Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Eigentümer-geführte Unternehmen sind auch keine Garantie für eine gute kaufmännisch sinnvolle Betriebsführung und einen sinnvollen, nachhaltigen Umgang mit dem ihnen anvertrauten Fremdkapital, so das Team des Steubing German Mittelstand Fund I (SGMF) (ISIN LU0934080986/ WKN A1WY59, ausschüttend; ISIN LU0934081281/ WKN A1WY6A, thesaurierend), das sich im "Standpunkt German Mittelstand" regelmäßig zum Markt für Mittelstands- und Hochzinsanleihen äußert.
Ein Beispiel ist für die Analysten der Wolfgang Steubing AG die Rudolf Wöhrl AG. Im letzten Jahr habe das Unternehmen Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden müssen, die im Dezember in einer Regelinsolvenz gemündet habe. Schon damals sei klar geworden, dass die Anleger, die in die 30 Mio. Euro Anleihe der Rudolf Wöhrl AG investiert hätten, würden bluten müssen. Von Insolvenzspezialisten sei im besten Falle eine Quote von 20% erwartet worden.
Am 26. April 2017 habe das Unternehmen in einer Pressemitteilung bekannt gegeben, dass es im Rahmen eines Asset Deal an eine Gesellschaft des Unternehmers Christian Greiner verkauft werde. Für die Anleihegläubiger habe es dann auch direkt positive Nachrichten gegeben: "Nach neuesten Erkenntnissen rechnet die Eigenverwaltung der Rudolf Wöhrl AG mit einer angepassten Insolvenzquote für die Insolvenzgläubiger (§ 38 InsO) in der Spanne von ca. 16% bis 21% (bundesweiter Durchschnitt: Ca. 5% laut Statistischem Bundesamt). Bisher wurde von einer Insolvenzquote von 10% bis 20% ausgegangen." (Pressemitteilung der Rudolf Wöhrl AG 26.04.2017)
Christian Greiner sei kein Unbekannter. Er sei der Enkel des Gründers Rudolf Wöhrl und er stelle sich Anfang Mai direkt gegenüber dem "Handelsblatt" in einem großen Interview. Ohne seinem Cousin Olivier Wöhrl dem bisherigen Vorstandsvorsitzenden von Wöhrl offensichtlich Vorwürfe zu machen, kreide er ihm Fehler in der Unternehmensführung (eine zu aufgeblähte Zentrale) und das unstrukturierte Sortiment in den Filialen an. Bilderbuchmäßig würden hier die ersten beiden betriebswirtschaftlichen Krisen auf dem Weg zur Insolvenz beschrieben: Management- und die folgende Strategiekrise. Das sei auch schon zum Zeitpunkt der Anleiheemission status quo gewesen. Es stelle sich die Frage, ob dies die Berater, die die Anleihe mit begleitet hätten, damals nicht auch gesehen hätten.
Wie viele erwartet hätten, stünden seit letztem Monat die Anleihen der Rickmers Holding im Wert von 275 Mio. Euro im Feuer. Hier habe der gute Name des Reedereigründers sicherlich auch so manchen Investor überzeugt, hier sein Geld anzulegen. Pech gehabt, würden nun die Anwälte von Bertram Rickmers sagen. Sie sollten ihre Anleihe, die mittlerweile bei nur noch um die 5% vor sich hin dümple, in nachrangiges Aktienkapital einer Luxemburger Gesellschaft tauschen. Dann könnten sie auf die Auszahlung des nächsten Kupons in Höhe von 8,75% im Juni rechnen. Die Freude der - insbesondere professionellen - Investoren halte sich in Grenzen.
Die Analysten der Wolfgang Steubing AG halten dieses Angebot ebenfalls nicht für überzeugend. Insbesondere weil sie davon ausgehen würden, dass im Falle einer Insolvenz alle Gläubiger gleich behandle werden müssten, was bedeuten würde, dass auch die Kredite der HSH nicht vorab bedient werden könnten. Im Jahr 2013 sei die Anleihe begeben worden. Schon damals seien die Kosten für Rickmers zu hoch gewesen, um auf dem Weltmarkt weiter bestehen zu können. Auch in den Folgejahren habe das Management um Bertram Rickmers die Kosten nicht nachhaltig drücken können. Alleine im Jahr 2016 seien massive Verluste von um die 300 Mio. Euro eingefahren worden - auch hier: Managementfehler gleich Managementkrise.
