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04.07.25 07:53
Halbjahresausblick: Positive Überraschungen sind möglich

Paris (www.anleihencheck.de) - Edmond de Rothschild Asset Management präsentiert seinen Ausblick für das zweite Halbjahr 2025 - vor dem Hintergrund eines sich verschlechternden geopolitischen Umfelds sowie einer durch die US-Politik beeinträchtigten wirtschaftlichen Perspektive.

Die Einführung von US-Zöllen könnte im zweiten Halbjahr das globale Wachstum belasten und die Inflation in den USA ansteigen lassen. Dies würde die Marktunterstützung verringern. Allerdings sehe der aktuell diskutierte US-Haushalt für das Jahr 2026 ein Konjunkturpaket in Höhe von einem Prozent des BIP vor. Trotz der erwarteten Abschwächung bestehe somit Hoffnung auf eine vorübergehende Erholung.

Auch wenn der US-Anleihemarkt bislang ruhig bleibe, bestünden bei ausländischen Investoren weiterhin Spannungen, da sie sich wegen ihrer Dollar-Exponierung Sorgen machen würden. Die Märkte könnten das derzeitige Tief überwinden, wenn der protektionistische Zyklus beendet würde - allerdings sei dieses Szenario unsicher.

Benjamin Melman, Chief Investment Officer bei Edmond de Rothschild AM, kommentiert: "Die Gespräche zwischen den USA und China könnten sich in die Länge ziehen, während die Verhandlungen mit Europa voraussichtlich komplex werden. Für das zweite Halbjahr haben wir uns entschieden, Aktien - insbesondere US-Aktien - sowie den US-Dollar weiterhin leicht unterzugewichten."

Der anhaltende Krieg in Europa zwischen Russland und der Ukraine, die Spannungen im Nahen Osten zwischen Israel und dem Iran sowie das Risiko einer chinesischen Invasion Taiwans bis 2027 fänden vor dem Hintergrund statt, dass die USA als bisheriger Garant der Weltordnung ihr Engagement (etwa in Bezug auf die NATO, AUKUS usw.) überdenken möchten. Dieses neue geopolitische Umfeld, das von einer allgemein gestiegenen Unsicherheit geprägt sei, belaste die weltwirtschaftlichen Aussichten und setze die öffentlichen Finanzen unter Druck. Gleichzeitig zwinge es die Regierungen, ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken und ihre Machtansprüche zu untermauern.

Die langfristigen US-Renditen stünden durch nicht gegenfinanzierte Steuersenkungen unter Druck. DOGE (Deficit Optimization and Growth Enhancement) habe die Ambitionen drastisch zurückgeschraubt, was zu einem weiteren Anstieg der Defizite führe.

Angesichts der neuen geopolitischen Lage steige auch im Rest der Welt der Bedarf an öffentlichen Investitionen deutlich an. Die Sicherung von Territorium, Lieferketten und digitaler Souveränität werde mit erheblichen Kosten verbunden sein. Die aktuell wieder steigenden Laufzeitprämien dürften weiter zunehmen.

Darüber hinaus erfülle die Laufzeit angesichts sinkender Inflation ihre schützende Funktion im Falle eines Schocks nicht mehr. Die Korrelation zwischen langfristigen Zinsen und Aktienmärkten sei beispielsweise weiterhin besonders instabil - selbst während der jüngsten Zuspitzung der Spannungen zwischen Israel und dem Iran. Lediglich eine Rezession scheine in der Lage zu sein, die ursprünglichen Eigenschaften des Anleihemarktes wiederherzustellen. Zudem habe der US-Dollar seine traditionelle Rolle, insbesondere in Phasen zunehmender geopolitischer Spannungen, nicht erfüllt.

Nach einer Phase der Stagnation habe Deutschland einen rasanten Wandel durchlaufen. Historisch basiere die deutsche Wirtschaft auf dem Import russischer Rohstoffe und dem Export hochwertiger Güter, insbesondere nach China, unter dem Schutz der USA. Heute habe die Krise in Deutschland nahezu existenzielle Ausmaße angenommen, was Europa dazu veranlasst habe, dem deutschen Beispiel zu folgen und weitreichende Veränderungen in der EU einzuleiten. Seit den letzten Wahlen verfolge Bundeskanzler Friedrich Merz einen mutigen Kurs: ein ambitioniertes Investitionsprogramm für Verteidigung und Infrastruktur, Steuersenkungen für Unternehmen sowie eine gestärkte internationale Rolle, insbesondere im Hinblick auf die Ukraine.

Merz plane, den Fokus verstärkt auf internationale Themen zu legen. Die Frage sei, ob er Europa dazu bewegen könne, den Empfehlungen des Draghi-Berichts zu folgen, den er ausdrücklich begrüßt habe. Sollte sich dieser Trend bestätigen, dürften europäische Aktien weiter zulegen, da internationale Investoren nach wie vor untergewichtet seien.

Benjamin Melman fasst zusammen: "Zu Beginn des zweiten Halbjahres verfolgen wir einen vorsichtigen Ansatz bei US-Anlagen, während wir andere Anlageklassen weiterhin sondieren. Positive Überraschungen sind möglich, sollte die Trump-Regierung vom Protektionismus abrücken und stattdessen auf Deregulierung und Steuersenkungen setzen. In Europa könnte die Umsetzung des Draghi-Plans dazu beitragen, einen Teil des Rückstands aufzuholen. Der Aufstieg der künstlichen Intelligenz könnte die Produktivität nach und nach steigern, auch wenn die Auswirkungen derzeit noch begrenzt sind. Dennoch ist weiterhin Vorsicht geboten angesichts hoher Bewertungen an den Märkten, politischer Unsicherheiten in den USA, geopolitischer Spannungen und des insgesamt herausfordernden wirtschaftlichen Umfelds." (Ausgabe vom 03.07.2025) (04.07.2025/alc/a/a)



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