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10.03.25 09:00
EZB bleibt trotz Investitionspaket zurückhaltend

München (www.anleihencheck.de) - Angedrohte US-Zölle, Aufrüstungs- und Investitionspaket in Deutschland, weiterhin geringes Wachstum: Die EZB-Rat hat heute seine Leitzinsen gestern wie erwartet um 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent, 2,9 Prozent und 2,65 Prozent gesenkt. Wesentlich interessanter waren jedoch, wie die Währungshüter die aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland und den USA bewerten. Warum die EZB bei den positiven fiskalpolitischen Impulsen aus Deutschland aktuell noch zurückhaltend ist, welches Risiko angedrohte US-Zölle für den Euroraum mit sich bringen – und warum sie dennoch mittelfristig einen Wachstumsschub erwartet, erklärt Sandra Rhouma, European Economist – Fixed Income bei AllianceBernstein (AB).

Die EZB habe bei ihrer Sitzung diese Woche bekräftigt, dass der Desinflationsprozess auf einem guten Weg sei und weitgehend mit ihrer Prognose übereinstimme. Allerdings würden die Währungshüter ihre aktuelle Geldpolitik als deutlich weniger restriktiv bewerten. Diese Einschätzung sei bereits erwartet worden, weil die unterschiedlichen Ansichten über den neutralen Zinssatz in der jüngsten Vergangenheit zugenommen hätten. Die EZB lege jedoch all ihre Optionen offen halten und sich nicht auf einen bestimmten Zinspfad fest.

Die EZB habe ihren Ausblick für die Gesamtinflation von 2,1 Prozent im Jahr 2025 auf 2,3 Prozent nach oben korrigiert. Dies sei auf die erwartet höher ausfallenden Energiepreise zurückzuführen. Die Inflationsprognose für 2026 sei dabei unverändert bei 1,9 Prozent geblieben. Für 2027 hätten die Währungshüter ihre Prognose um 10 Basispunkte auf 2 Prozent nach unten korrigiert. Die Kerninflation schwäche sich voraussichtlich weiter auf 2,2 Prozent im Jahr 2025, 2 Prozent im Jahr 2026 und 1,9 Prozent im Jahr 2027 ab – das sein 10 Basispunkte mehr als in den ersten beiden Jahren des Prognosehorizonts. Die Wachstumsrisiken seien weiterhin nach unten gerichtet – zumindest sei dies der Stand zum Zeitpunkt, als die Prognose fertiggestellt worden sei – entsprechend habe die EZB ihren Ausblick erneut nach unten korrigiert: 0,9 Prozent für 2025, 1,2 Prozent für 2026 und 1,3 Prozent für 2027. Die EZB-Prognosen würden daher nach wie vor dafür sprechen, dass die Währungshüter im Jahr 2025 ihre Geldpolitik weiter lockern dürften. Da sich die EZB jedoch ihren neutralen Zinssätzen nähere, dürfte das Tempo der Lockerungen angepasst werden. Darüber hinaus habe EZB-Chefin Christine Lagarde auf das höchst ungewisse Umfeld hingewiesen, mit dem der Euro-Raum aktuell konfrontiert sei, und lehnte daher ab, sich auf einen bestimmten Zinspfad festzulegen.

Es sei nicht überraschend, dass die Geldpolitik aktuell weniger restriktiv wirke. Immerhin habe die EZB ihre Zinssätze seit Juni 2024 um 150 Basispunkte gesenkt. Dies habe sich in einer Belebung der Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte widergespiegelt, auch wenn diese insgesamt weiter verhalten ausgefallen sei. Allerdings befürchtete die EZB Gegenwind durch frühere Zinserhöhungen. Diese würden sich weiterhin auf den Kreditbestand auswirken und könnten die Auswirkungen der Leitzinsen auf ihrem Weg nach unten begrenzen. Dennoch gäbe es gute Gründe für Zinssenkungen. Obwohl höhere Energiepreise die Gesamtinflation nach oben treiben dürften, lasse der zugrunde liegende Preisdruck weiter nach. Die Inflation bei Dienstleistungen sei im Februar endlich gesunken und setze diesen Trend fort, während die Löhne bis zum Jahresende voraussichtlich wieder auf ihr Niveau vor der Pandemie zurückfallen würden. Die Konjunktur dürfte sich in diesem Jahr weiter verbessern, angetrieben durch einen stärkeren privaten Konsum und möglicherweise einen Stimmungsschub durch die Ankündigung des Investitionspakets in Deutschland. Dennoch dürfte die konjunkturelle Entwicklung so verhalten bleiben, dass die EZB weitere Unterstützung leisten könnte. Man dürfe nicht vergessen, dass die angedrohten US-Zölle ein erhebliches Risiko für das Wachstum in Europa darstellen würden. Tatsächlich sei die Abwärtskorrektur der Wachstumsprognose der EZB ausschließlich auf die hohe handelspolitische Unsicherheit sowie auf die allgemeine politische Unsicherheit zurückzuführen.

Eine Frage, die auch Christine Lagarde auch bei der jüngsten Pressekonferenz gestellt worden sei. Die gestiegenen Haushaltsausgaben in Deutschland, insbesondere für die Infrastruktur, würden durchaus positiv auf die mittelfristigen Wachstumsaussichten wirken. Es sei jedoch wichtig, zunächst einen Schritt zurückzugehen und die bekannten und unbekannten Faktoren in dieser Phase zu bewerten. Die neue Bundesregierung plane, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen und zu diesem Zweck die Schuldenbremse zu reformieren. Darüber hinaus sei ein Sonderinvestitionsfonds für Infrastruktur in Höhe von 500 Milliarden Euro vorgeschlagen worden. Das seien alle derzeit verfügbaren Informationen. Allerdings benötigten diese Maßnahmen noch die Zustimmung des Parlaments sowie eine konkrete Umsetzung, bevor sie sich auf Wachstum oder Inflation auswirken könnten. Es überrasche daher kaum, dass Frau Lagarde diese Unsicherheit in ihrer Einschätzung einfließen ließe – schließlich könnte sich die Geldpolitik aktuell nicht auf ein so hohes Maß an Unabwägbarkeiten stützen. Dennoch sei es sinnvoll, mittelfristig mit einem Wachstumsschub zu rechnen, der in erster Linie aus dem Infrastrukturplan resultieren würde, zusammen mit einem potenziellen Inflationseffekt in den Jahren 2026-27.

Die revidierte Basislinie für den Leitzins der EZB liege daher für Ende 2025 bei zwei Prozent, gegenüber den vorher angenommenen 1,75 Prozent. Die Argumente für eine Senkung der EZB unter zwei Prozent bis zum Jahresende erschienen vor dem aktuellen Hintergrund schwächer. Die EZB entscheide sich wahrscheinlich dafür, bei zwei Prozent zu bleiben, wenn ihre Prognosen auf eine höhere Inflation in den kommenden Jahren hindeuteten, anstatt die Zinsen 2026 erneut zu erhöhen. Die Anpassung der Prognose werde hauptsächlich von zwei Faktoren bestimmt: 1. Die Wachstumsrisiken im Jahr 2025 seien weniger nach unten geneigt. 2. Die Annahme über den Risikomanagementansatz der EZB, weil sich die Währungshüter einer neutralen Politik näherten und die Fiskalpolitik expansiver werde. Allerdings zögere die EZB auch nicht, den Leitzins bei Bedarf unter zwei Prozent zu senken, etwa aufgrund der Einführung neuer Zölle, die dem europäischen Wachstum in diesem Jahr schaden könnten. (Ausgabe vom 07.03.2025) (10.03.2025/alc/a/a)


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