Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Gemengelage aus Hoffnung auf Fortschritte im Griechenland-Poker, tendenziell besseren US-Konjunkturdaten und steigenden europäischen Inflationszahlen bereitet das Feld für weiter anziehende Erträge an den Bondmärkten, so die Deutsche Börse AG.
Für den Euro-Bund-Future (ISIN DE0009652644 / WKN 965264) sei der Abrutsch von 4 Prozent binnen vier Tagen ein Novum gewesen. Am Donnerstag sei mit Kursen von 149,79 Punkten der tiefste Stand seit acht Monaten erreicht worden. Dementsprechend habe die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen an der 1 Prozent-Marke gekratzt, nachdem die Ausbeute erst im April auf ein Rekordtief von 0,05 Prozent gefallen sei.
Arthur Brunner von der ICF Bank sei vom gestrigen Verlauf an den Rentenmärkten kaum überrascht. "Feiertage werden gern zum Knacken bestimmter technischer Marken genommen." Aktuell notiere das Rentenbarometer mit 152,25 Prozent wieder etwas erholt.
Zunächst hätten anziehende Verbraucherpreise nach Beobachtung der HSH Nordbank für sprunghaft steigende Zinsen an den Anleihe-Märkten gesorgt. "Anstatt die Investoren zu beruhigen, goss Mario Draghi noch Öl ins Feuer", beschreibe Cyrus de la Rubia den unsteten Wochenverlauf. Nachdem der EZB-Chef Investoren aufgefordert habe, sich an Phasen mit höherer Volatilität zu gewöhnen, seien die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen prompt auf 0,94 Prozent gesprungen. Vor einer Woche hätten Papiere dieser Laufzeit mit 0,51 Prozent noch deutlich weniger abgeworfen.
"An den Leitzinsen und dem geplanten Umfang vom Anleihen-Kaufprogramm hat Draghi erwartungsgemäß nicht gerüttelt", ergänze Sabine Tillmann von der Hellwig Wertpapierhandelsbank. Trotz verbesserter konjunktureller Vorzeichen gehe die EZB nach wie vor von einer vollständigen Umsetzung des bisherigen Plans aus.
Auch für Neuemissionen müssten Regierungen tiefer in die Tasche greifen. Für eine bis Oktober 2025 laufende Anleihe (ISIN ES00000127G9 / WKN A1Z2RV) mit einer Stückelung von 1.000 Euro zahle Spanien jährlich 2,15 Prozent Zinsen. "Die Nachfrage war gut." Bestellungen von über 14 Milliarden Euro stünde ein Emissionsvolumen in Höhe von fünf Milliarden Euro gegenüber. Der aktuelle Anleihe-Kurs von 99,39 Prozent ergebe eine Rendite von 2,217 Prozent. "Damit hätte vor drei Monaten keiner gerechnet", schätze Brunner.
Die Welt- und Europapolitik halte Investoren weiter in Atem, allen voran die scheinbar nicht enden wollende griechische Tragödie.
Dabei führe das ständige Zuwerfen von Bällen zwischen Brüssel und Athen zu keiner Lösung, wie Klaus Stopp von der Baader Bank meine. "Die Kommentare der Spitzenvertreter von Europäischer Union, Europäischer Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds strapazieren die Geduld des Publikums", schätze der Rentenhändler. Für Politiker und Notenbanker gehe es schließlich darum, endlich eine Entscheidung zu treffen. Nur mit mehr Entschlossenheit könne die EU das mit der "Insolvenz-Verschleppung nach griechischem Muster" massenhaft verspielte Vertrauen wieder zurückgewinnen. "Diese Chance gibt es aber nicht mehr oft."
Das aktuelle, abermals ultimative Angebot der Troika halte Folker Hellmeyer bestenfalls für eine Farce zweiter Klasse. Nach dem Einknicken des Internationalen Währungsfonds entstehe der Eindruck, dass der Schuldner die Kreditbedingungen bestimme. Den Umgang mit Griechenland nenne der Chefvolkswirt der Bremer Landesbank einen Schlag ins Gesicht für die Reformländer Spanien, Portugal und Irland.
Unterdessen gebe es für griechische Geldhäuser nochmals höhere Notkredite der Europäischen Zentralbank. Der Ela-Rahmen, was für Emergency Liquidity Assistance stehe, sei Stopp zufolge um weitere 500 Millionen auf 80,7 Milliarden Euro aufgestockt worden. "Damit halten die Währungshüter an ihrer Strategie fest, griechischen Banken durch die Hintertür die Zahlungsfähigkeit zu erhalten." Die EZB betone aber, die Kredite nur weiter leisten zu wollen, wenn es zu Fortschritten in den Verhandlungen mit Griechenland komme. "Die Botschaft höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube", urteile Stopp. Seit dem 11. Februar würden griechische Finanzinstitute frisches Geld nicht mehr direkt von der eigenen Zentralbank, sondern nur noch über die EZB bekommen. (Ausgabe vom 05.06.2015) (08.06.2015/alc/a/a)
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