Unterschleissheim (www.anleihencheck.de) - Nachdem nun das erste Ereignis abgehakt werden konnte - die Wiederwahl Obamas - wenden sich die Märkte unverzüglich den nun anstehenden Problemen zu, denn nach dem Spiel ist vor dem Spiel, so Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank.
In Feierlaune seien die Märkte nicht, sondern nun gelte es nach dem Motto zu verfahren: "Und nun wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt …". Diese Einstellung sei u.a. in Griechenland verpönt, denn dort hätten die Gewerkschaften zu einem zweitägigen Generalstreik, dem fünften in diesem Jahr, aufgerufen. Und es dränge sich somit immer mehr die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Zwangsernährung des griechischen Patienten gegen seinen Willen auf.
Die griechische Regierung und das Parlament hätten zwar in der Nacht mit knapper Mehrheit noch die notwendigen flankierenden Maßnahmen verabschiedet, aber die Märkte würden wohl bis zum Treffen der Euro-Finanzminister am 12. November auf Fakten warten müssen. Erst dann werde "kurz vor Zwölf" bekannt gegeben, wie mit der griechischen Schuldenlast zukünftig umgegangen werde. Denn am 16. November wäre Griechenland - nach eigenem Bekunden - das Geld ausgegangen. Griechenland wäre dann de facto zahlungsunfähig, aber hinter den Kulissen werde heftig weiterdiskutiert, denn niemand wolle später in den Geschichtsbüchern als der "Totengräber der Eurozone" bezeichnet werden.
An der Börse sage man: "Hoffen und harren, hält manche zum Narren", aber auch für Politiker gelte dieser Spruch. Und zu allem Überfluss beginne am 11.11. um 11:11 Uhr die närrische Zeit. Wolle man hoffen, dass nicht mit einer eintägigen Verzögerung ein weiteres närrisches Treiben an den Finanzmärkten Einzug halte. Denn eines sei gewiss: "Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei!"
"Von nun an ist die perfekte Gerade eine Kurve." Dieser Werbeslogan könnte für die Regeln und Gesetze gelten, die zur "Rettung" des Euro von Regierungen und Europäischer Zentralbank zurechtgebogen würden. Anscheinend habe die EZB bei der Kreditvergabe mit zweierlei Maß gemessen. So habe die "Welt am Sonntag" berichtet, dass die spanischen Banken wahrscheinlich Kredite von 16,6 Mrd. EUR erhalten hätten, die in dieser Höhe nicht durch die Vorschriften der Notenbank gedeckt seien.
Bei den hinterlegten Geldmarktpapieren, den sogenannten T-Bills, habe die Notenbank geringere Risikoabschläge vorgenommen als bei anderen Ländern mit einem vergleichbaren Rating. Statt auf die Bewertungen der drei großen Rating-Agenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch zurückzugreifen, habe sie das Rating einer vierten Agentur, der kanadischen DBRS, als Maßstab genommen. Diese bewerte spanische Staatsanleihen immer noch mit "A low". Im Unterschied zur B-Bewertung der großen Agenturen immer noch eine erstklassige Note. Bei Irland, das ein vergleichbares Rating wie Spanien aufweise, orientiere sich die EZB aber an den schlechteren Ratings der großen Drei. Ein Schelm, der dieses als Folge der Romanisierung der Zentralbank sehe.
Die Aktivitäten am Primärmarkt für Euro-Corporates hätten nach der Verschnaufpause in den vergangenen beiden Wochen jetzt wieder deutlich zugenommen. Es komme also wieder Leben in die Bude.
Das italienische Gasversorgungs-Unternehmen Snam (A- gerated bei S&P), eine Tochtergesellschaft des italienischen Erdöl- und Energiekonzerns Eni, habe am Dienstag dieser Woche Anleihen in zwei Tranchen mit einem Volumen von jeweils 750 Mio. EUR emittiert. Die kurz laufende Tranche mit Fälligkeit November 2015 sei mit einem Kupon i.H.v. 2,00% ausgestattet. Final sei ein Spread von 150 BP über Midswaps auf das Ticket der Investoren geschrieben worden. Der Emissionspreis habe 99,847% betragen. Die lang laufende Tranche (Februar 2020) habe einen Kupon i.H.v. 3,50% und sei bei 99,646% begeben worden.
