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Anleihen 2024: Die Zeit der "Bondpicker"


12.12.23 11:49
Candriam

Brüssel (www.anleihencheck.de) - "Zinseszinsen sind das achte Weltwunder", sagte Albert Einstein. Im vergangenen Jahrzehnt verhinderten jedoch historisch niedrige und sogar negative Leitzinsen, dass Anleihen-Investoren dieses Wunder in vollem Umfang erleben konnten, so Philippe Noyard, Global Head of Fixed Income and Member of the Executive Committee, und Charudatta Shende, Head of Client Portfolio Management Fixed Income bei Candriam.

Glücklicherweise seien die Zinsen seit Mitte 2022 signifikant gestiegen und würden sich wieder im positiven Bereich befinden. Damit böten sich für Investoren attraktive Einstiegspunkte in Staats- und Unternehmensanleihen, die zuletzt 2011 zu beobachten gewesen seien. Um jedoch davon zu profitieren, müssten die Anleger die Augen offenhalten: Zwar habe die Besorgnis über externe Einflussfaktoren abgenommen, doch nun würden spezifische und idiosynkratische Risiken in den festverzinslichen Anlageklassen an Bedeutung gewinnen.

Kurzum: Die Renditen seien zurück. Ob Geldmarkt, Investment Grade, Hochverzinsliche oder Staatsanleihen - an den Anleihemärkten würden viele attraktive Möglichkeiten locken, selbst bei geringem Risikoappetit:

- Die Geldmarktrenditen würden sich derzeit der Marke von 4 Prozent nähern. Damit werde es für Investoren attraktiver, Barmittel zu parken und nach Anlagechancen Ausschau zu halten. Investoren könnten auch in diese risikoärmere Anlageklasse investieren, um die Volatilität ihrer Anleiheportfolios zu steuern.

- Mit Euro-Investment-Grade-Unternehmensanleihen könnten die Investoren derzeit Renditen von 4,3 Prozent oder mehr erzielen - und das bei einer flachen Maturity-Curve. Damit würden sie sich verhältnismäßig hohe Renditen über einen längeren Zeitraum in einer relativ hochwertigen Anlageklasse sichern.

- Die globalen High-Yield-Märkte würden ein anderes Profil auf, mit attraktiven Kupons von über 8 Prozent weisen - im Vergleich zu kaum 4 Prozent vor zwei Jahren. Auf solchen Niveaus hätten sich die Renditen zuletzt im Jahr 2011 bewegt. Die Qualität des Marktes habe sich seitdem jedoch erheblich verbessert: 75 Prozent des Euro-High-Yield-Marktes seien derzeit Anleihen mit einem Rating von BB, gegenüber nur 50 Prozent im Jahr 2011. Am US-High-Yield-Markt betrage der Anteil solcher Anleihen heute 50 Prozent. 2011 habe dieser noch 35 Prozent betragen. Der globale High-Yield-Markt biete derzeit Renditen von deutlich über 5 Prozent.

- Staatsanleihen würden herausstechen. Die Anleger würden wohl kaum vergessen, dass die deutsche Zinskurve bei Staatsanleihen noch vor zwei Jahren negativ gewesen sei. Heute biete das kurze Ende der Kurve bei europäischen Staatsanleihen eine Rendite von rund 3,6 Prozent, während ihre US-Pendants sogar beachtliche 5,3 Prozent vorweisen könnten - noch dazu mit einem geringen Spread-Risiko und ohne Kreditrisiko.

- Bei Staatsanleihen von Schwellenländern würden Anleger teilweise Kupons von über 8,7 Prozent erhalten. Ein nicht unwesentlicher Teil des Marktes bestehe aus potenziell unterbewerteten Restrukturierungsanleihen. Dabei handele es sich um Länder, die nach Ansicht der Experten kurz vor dem Abschluss einer Vereinbarung mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) stünden. Sie böten im Durchschnitt Renditen von mehr als 12 Prozent.

Zwar würden die Anleihemärkte besonders einladend erscheinen, doch es würden idiosynkratische Risiken lauern, die Anleger erkennen müssten. Die Renditen würden wieder zurück sein mögen, doch das Ausfallrisiko bleibe asymmetrisch. Ohne Unterstützung durch die Zentralbanken seien Fundamentaldaten wieder die Grundlage für die Bepreisung von Unternehmens- und Staatsanleihen. Anleihemärkte, die noch vor Kurzem von den Zentralbanken tangiert worden seien, würden jetzt wieder stärker durch Konjunkturdaten, Bilanzen und Geschäftsmodelle beeinflusst. Hinzu komme die zunehmend größere Bedeutung von ökologischen, sozialen und Governance-Faktoren für das Kreditrisiko.

Die Refinanzierungskosten seien für die Unternehmen erheblich gestiegen. Deswegen seien die Experten der Ansicht, dass die aktuelle Höhe der Spreads von Euro-Investment-Grade-Anleihen (145 Basispunkte) und globalen High-Yield-Anleihen (420 Basispunkte) diesen Risiken nicht gerecht werde. Im High-Yield-Segment würden die Experten mit einer Ausweitung der Spreads auf rund 500 Basispunkte und bedeutender Volatilität im Jahr 2024 rechnen. Bei den Ausfallraten würden sie einen leichten Anstieg auf über 5 Prozent erwarten.