Sei für Bertram Rickmers und für die emissionsbegleitenden Berater der Ausbau des Panamakanals ein schwarzer Schwan gewesen? Die Strategie von Rickmers sei zumindest nicht ausgereift zu nennen. Deswegen sei auch hier zum Zeitpunkt der Emission von einer nachhaltigen Strategiekrise des Eigentümer-geführten Unternehmens auszugehen.
Seit dem 10. Mai 2017 sei es nun auch final klar: Die SolarWorld AG habe Insolvenz anmelden müssen. "Der Vorstand der SolarWorld AG ist nach umfassender Prüfung heute zu der Überzeugung gelangt, dass im Zuge des aktuellen Geschäftsverlaufs und der weiter voranschreitenden Preisverwerfungen keine positive Fortbestehensprognose mehr besteht." (Pressemitteilung SolarWorld AG, 10.05.2017)
Der Gründer und CEO Frank Asbeck habe diese Preisverwerfungen, die es spätestens mit der Reduzierung der staatlichen Förderungen gegeben habe, nicht vorausgesehen? Er habe nicht erkannt, dass die Produktionskosten für deutsche Photovoltaik-Anlagen zu hoch seien (Managementkrise). "Auch SolarWorld-Chef Asbeck habe Fehler gemacht, heißt es. Zu spät - nämlich erst zu Beginn dieses Jahres - habe er mit einem Sparprogramm auf die schrumpfenden Erträge reagiert. Geschäftliche Chancen wie die Beratung mit eigenen Beschäftigten oder das Geschäft mit Speicherbatterien habe er liegen lassen." ("FAZ"-online, 11.05.2017)
In den Jahren 2010 und 2011 hätten sich viele Anleger vom markigen Auftreten von Frank Asbeck überzeugen lassen und Anleihen im Umfang von 550 Millionen Euro gezeichnet. "Seither hatten die Anleger wenig Freude an ihrem Investment. Bereits 2013 mussten sie auf 60 Prozent ihres Geldes verzichten und einen Teil ihrer Anleihen in Aktien umwandeln. Doch noch immer stehen laut Bloomberg zwei Anleihen mit einem Gesamtvolumen von knapp 170 Millionen Euro aus." ("Handelsblatt online", 11.05.2017)
Seit dem Jahr 2009 sei klar geworden, dass die weltweite Finanzkrise auch direkte Auswirkungen auf die Förderprogramme für Sonnenenergie gehabt habe. Viele Staaten hätten die Förderung einschränken oder komplett streichen müssen. Gleichzeitig hätten preiswertere chinesische Produkte auf den europäischen und amerikanischen Markt geschwemmt. Dementsprechend seien die Anleihen der SolarWorld AG in einer handfesten Strategiekrise emittiert worden. Vielleicht habe für den Bonner Asbeck als Strategie auch das Kölsche Grundgesetz gegolten: Et kütt, wie et kütt und et hät noch immer jod jejange.
Zusammenfassend stellen die Analysten der Wolfgang Steubing AG fest: So genannte Familienunternehmen oder Eigentümer-geführte Unternehmen seien im Management nicht unbedingt besser aufgestellt. Langjährige Marktkenntnisse, vielleicht sogar über Generationen hinweg, würden nicht vor handfesten Strategiekrisen schützen. Häufig würden die Eigentümer versuchen, Verursacher der betriebswirtschaftlichen Krisen, anstatt die Probleme zu lösen, einfach durch die Aufnahme von Fremdkapital, die entstandenen Liquiditätslücken zu schließen. Für Investoren bedeute dies: Ein traditionsreiches Unternehmen müsse nicht auch unbedingt ein gutes Unternehmen sein. (15.05.2017/alc/a/a)
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