Anleihen: Pulver noch nicht verschossen


22.06.20 11:45
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Das geballte Agieren der Notenbanken sowie die Konjunkturspritzen vieler Staaten stimulieren die Nachfrage nach Corporate Bonds, so die Deutsche Börse AG.

Zunächst habe die US-Notenbank ihr 750 Milliarden US-Dollar schweres Ankaufprogramm für Unternehmensanleihen näher definiert, wie Arthur Brunner von der ICF Bank zusammenfasse. Neben einzelnen Papieren mit Investment Grade werde die US-Notenbank zum Aufbau eines diversifizierten Portfolios beim Kauf von Corporate Bonds über ETFs auch in hochverzinsliche Werte investieren. "Das sorgte zum Wochenbeginn für Kauflaune bei Unternehmensanleihen, auch solchen mit höheren Risiken."

Mittlerweile habe sich die Euphorie am Rentenmarkt laut Brunner trotz erneuter geldpolitischer Maßnahmen gelegt. Etwa stelle die Bank of Japan für den Kauf von Unternehmensanleihen nun umgerechnet rund 165 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Bank of England habe sich gestern unter Beibehaltung der Bank Rate von 0,1 Prozent erwartungsgemäß für die Fortführung der beschlossenen Wertpapierkäufe im Volumen von 200 Milliarden Britischen Pfund entschieden. Brasilien habe die Zinsen auf ein Allzeittief gesenkt. Damit sei für Folker Hellmeyer von Solvecon das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Das gelte insbesondere für Großbritannien und die USA.

Das sehe Robert Halver von der Baader Bank ähnlich. Federal Reserve-Chef Powell habe mit einer bewusst vorsichtigen Konjunkturprognose die Tür für weitere geldpolitische Eingriffe bereits aufgestoßen. Die US-Währungshüter hätten zudem die Anwendung der Yield Curve Control (YCC) geprüft. Mit diesem Instrument hätten die Geldpolitiker auf die Steuerung kurz- und langfristiger Zinskurven gezielt. Beispielsweise würde demnach eine konkrete Aussage etwa zur Verankerung der Renditen zehnjähriger US-Treasuries bei null Prozent auf die gesamte Zinsstrukturkurve wirken. Erreiche der Staat zudem die gewünschte Inflation von über 2 Prozent, reduziere sich auch wie von Zauberhand nach und nach die dramatische Überschuldung.

Im Handel mit Unternehmensanleihen sehe Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank die überwiegenden Abgaben einer bis 2075 laufenden Lufthansa-Anleihe im Licht der noch offenen Rettung der größten deutschen Fluggesellschaft. Der Wert habe im Wochenverlauf von 90,20 auf 85 Prozent verloren. Auch eine bis 2075 laufende Hybridanleihe (ISIN XS1271836600 / WKN A161YP) mit einem Kupon von 5,125 Prozent habe bis auf 76,55 Prozent nachgegeben. "Wobei sich bei uns Käufe und Verkäufe in etwa die Waage halten."

Das im Raum stehende staatliche Paket scheine noch viele offene Punkte zu enthalten. Einerseits ziele die Bundesregierung nun - scheinbar aufgrund von Hilfszusagen aus der Schweiz, Österreich und Belgien - auf eine Verringerung ihres gebilligten Engagements von 9 Milliarden Euro. Zudem mische Lufthansa-Großaktionär Heinz Hermann Thiele mit anderen Ideen mit.

In einer bis Februar 2024 laufenden, 250 Millionen Euro schweren Sixt-Anleihe mit einem Kupon von 1,5 Prozent verbuche Daniel unterm Strich Abgaben. Einen Grund erkenne der Händler nicht. Marktbeobachter würden dem Autovermieter eine solide Finanzdecke bescheinigen, um die Corona-Krise zu meistern.

Lebhaften Umsatz zumeist auf der Kaufseite verbuche Brunner in einer im Oktober fälligen, 300 Millionen Euro schweren Grenke Finance-Anleihe mit einem jährlichen Zins von 1,5 Prozent. Aktuell koste der Bond 101,42 Prozent und liege damit auf Wochensicht 1,4 Prozent im Plus.

Von einem rege gehandelten Bond der Schlote Holding mit einem Kupon von 6,75 Prozent und einer Laufzeit bis 2024 hätten sich Anleger nach Angaben von Brunner zumeist verabschiedet. Der Bond habe im Wochenverlauf von 84,80 auf 78 Prozent verloren. "Der Optimismus scheint verflogen." Die möglichen Auswirkungen der Pandemie für das Unternehmen seien vermutlich stärker in den Fokus gerückt. Mit neuen Darlehen und Tilgungsaussetzungen sehe sich Schlote aber in der Lage, den nach eigenen Angaben erheblichen Corona-bedingten Umsatz- und Gewinnrückgang im laufenden Geschäftsjahr aufzufangen. (Ausgabe vom 19.06.2020) (22.06.2020/alc/a/a)