher nur unzureichend reflektieren. So seien auch die deutlichen Kursgewinne am US-Aktienmarkt im 1. Halbjahr hauptsächlich von wenigen großen Technologiefirmen getrieben gewesen. Die Aktienmärkte würden deshalb besonders anfällig für eine Korrektur bleiben.

Für die zukünftige Renditeentwicklung stelle sich die Frage, ob die Markterwartungen zu den Leitzinsanhebungen erfüllt würden. In einigen Währungsregionen lägen die Erwartungen mittlerweile auf sehr hohem Niveau. Von der Bank of England (BoE) würden in diesem Jahr weitere Leitzinserhöhungen von kumuliert mehr als 1% erwartet (aktuelles Niveau 5%). Die Inflation verharre auf hohem Niveau und die BoE werde die Geldpolitik weiter straffen müssen. Die Experten von Swisscanto würden mit einer Aufwärtsrevision von 0,5% bis im September rechnen.

Auch in Australien seien die Erwartungen an die Reserve Bank of Australia (RBA) in die Höhe geschraubt worden, nachdem sie den Leitzins Anfang Juni überraschend angehoben habe. Ähnlich wie in Großbritannien würden die Experten von Swisscanto angesichts der hohen Inflation und der guten Arbeitsmarktlage mit einer Zinserhöhung von 25 Basispunkten im Juli rechnen. Der Terminmarkt rechne mit einem zusätzlichen Schritt bis Ende Jahr. Die geldpolitische Risikoprämie erscheine in diesen Regionen sehr hoch und der Renditeanstieg am kurzen Ende der Zinskurve weit vorangeschritten.

Die Entschlossenheit der schweizerischen Nationalbank (SNB), als oberste Priorität die Preisstabilität sicherstellen zu wollen, stütze den Schweizer Franken. Der EUR/CHF-Kurs habe sich zwar in den letzten Wochen etwas erholen können, die Schweizer Währung habe im Juni aber gegenüber dem USD wieder zugelegt. Über das gesamte 1. Halbjahr habe der Franken erneut zu den stärksten Währungen gehört und auch in der 2. Jahreshälfte sei mit einer anhaltenden Stärke zu rechnen. Der Franken sei trotz weiterer Aufwertung nicht überbewertet. Die SNB sei weiterhin bereit, neben dem Zinskanal die monetären Bedingungen mittels Devisenverkäufen zu straffen. Und die von den Experten von Swisscanto erwartete Abschwächung der Wirtschaft in den USA und mit etwas Verzögerung in Europa bei gleichzeitig robuster Konjunktur in der Schweiz dürfte den Franken als sicheren Hafen attraktiv machen.

Aktien der Eurozone würden sich nach wie vor insgesamt durch eine bessere Gewinnentwicklung auszeichnen als die im globalen Vergleichsindex. Dennoch habe sich der Markt im Juni deutlich schwächer entwickelt. Dies habe zu einer kräftigen Verringerung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) geführt. Relativ zum KGV des Weltindex bewegen wir uns aktuell auf Niveaus, die unter denen liegen, die während der Finanzkrise, der Schuldenkrise oder der Coronapandemie zu verzeichnen waren, so die Experten von Swisscanto. Zwar hänge dies auch damit zusammen, dass das KGV des im Weltindex hochgewichteten US-Markts im Juni gleichzeitig nochmals deutlich gestiegen sei, aber selbst, wenn man diesen Effekt herausrechne, lasse sich eine große Skepsis in Bezug auf Aktien der Währungsgemeinschaft erkennen.

Auslöser dafür seien unter anderem unerwartet schwache Konjunkturdaten gewesen, die darauf hindeuten würden, dass die nächste Rezession möglicherweise schneller kommen könnte als vom Konsensus erwartet. Zudem habe die Europäische Zentralbank bislang nicht von ihrer falkenhaften Rhetorik abgelassen. Die derzeitige KGV-Schwäche wäre aber nur dann zu rechtfertigen, wenn im Hintergrund schwerwiegende, nur die Eurozone betreffende strukturelle Probleme schwelen würden. Möglicherweise würden die erhöhten Energiekosten oder das subventionierte Rückverlagern von Produktionsstätten in den USA dazu zählen. Beide würden europäische Standorte benachteiligen, eine existenzielle Bedrohung der Währungsgemeinschaft wie die Schuldenkrise würden sie aber nicht darstellen. Insofern scheine den Experten von Swisscanto der Pessimismus der Investoren bezüglich der Eurozone übertrieben. Derzeit fehle allerdings ein Auslöser, der die Stimmung wieder drehen könnte.

Die Experten von Swisscanto würden davon ausgehen, dass sich die Wirtschaft in den Industrieländern weiter abschwächen werde, was die Rohstoffnachfrage auch zu Beginn des 2. Halbjahres dämpfe. Unterdessen dürften die staatlichen Maßnahmen in China die Konjunktur zwar stützen, eine Wachstumsverlangsamung aber nicht verhindern. Gleichzeitig würden aber auch Angebotsrisiken bestehen bleiben. Mit dem "Marsch auf Moskau" sei gegen Ende Juni zumindest vorübergehend Russland wieder in den Fokus der Märkte gerückt. Aufgrund der starken geographischen Umverteilung der russischen Energieexporte seit dem Überfall auf die Ukraine - weg von Europa nach Asien - sei die Anfälligkeit des Energiemarktes klar reduziert worden. Besonders verletzlich bleibe aber der Getreidemarkt. Hier sei das Schwarzmeerabkommen, welches weiterhin den Export von ukrainischem Getreide über den Seeweg ermögliche, im Mai für zwei weitere Monate verlängert worden. Eine Erneuerung Mitte Juli sei jedoch alles andere als sicher. (05.07.2023/alc/a/a)