Das besondere Highlight in dieser Handelswoche sei allerdings der Auftritt des größten europäischen Softwareherstellers SAP (nicht gerated) am Kapitalmarkt gewesen. Emittiert worden seien zwei Tranchen mit Laufzeiten von drei und sieben Jahren. Die Tranche mit Fälligkeit im November 2015 (ISIN DE000A1R0U31 / WKN A1R0U3) besitze einen Kupon i.H.v. 1,00%. Der Emissionspreis für die 550 Mio. EUR große Anleihe habe 99,791% betragen. Die 750 Mio. EUR große Tranche mit Rückzahlungstermin im November 2019 (ISIN DE000A1R0U23 / WKN A1R0U2) sei mit einem Kupon i.H.v. 2,125% ausgestattet. Um für Privatanleger interessant zu sein, habe sich das Unternehmen für nominal 1.000,-- EUR als kleinste handelbare Einheit entschieden.
Darüber hinaus habe der spanische Finanzdienstleistungskonzern Mapfre SA (BBB - gerated bei S&P) eine 1 Mrd. EUR große Anleihe mit einer Laufzeit von drei Jahren emittiert. Der Kupon betrage 5,375% und der Emissionspreis der Anleihe mit Rückzahlungstermin im November 2015 sei zu pari festgelegt worden.
Stehe die Rating-Branche vor einer Zeitenwende? Eine Bundesrichterin in Sydney habe die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) sowie ABN Amro zur Zahlung einer Entschädigung an mehrere australische Gemeinden verurteilt, die Verluste mit komplexen Finanzprodukten erlitten hätten. Die Bewertung des strukturierten Finanzproduktes mit der Höchstnote AAA sei täuschend und irreführend gewesen. Ein lokaler Finanzdienstleister habe diese Produkte 2006 von ABN Amro gekauft und dann an 13 Gemeinden von New South Wales weiter verkauft. Im Herbst 2008 sei der Wert dieser Produkte auf unter 10% gefallen, sodass sie liquidiert worden seien.
Nach Ansicht des Gerichts sei die Verleihung der Bestnoten auf falschen Modellannahmen erfolgt, die die Rating-Agentur von ABN Amro gutgläubig und ungeprüft übernommen sowie zum Teil willkürlich gewählt habe. Insgesamt seien ca. 16 Mio. AUD investiert worden. Die festgesetzte Entschädigung, um Zinszahlungen und Anwaltskosten auszugleichen, belaufe sich auf 30 Mio. AUD (Australischer Dollar). Hierbei sei erstmalig eine Ratingagentur für ihre Bewertung eines Finanzprodukts zur Verantwortung gezogen worden. Dieser Fall könnte ein Präzedenzfall sein und zu einer Kaskade von Anklagen gegenüber Rating-Agenturen führen.
Europa gehe die Zahl der solventen Schuldner aus. Die Liste mit diesen Staaten sei übersichtlicher als die der Sorgenkinder. Die Eingruppierung Frankreichs werfe aktuell Fragen auf. Wegen des Nullwachstums und steigender Schulden sei das Haushaltsloch größer geworden. Die Konjunkturexperten der EU würden davon ausgehen, dass das Defizit im laufenden Jahr ein Minus von 4,5% des Bruttoinlandsproduktes erreichen und damit deutlich über der Defizitgrenze von 3% liegen werde.
Mit einem gewissen Optimismus würden sie von 3,5% in den kommenden beiden Jahren ausgehen. Die steigenden Arbeitslosenzahlen und die von Frankreichs Präsident François Hollande angekündigten Steuererhöhungen würden eine stärkere Erholung verhindern. Reformen zur Steigerung der französischen Wettbewerbsfähigkeit und eine Sanierung der Staatsfinanzen seien also dringend nötig, um die Bonität zu sichern. Ob dazu aber die Entlastung der kriselnden Wirtschaft um 20 Mrd. EUR ausreichen werde, wie am Dienstag beschlossen, müsse bezweifelt werden. Schaffe es die EU dann nach Griechenland, Irland, Portugal und Spanien wohl auch noch, Frankreich zu stützen?
