Anleihen-Handel: Risikobereitschaft sinkt mit abnehmender Hoffnung auf baldiges Kriegsende


21.03.22 11:08
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Der Glaube an eine Deeskalation im Krieg Russlands und der Ukraine ist gesunken und damit die Risikobereitschaft der Marktteilnehmer, so die Deutsche Börse AG.

Der Trend steigender Renditen setze sich unter Schwankungen fort. Zehnjährige Bundesanleihen hätten zwischenzeitlich mit 0,41 Prozent den höchsten Stand seit November 2018 erreicht. Der Bund-Future (ISIN DE0009652644 / WKN 965264) notiere zuletzt bei 161,20 (18.03.2022).

Der Markt reagiere wenig beeindruckt auf die Entscheidung der US-Notenbank, die Leitzinsen erstmals seit Dezember 2018 zu erhöhen: "Die Inflation schlägt zu, die FED aber nicht wirklich zurück", fasse Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank, die Zinsentscheidung, die "endlich" gekommen sei, zusammen. 9 Prozent Inflation seien in den USA möglich.

Mittelfristig scheine die FED den Preisdruck aber nach Ansicht von Halver als wenig bedrohlich zu betrachten: Mit 2,7 nach 2,3 Prozent für 2023 und 2,3 nach 2,1 Prozent für 2024 erwarte sie eine klare Entschleunigung. Auch die Gefahr von Zweitrundeneffekten etwa über Lohnerhöhungen sehe sie offensichtlich als begrenzt an. "Zur Dokumentation von Glaubwürdigkeit musste die FED dennoch ein Stabilitätszeichen senden." Künftig seien Erhöhungen von 0,5 Prozentpunkten möglich. "Wer deutlicher anhebt, ist auch früher durch", füge Halver hinzu.

"25 Basispunkte lagen im Rahmen der Erwartungen", bestätige Arthur Brunner von der ICF Bank. Die Folgen am Anleihemarkt seien bereits sichtbar: Nun würden am kurzen Ende die US-Zinsen anziehen, während sie am langen Ende eher rückläufig seien. "Diese abgeflachte Kurve zeigt neben den Inflationssorgen und dem Preisdruck auf allen Ebenen in den USA, wie skeptisch Investoren hinsichtlich der konjunkturellen Entwicklung sind."

Die Bank of England habe indessen mit der dritten Zinserhöhung um ebenfalls 25 Basispunkte aufgewartet. Brunner sehe den Druck auf die EZB, ebenfalls zu handeln, steigen: Nachdem sich die europäischen Notenbanker in ihrer Inflationsprognose getäuscht hätten, sei nun ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in der Eurozone sehr optimistisch. Auch in den Reihen der EZB werde der Handlungsbedarf diskutiert, sodass am Markt bis zu zwei Zinsschritte in diesem Jahr als möglich erachtet würden.

Ralf Umlauf und Ulrich Wortberg von der Helaba würden prognostizieren: "Ein Zinsschritt im vierten Quartal scheint möglich, hängt aber sehr stark davon ab, inwieweit die europäische Konjunktur durch die Verwerfungen von Lieferketten und an den Rohstoffmärkten in Mitleidenschaft gezogen wird."

Ein wesentlicher Faktor für die Inflationserwartungen bleibe dabei Ölpreis. "In Abhängigkeit vom Kriegsverlauf werden sich somit kurzfristig auch die Inflationserwartungen entwickeln." Sie seien aber nicht der einzige Treiber des Rentenmarktes: "Das Ende der expansiven Geldpolitik und die Aussicht auf steigende Leitzinsen setzen dem Markt fortgesetzt zu", würden die beiden Analysten die Lage beschreiben.

Tim Oechsner von Steubing beschreibe eine nach wie vor große Verunsicherung am Markt: "Käufer risikoreicherer Anleihen sind rar." Anleger*innen würden vor allem in sichere Staatspapiere fliehen. Neuemissionen gäbe es kaum. Versuche, zur Normalität zurückzukehren, gäbe es immer wieder, etwa bei neuen Bonds der Deutschen Bank. "Hier gehen die Investor*innen mit." Doch alle würden vor allem auf Verhandlungsfortschritte in Russland warten.

