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26.07.17 11:15
Fluch und Segen des Niedrigzinsumfelds

London (www.anleihencheck.de) - Das Niedrigzinsumfeld ist für Anleger bekanntermaßen wenig vorteilhaft - allerdings gibt es auch einige Gründe, die aus Investorensicht für niedrige Zinsen sprechen, so die Experten von Legal & General Investment Management.

Christopher Jeffery, Fixed Income Strategist bei Legal & General Investment Management, sei davon überzeugt, dass die Niedrigzinsphase mittlerweile als dauerhaftes Phänomen statt als kurzfristige Fehlentwicklung zu betrachten sei. Im Folgenden erkläre er, warum sie vermutlich noch eine Weile andauern werde - und warum das Fluch und Segen zugleich sein könne.

Niedrige Zinsen würden sich in der Renditekurve von Staatsanleihen widerspiegeln. Diese wiederum habe Auswirkungen auf die Diskontsätze für fast alle Assetklassen. "Bei der Diskontierung mit extrem niedrigen Zinssätzen zu arbeiten, hilft dabei, hohe Bewertungen für Aktien zu rechtfertigen. Wenn man ausschließlich traditionelle Bewertungsmetriken anlegt, bewegen sich Aktien irgendwo zwischen einer leichten Überbewertung und atemberaubend teuer. Im Vergleich zu extrem niedrigen Anleiherenditen können allerdings die realen Renditen, die Aktien ermöglichen, für langfristig orientierte Anleger sehr verlockend sein", erkläre Jeffery.

Von diesem Standpunkt aus gesehen würden die gegenwärtigen Assetbewertungen auf den niedrigen realen und nominalen Zinsen beruhen. Der Experte rate daher bei allen Entwicklungen, die dieses niedrige Zinsniveau gefährden könnten, zur Vorsicht: "Sollte die lockere Geldpolitik auf eine ungeordnete oder ungeschickte Weise beendet werden, könnte dies schwerwiegende Konsequenzen für die Stabilität des gesamten Finanzsystems haben. Im Zusammenhang mit unseren Multi-Asset-Portfolios bedeutet das, dass wir ständig auf der Suche nach günstigen Wegen sind, um uns gegen politische Fehler und steigende Zinsen zu schützen."

Niedrige Zinsen würden zudem die Grundlage für eine rege Investitionstätigkeit darstellen - zumindest laut Lehrbuch. Der so genannte "Crowding Out"-Effekt hebe bei Erhöhung der Schulden auch das Zinsniveau an, was wiederum eine Senkung der Investitionsausgaben zur Folge habe. "In diesem Fall ist die übliche Kluft zwischen dem Lehrbuch und der realen Welt jedoch riesig", so Jeffery. "Trotz des langfristigen Anstiegs der privaten und öffentlichen Staatsschuldenbelastung seit Anfang der 80er-Jahre ist die Schuldendienstquote eingebrochen, da die Zinssätze enorm gefallen sind. Die Bruttozinszahlungen des Haushalts-, Nichtfinanz- und Regierungssektors haben sich trotz einer Verdoppelung des Schuldenstandes halbiert."

Hohe Schulden wiederum würden die Sensibilität für steigende Zinsen oder verringerte Einkommen erhöhen: "Der Fluch von Niedrigzinsen besteht darin, dass sie Veränderungen in den ökonomischen Strukturen, wie zum Beispiel höhere Schulden anregen, die wiederum zu einer Verfestigung niedriger Zinsen führen. Unter dieser Dynamik leiden vor allem jene, die langfristige Verbindlichkeiten halten", so Jeffery.

"Die klarste Botschaft der niedrigen Zinssätze ist vielleicht, dass sie eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für eine anhaltende wirtschaftliche Expansion geworden sind", fahre der Experte fort. In den vergangenen 70 Jahren habe der durchschnittliche Realzins um rund 200 Basispunkte unter dem BIP-Wachstum in den USA gelegen.

"Es fällt immer noch schwer, die jüngst extrem negativen Realzinsen als normal anzusehen. Das aktuelle Trendwachstum von unter zwei Prozent aufgrund der demographischen Entwicklung lässt allerdings kaum darauf hoffen, dass der Realzins in Zukunft spürbar über Null liegen wird. Dieser strukturelle Druck macht uns zuversichtlich, dass alle signifikanten Zinsanstiege wahrscheinlich nur von kurzer Dauer sein werden."

Fluch und Segen der Niedrigzinsen beständen also darin, dass sie voraussichtlich auch weiterhin existieren würden. "Aller Wahrscheinlichkeit nach sind sie zu einem nahezu dauerhaften Phänomen der Investitionslandschaft geworden, statt zu einer kurzfristigen Fehlentwicklung, die schnell in Vergessenheit geraten wird", so Jeffery. (26.07.2017/alc/a/a)


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