Trends im Zusammenhang mit der Digitalisierung, Automatisierung und künstlichen Intelligenz würden sich erheblich auf die Geschäftstätigkeit der Unternehmen auswirken. Die Fähigkeit der Emittenten, sich anzupassen, werde entscheidend sein. Große Unternehmen mit einem stark diversifizierten Geschäft, das nicht von den Endmarktverbrauchern abhänge, dürften weniger unter einer Konjunkturverlangsamung leiden. Das neue Umfeld komme Unternehmen mit geringem Fremdkapitalanteil und gut vorhersehbaren Cashflows zugute.

Es gebe jedoch auch Emittenten, für die die Tilgungspläne eine größere Belastung darstellen würden. Sie seien mit der Tatsache konfrontiert, ihre Schulden zu höheren Zinsen refinanzieren zu müssen. Das Investment-Grade-Segment werde zwar insgesamt kaum von einer "Maturity Wall" betroffen sein. Doch auf den High-Yield-Bereich könnte 2025 und 2026 eine immense Refinanzierungshürde zukommen.

Bei staatlichen Emittenten würden ebenfalls zunehmend Wirtschafts- und Schuldenprofile im Fokus sehen, und spezifische Risiken würden auch in diesem Bereich wieder eine Rolle spielen. Die Haushaltspolitik und politische Risiken würden wieder in den Vordergrund rücken. Tatsächlich würden Marktteilnehmer jetzt aufmerksamer auf die Staatshaushalte und die Auswirkungen höherer Zinsen auf die Schuldentragfähigkeit achten. In der Vergangenheit sei hauptsächlich zwischen Kern- und Peripherieländern unterschieden worden.

Doch die Experten würden damit rechnen, dass es in der Zukunft ganz anders aussehe. So würden beispielsweise portugiesische Anleihen mittlerweile niedrigere Spreads als französische verzeichnen, nachdem Portugal eine Steuerreform durchgeführt habe. Außerdem würden die Experten im kommenden Jahr mit erheblicher Volatilität infolge der anstehenden Wahlen in mehreren großen Ländern rechnen, unter anderem in den USA, Großbritannien, Indien und Indonesien.

Eine zunehmende Zahl von Schwellenländern werde sicherlich Unterstützung durch den IWF benötigen, der seine Hilfen wahrscheinlich von den Fundamentaldaten und vom politischen Willen abhängig mache. Einige Länder wie beispielsweise Ghana, Sambia und Sri Lanka kämen mit ihrer Restrukturierung recht gut voran, während andere notleidende Länder keine Fortschritte machen würden.

Nachhaltigkeitskennzahlen hätten mittlerweile einen entscheidenden Einfluss auf die Beurteilung der Kreditwürdigkeit von Staaten, da der Klimawandel erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft habe. Indien könne zum Beispiel ein starkes Wachstum vorweisen, leide aber unter der Umweltverschmutzung: In einigen Städten seien Schulen und öffentliche Institutionen mehrere Tage lang geschlossen gewesen und die langfristige gesundheitliche Belastung trete auch bereits in Erscheinung. Diese Elemente würden sich langfristig auf das allgemeine Schuldenprofil eines Landes auswirken.

Die Anleihemärkte böten derzeit einige Renditechancen. Der Carry von Anleihen sei nicht nur für die Zinserträge wichtig, sondern auch für die Risikoabsicherung des Portfolios. Falls sich die Spreads in einem bestimmten Anleihesegment ausweiten würden, könne der Carry Anleger schützen, indem er den Rückgang des Marktwerts teilweise abfange. Das neue Zinsumfeld - oder besser gesagt, die Rückkehr zu einem normalen Zinsumfeld - spreche für eine diversifizierte Anleihen-Allokation. Denn jedes Segment biete Zinserträge und spiele zudem eine bestimmte Rolle im Portfolio.

Um diese Chancen zu nutzen, müssten die Anleger jedoch die Risiken verstehen und analysieren, denen bestimmte Emittenten unterlägen. Dieser "Bondpicker-Markt" erfordere eine sorgfältige Auswahl der Emittenten und Titel, um risikobereinigte Erträge zu erzielen. Es sei mehr denn je nötig, sowohl staatliche als auch Unternehmensemittenten rigorosen und disziplinierten Bottom-up-Analysen zu unterziehen, um ihre Kreditwürdigkeit zu beurteilen und die spezifischen Risiken der jeweiligen Titel zu identifizieren. Dazu würden auch ESG-Risiken zählen. Ihre Einbeziehung für alle Fixed-Income-Märkte sei eine Voraussetzung für ein umfassendes Verständnis der Schuldentragfähigkeit - in Zukunft ein wesentlicher Faktor innerhalb von Anleiheportfolios.

Einsteins Beobachtung gehe noch weiter: "Zinseszinsen sind das achte Weltwunder. Wer sie versteht, verdient sie. Wer sie nicht versteht, der zahlt sie." (12.12.2023/alc/a/a)