In den vergangenen Wochen habe sich immer wieder die alte Weisheit: "Buy on dips" als richtige Vorgehensweise herausgestellt. Dennoch habe vielen Marktteilnehmern der Mut gefehlt, bei diesen Renditen - unterhalb der Inflationsrate - sich zu engagieren. Aber vor dem Hintergrund der starren Haltung Griechenlands, der negativer werdenden Konjunkturprognosen für Europa und dem Problem "fiscal cliff", das sich auch durch die Wiederwahl Obamas nicht von selbst auflöse, habe sich der Euro-Bund-Future (ISIN DE0009652644 / WKN 965264) angeschickt, die obere Trendkanallinie bei 142,62 (Hoch vom 29.08.) zu überwinden.
Sollte diese Linie nur im Tagesverlauf getestet werden und nachhaltig nicht zu halten sein, so drohe aus charttechnischer Sicht ein Rückfall in den Bereich bei 141,90% (mehrere Hochs im Oktober) bzw. auf 140,50%. Für die "Bullen" unter den Rentenhändlern sei allerdings immer noch das Hoch vom 2. August bei 143,35% im Bereich des Möglichen angesiedelt.
Im Vorfeld der EZB-Sitzung am heutigen Donnerstag und nicht zuletzt wegen der US-Präsidentschaftswahl hätten sich die Staatsregierungen mit Refinanzierungsmaßnahmen eher zurückgehalten und sich auf das Notwendigste beschränkt. So habe zum Beispiel Österreich zwei Anleihen (ISIN AT0000A0VRF9 / WKN A1G6UU, 2019 und ISIN AT0000A0U3T4 / WKN A1GZRQ, 2022) aufgestockt.
Auch in Deutschland habe in dieser Handelswoche eine weitere Aufstockung der fünfjährigen Bundesobligation Serie 164 (ISIN DE0001141646 / WKN 114164) i. H. v. 4 Mrd. EUR auf der Agenda gestanden. Das Emissionsvolumen betrage nun 13 Mrd. EUR und die Zuteilung sei bei einer 1,5-fachen Überzeichnung mit einer Durchschnittsrendite von 0,42% erfolgt. Lediglich am 1. August habe im Rahmen einer Auktion eine niedrigere Rendite für diese Laufzeit erzielt werden können. Für Investoren, denen diese Renditen nicht reichen würden, habe sich in dieser Woche noch die Alternative in Form einer EFSF-Anleihe (ISIN EU000A1G0AR0 / WKN A1G0AR, 2019) aufgezeigt. Die Rendite der ebenfalls um 1,5 Mrd. EUR aufgestockten Anleihe habe sich auf 1,44% belaufen.
Am heutigen Donnerstag werde mit Spannung die Marktakzeptanz der geplanten Aufstockungen zweier Altemissionen Spaniens (ISIN ES00000123P9 / WKN A1G91J, 2015 und ISIN ES0000012411 / WKN 607762, 2032) sowie die Begebung einer neuen Anleihe mit Endfälligkeit Januar 2018 und einem Volumen von ca. 4 Mrd. EUR erwartet.
Die US-Amerikaner hätten gewählt. Neuer und alter Präsident sei und bleibe Barack Obama. Die Marktteilnehmer und die Anlegerschar der Eurozone hätten leider keine Wahl und müssten sich weiterhin mit den alten und immer wiederkehrenden Problemen sowie den Herausforderungen der Schuldenkrisen auseinandersetzen.
Am Devisenmarkt sei die Verunsicherung der Marktteilnehmer in Form einer deutlich gestiegenen Nervosität zu spüren und somit zeige sich der Euro aktuell nicht gerade von seiner stabilsten Seite. Sei er zum Wochenbeginn noch auf ein Zwei-Monats-Tief gefallen, so habe er sich nach der Wiederwahl Obamas wieder um über einen Cent verteuern können. Aber nach den jüngsten Wirtschaftsmeldungen und Äußerungen des europäischen Notenbankchefs sei der Euro gestern Nachmittag unverhofft unter die Räder gekommen und habe im Low bei 1,2734 USD notiert.
Solange es allerdings keine wirklichen Fortschritte gebe, um die Euro-Schuldenkrise nachhaltig in den Griff zu bekommen, seien Währungsanleihen ein probates Mittel zur Risikostreuung. Somit würden sich die Privatanleger immer noch für Fremdwährungsanleihen auf Norwegische Kronen, Australische Dollar und Türkische Lira lautend interessieren. Insbesondere die Türkische Lira habe von der Hochstufung der eigenen Staats-Bonität durch die Ratingagentur Fitch von BB+ auf BBB- mit stabilem Ausblick profitiert.
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