Immerhin scheine Russland in der letzten Woche die fälligen Zinsen für zwei US-Dollar-Anleihen gezahlt zu haben, erkläre Oechsner. "Das war ein erster Test, ob Russland seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen kann." Brunner ergänze: "Es ist keine Zahlungsunfähigkeit eingetreten." Allerdings hätten noch nicht alle Gläubiger ihr Geld erhalten. Unterdessen habe die US-Ratingagentur S&P ihre Bewertung für die Kreditwürdigkeit Russlands tiefer in den Ramsch-Bereich gesenkt. Die Note für langfristige Fremdwährungsanleihen liege nun bei CC nach CCC-.

Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank mache hingegen eine große Nachfrage nach Bonds (ISIN DE000A2TEDB8 / WKN A2TEDB) von thyssenkrupp mit 2,875 Prozent Kupon und Laufzeit bis 2024 aus. "Das Unternehmen hatte in dieser Woche vor den wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Krieges gewarnt, seine Prognose für den freien Barmittelzufluss ohne Verkäufe von Unternehmensteilen ausgesetzt und neue Sparprogramme sowie mögliche Kurzarbeit angekündigt", fasse Daniel das Geschehen beim Stahlkonzern zusammen.

Anleger*innen würden jedoch nicht nur auf die Zahlen schauen, wisse der Händler. Die Anleihe werde derzeit mit 99,75 Prozent gehandelt. Das entspreche einer Rendite von 3 Prozent. Anleger*innen müssten sich grundsätzlich fragen, ob das in dieser Situation genug sei.

Derzeit sei in Deutschland vor allem der Markt für Mittelstandsbonds erheblich unter Druck: Oechsner verweise unter anderem auf Anleihen der Neue Zahnrandwerke Leipzig: "Hier werfen Inflations- und Konjunktursorgen die Kurse hin und her." Bonds (ISIN DE000A255DF3 / WKN A255DF) mit 6,5 Prozent Kupon und Laufzeit bis 2025, die zum Monatsbeginn noch bei 101 Prozent gestanden hätten, seien zwischenzeitlich auf 80 gefallen und würden sich derzeit auf 92 erholen. Das Pendant des Unternehmens mit 7,5 Prozent Kupon, das bis 2023 laufe, sei ähnlichen Verwerfungen ausgesetzt: Von 101,20 Prozent Anfang März sei das Papier auf 76 Prozent gefallen und stehe nun bei 98 Prozent.

Einen "Magath-Effekt" mache Brunner bei Hertha BSC aus: Der Bond (ISIN SE0011337054 / WKN A2NBK3) des Berliner Bundesligisten mit Laufzeit 2023 und Kupon 6,5 Prozent starte bei 96,25 Prozent in die Woche, nachdem am Wochenende bekannt geworden sei, dass Felix Magath der neue Trainer des Teams werde. Eine Erholung auf 97 sei von kurzer Dauer gewesen. Aktuell notiere die Anleihe bei 94,45 Prozent (18.03.202).

Der Fußball-Zweitligist Schalke 04 begebe seine fünfte Unternehmensanleihe. "Die Emission hat einen Kupon von 5,5 Prozent und läuft über fünf Jahre", fasse Brunner die Eckdaten zusammen. Mit einem niedrigen zweistelligen Millionenbetrag als Einnahme solle eine alte Anleihe aus dem Jahr 2016 abgelöst werden. "Das Besondere ist hier eine einmalige Bonuszahlung von 2 Prozent, sofern der Verein bis einschließlich der Saison 2025/26 den Aufstieg in die Bundesliga schafft. Die Zeichnung ist bis 13. April möglich." (Ausgabe vom 18.03.2022) (21.03.2022/alc/a/a)





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