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Anleihemonitor: Markt überoptimistisch


31.01.24 14:00
BNP Paribas

Paris (www.anleihencheck.de) - Der Markt erwartet in den USA und im Euroraum in diesem Jahr zahlreiche Zinssenkungen - die ersten bereits im März, so die Analysten der BNP Paribas in ihrer aktuellen Ausgabe von "Märkte & Zertifikate".

Währungshüter dies- und jenseits des Atlantiks wollten diesen Optimismus jedoch nicht teilen.

Die Situation an der Zinsfront habe sich spätestens mit der Dezember-Sitzung der US-Notenbank FED gravierend verändert. Im Vorfeld habe sich bereits abgezeichnet, dass der aktuelle Zinserhöhungszyklus - die US-Notenbank habe von März 2022 bis Juli 2023 insgesamt elf Mal an der Zinsschraube gedreht und die Leitzinsen von nahe einem Prozent auf eine Spanne von 5,25 bis 5,50 Prozent erhöht - beendet sein könnte. Offiziell für beendet habe die US-Notenbank die Zinserhöhungsphase zwar noch nicht erklärt - FED-Chef Jerome Powell habe auf der Dezember-Sitzung erneut auf die Möglichkeit weiterer Zinserhöhungen verwiesen -, doch habe der Markt die Rhetorik des FED-Oberhaupts auf der anschließenden Pressekonferenz als Hinweis darauf gewertet, dass der Zinsgipfel bereits erreicht sei.

Der Markt habe daraufhin nicht nur das Ende der Zinserhöhungsphase gefeiert, sondern auch bereits auf baldige Zinssenkungen spekuliert. Eine Steilvorlage hätten die Zinsprojektionen der 19 FED-Mitglieder geliefert, die für Ende 2024 im Konsens ein Zinsniveau von 4,63 Prozent vorsehen würden. Dies deute auf drei Zinssenkungen von jeweils 25 Basispunkten hin.

Hätten im Vorfeld bereits einige US-Notenbanker Zinssenkungen für 2024 angedeutet, so sei die Aussicht darauf zum ersten Mal offiziell von den FED-Mitgliedern bestätigt worden. Im Begleitkommentar zur Zinsentscheidung sowie auch in der anschließenden Pressekonferenz hätten mögliche Zinssenkungen allerdings keine Erwähnung gefunden, womit auch kein Zeitpunkt für eine mögliche erste Zinssenkung genannt worden sei. Für den Markt sei jedoch schnell klar gewesen, dass es bereits im März so weit sein könnte.

Die Zinseuphorie habe zuletzt zwar etwas nachgelassen, doch erwarte der Markt bis Ende 2024 mehrheitlich Zinssenkungen über insgesamt 150 Basispunkte, was doppelt so viel wäre, wie von den FED-Mitgliedern projiziert. Zahlreiche US-Währungshüter würden die Erwartungen daher für überzogen halten und versuchen, sie zu dämpfen. Speziell eine erste Zinssenkung im März würden die meisten von ihnen als zu früh erachten.

Auch würden die jüngsten US-Konjunkturdaten nicht unbedingt auf frühzeitige Zinssenkungen schließen lassen. Die Inflation in den USA sei inzwischen stark zurückgekommen - im Juni sei sie auf eine Rate von 3,0 Prozent abgesackt. Danach sei es allerdings nicht mehr weiter abwärts gegangen. Die Inflation habe sogar wieder bis auf 3,7 Prozent angezogen und notiere aktuell bei 3,4 Prozent, womit das Inflationsziel der US-Notenbank von 2,0 Prozent noch immer ein ganzes Stück entfernt sei. Und auch der US-Arbeitsmarkt lasse weiterhin keine Schwäche erkennen. Solange die Beschäftigung zunehme, dürfte auch der Lohndruck anhalten. Die durchschnittlichen Stundenlöhne seien im Dezember mit einer Jahresrate von 4,1 Prozent stärker als erwartet gestiegen.

Währungshüter dämpfe Erwartungen. Dahingehend habe sich zuletzt auch US-Notenbankdirektor Christopher Waller geäußert. Das Ziel einer Teuerungsrate von 2 Prozent sei zwar in "greifbarer Nähe", doch müssten Änderungen des geldpolitischen Kurses "sorgfältig abgestimmt" werden. Es dürfe "nicht überstürzt" gehandelt werden, so Waller weiter. Die Notenbank müsse sichergehen, dass die Gefahr eines erneuten Anstiegs der Inflation gebannt sei.

Eine Zinssenkung müsse "methodisch und sorgsam" angegangen werden. Da Konjunktur und Arbeitsmarkt in einem guten Zustand seien, gebe es, so Waller, keinen Grund, die Zinsen so schnell und umfassend zu senken, wie dies früher - etwa in Krisenzeiten - der Fall gewesen sei. Zinssenkungen bereits im März habe der Notenbank-Direktor damit eine klare Absage erteilt.

Markt überoptimistisch? Ähnlich verhalte sich die Situation im Euroraum. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) habe die Leitzinsen von Juli 2022 bis September 2023 im Rekordtempo von 0 auf inzwischen 4,5 Prozent erhöht. Offiziell sei auch hier der Zinserhöhungszyklus noch nicht für beendet erklärt worden, doch sei sich der Markt sicher, dass auch im Euroraum der Zinsgipfel bereits erreicht sei. Was Zinssenkungen angehe, sei man im Euroraum ähnlich optimistisch wie in den USA - bis zum Jahresende erwarte der Markt ebenfalls Zinssenkungen in Höhe von 150 Basispunkten.

Die Inflation habe auch im Euroraum inzwischen abgefangen werden können. Lange Zeit sei die EZB bei der Inflationsbekämpfung der US-Notenbank hinterhergehinkt, doch sei die Inflation im Euroraum im November bereits bis auf 2,4 Prozent gesunken, womit sie sich dem EZB-Ziel von 2,0 Prozent stark angenähert habe. Im Dezember habe die Inflation jedoch wieder bis auf 2,9 Prozent angezogen, was auch hierzulande einige Währungshüter auf den Plan gerufen habe.

Diskussionen über Zinssenkungen in der Eurozone seien etwa aus Sicht von Bundesbank-Präsident Joachim Nagel derzeit noch nicht angebracht. "Vielleicht sollten wir damit bis zur Sommerpause warten", habe Nagel gesagt. Er habe gleichzeitig angedeutet, dass der Markt derzeit nicht optimistisch, sondern überoptimistisch sei. (Ausgabe Februar 2024) (31.01.2024/alc/a/a)