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11.10.24 08:30
EZB: "Und Sie bewegt sich doch!"

Wien (www.anleihencheck.de) - Eine (weitere) Zinssenkung der EZB im Oktober ist für uns nun gesetzt, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Die Analysten würden neben den jüngsten Inflationsdaten vielerlei valide Gründe und interessante Hintergründe für den erhöhten Grad der geldpolitischen Flexibilität bei der Euronotenbank sehen, die dem Euroraum in Summe guttut.

Nach der letzten EZB-Zinssenkung im September habe es noch so ausgesehen, als wolle sich der EZB-Rat nicht auf eine klare Richtungsaussage in Bezug auf weitere und baldige Zinsschritte festlegen. Weiters sei damals noch ein klarer Fokus auf die erhöhte Dienstleistungsinflation erkennbar gewesen. Allerdings sei auch immer klar gewesen, dass die EZB datenabhängig agieren würde.

Die offizielle Verlautbarung nach der EZB-Sitzung im September sei zudem natürlich ein "machtpolitischer" Kompromiss im EZB-Rat zwischen Falken und Tauben gewesen; letztere hätten gerne schon früher mit der Zinssenkungsrunde gestartet, mit den Zinserhöhungen früher aufgehört und würden das aktuelle Zinsniveau als eindeutig zu restriktiv ansehen. Aber nun hätten die Daten gesprochen, die Lage habe sich geändert, und die EZB bewege sich nun schneller in Richtung Zinssenkungen, auch im Oktober. Prinzipiell sei so ein Grad der geldpolitischen Flexibilität in Zeiten erhöhter Konjunkturrisiken sinnvoll und bedeute zudem eine Rückkehr zu traditioneller Geldpolitik ohne lange Vorfestlegungen ("forward guidance") - auch gegenüber den Finanzmarktteilnehmern.

An der Inflationsfront sei viel Entspannung angesagt. Im September habe die Euroraum-Inflation nach unten überrascht, auch die Dienstleistungspreisinflation. Die Kerninflation bei den Dienstleistungen sei zwar nur auf 4,0 % zurückgegangen (4,1 % im August), doch die zugrunde liegende Dynamik habe deutlicher nachgelassen. Die entscheidende Frage sei, ob dies der Beginn einer ausgeprägteren Disinflation bei den Kerndienstleistungen sei - wie es die Frühindikatoren vermuten lassen - oder die Preisdynamik wieder ansteigen würde. Ein Monat mit guten Daten ergebe noch keinen Trend und reiche normalerweise nicht aus, um eine Zentralbank zum Handeln zu veranlassen. Aber die Analysten würden glauben, dass es dieses Mal der Fall sei.

Zudem sei zu betonen: Am Finanzmarkt gelte der Inflationsschock im Euroraum als abgehakt. Die am Markt gepreisten mittel- und längerfristigen Inflationserwartungen befänden sich aktuell eindeutig im Zielbereich der EZB. Auch die mittelfristigen Inflationsprognosen externer Beobachter für den Euroraum (2025) seien nun näher am EZB-Zielwert und wiesen eine deutlich geringere Streuung als in der Vergangenheit und sogar vor ein paar Monaten auf. Insofern habe die EZB in Bezug auf ihr klares geldpolitisches Inflationsmandat bzw. ihr "robustes Inflationskontrollmandat" geliefert und könne nun den Grad der geldpolitischen Restriktion weiter zurücknehmen. Soweit die Zahlen. Die jüngsten Äußerungen von Notenbankvertretern im Euroraum, auch von "zentristischen" (französischer Notenbankpräsident) und falkenhaften Akteuren, deuteten ebenso auf Zinssenkungen hin.

In Summe dürfte die schwierige Konjunkturlage im Euroraum, eine schwächere Inflation und die taubenhafte Ausrichtung der Zinsmärkte - gerade nach der Fed-Überraschung - zu einer weiteren EZB-Zinssenkung bereits im Oktober führen. Zudem preise der Markt derzeit einen eher taubenhaften EZB-Zinspfad ein, und angesichts der Tatsache, dass sich die kurzfristige Inflationsrate bereits unter 2 % eingependelt habe, möchte die EZB möglicherweise nicht riskieren, den Markt mit einer falkenhaften Haltung zu überraschen. Eine Nicht-Senkung im Oktober wäre nun so eine Überraschung.

Des Weiteren sind im Jahresverlauf 2024 weitere aggressive Zinssenkungen der Fed nicht auszuschließen (unser Basisszenario sieht die US-Leitzinsen um mindestens 75 Basispunkte bzw. 0,75% sinken bis Jahresende), so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG. Insofern täte die EZB nach Erachten der Analysten gut daran, weiter einen bestimmten und gemäßigten Kurs zu signalisieren und eventuell der Fed im Oktober wieder vorauszulaufen. Die Analysten würden neben dem Oktober auch im Dezember eine EZB-Zinssenkung um 25 Basispunkte erwarten. Sie würden weiterhin von einem vierteljährlichen Zinssenkungszyklus im ersten Halbjahr 2025 ausgehen. Sollte das aktuelle disinflationäre Momentum bei der Dienstleistungsinflation anhalten, sei ein schnelleres Vorgehen jedoch nicht auszuschließen.

Die jüngsten Entwicklungen nach der September-Zinssenkung deuteten auch auf einen "gesünderen" geldpolitischen Diskurs im EZB-Rat unter der amtierenden EZB-Präsidentin Lagarde hin. Ihr Vorgänger habe sich teils explizit im taubenhaften Lager positioniert, gerne lange Vorfestlegungen getroffen, und falkenhafte Geldpolitiker hätten sich isoliert gefühlt. Der aktuellen EZB-Präsidentin Lagarde könne zwar ein leicht taubenhafter Bias zugeschrieben werden, in der Inflationskrise habe sie sich jedoch klar und richtigerweise ins falkenhafte Lager geschlagen. In den letzten Wochen scheine das Taubenlager in der EZB wieder etwas an Gewicht gewonnen zu haben. Den Vertretern dieser Denkweise seien die bisherigen Zinssenkungen zu spät gekommen, und sie verwiesen auf die schwache Kredit- und Konjunkturentwicklung im Euroraum. Nichtsdestotrotz würde ein moderater Zinsschritt um 25 Basispunkte weiterhin Wachsamkeit an der Inflationsfront signalisieren und wäre ein guter Kompromiss zwischen Falken und Tauben.

Im Lichte des zuvor Gesagten sähen die Analysten es auch als Vertrauensbeweis in die "neue" EZB-Entscheidungsfindung an, dass auch dedizierte geldpolitische Falken (Bundesbank-Präsident Nagel) einen Zinsschritt im Oktober de facto ermöglichen würden; den Perma-Hawk und österreichischen Notenbankgouverneur mal außen vor gelassen. Die Analysten würden denken, dass die erkennbar gestiegene Flexibilität im EZB-Rat über geldpolitische Lager hinweg der EZB selbst sowie vor allem der europäischen Wirtschaft guttäte. Zudem gelte: Die aktuelle Wirtschaftsschwäche im Euroraum sei gerade auch in sog. (westeuropäischen) "Kernländern" mit traditionell falkenhafterer Ausrichtung ihrer nationalen Notenbankvertreter konzentriert (Deutschland, Finnland, Österreich, teils Baltikum), was eine Oktoberzinssenkung auch erleichtern sollte. (11.10.2024/alc/a/a)


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