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21.12.22 10:48
Auf dem Weg zu einem anders gearteten Finanzsystem

Brüssel (www.anleihencheck.de) - 2022 war ein volatiles Jahr für die Devisen-, Zins-, Anleihe- und Aktienmärkte, so Peter De Coensel, CEO von Degroof Petercam Asset Management (DPAM).

Die unerbittliche Verschärfung der Finanzierungsbedingungen durch die Zentralbanken habe die Teilnehmer in eine neue Realität katapultiert. Zugegebenermaßen fehlt es uns an historischen Erfahrungen, wie sich die Märkte entwickeln könnten, wenn sie mit den kombinierten Auswirkungen von Bilanzverkürzungen und Leitzinserhöhungen konfrontiert werden, so De Coensel.

Dennoch würden die Konturen eines anders gearteten Finanzmarktsystems immer deutlicher. Das Ökosystem, das man erkennen könne, weise die folgenden Merkmale auf.

Erstens gehen die Experten von DPAM von einem kontrollierten Zustand mit geringer Volatilität in ein unkontrolliertes, unangenehm hochvolatiles Umfeld über. Die Volatilität werde durch die anhaltende geopolitische Unsicherheit, die nicht mehr bipolar, sondern multipolar sei, auf einem hohen Niveau gehalten. Die Märkte würden sich auf sanktionsbewehrte Investitionsentscheidungen einstellen.

Dieser Umstand werde die Nachfrage nach weit Out-of-the-Money liegenden Optionen auf den Zins-, Anleihe-, Aktien- und Devisenmärkten aufrechterhalten. Die Ergebnisverteilung auf den jeweiligen Märkten werde in den nächsten zehn Jahren "fat tails" aufweisen. Die Volatilität werde für Haushaltsungleichgewichte sorgen, die langlebig sein würden.

Diese Realität werde die Debatte über die Tragfähigkeit der Verschuldung weiter anheizen. Entsprechende Schlagzeilen würden Risikovermeidungsstrategien fördern. Umstrukturierungen würden Teil des Lösungsansatzes sein, statt einer QE-Politik, die wahllos schütze und abschirme. Das volatilitätsdämpfende QE-Instrument - der groß angelegte Ankauf von Vermögenswerten - werde in absehbarer Zeit kein Comeback erleben, da die Zentralbanken die Kontrolle über ihr zinspolitisches Instrument zurückerlangt hätten. Man sollten daran denken, dass QE nur relevant werde, wenn die Leitzinsen an der Nullgrenze liegen würden.

Über einen Zeitraum von acht Jahren, von Ende 1996 bis 2004, habe der VIX-Index für die Aktienvolatilität im Durchschnitt bei 23,3 gelegen, während der S&P 500 Total Return Index im gleichen Zeitraum eine annualisierte Rendite von über 8% erzielt habe. Der MOVE-Index, der die US-Zinsvolatilität messe, habe im selben Zeitraum bei durchschnittlich 103 gelegen. Am vergangenen Freitag habe der VIX knapp unter 23 geschlossen, während der MOVE-Index bei 113 gelegen habe. Dies deute darauf hin, dass man sich an eine derart hohe Volatilität gewöhnen müsse.

Langfristig orientierte Anleger müssten den Portfoliowert stabilisieren, um für Panikattacken gerüstet zu sein. Und gleichzeitig in hochwertige festverzinsliche Sektoren umschichten, sobald die relativen Bewertungen von Anleihe- und Aktiensektoren überzogen seien.

Die einfache Kombination von attraktivem festverzinslichem Carry pro Volatilitätseinheit und attraktivem Aktienwert pro Volatilitätseinheit sei wieder da. Zweitens würden die Primärmärkte weniger schwungvoll sein. Die Volumina von Investment-Grade- und High-Yield-Krediten seien schwach bzw. schrumpfend. Das Volumen der weltweiten Börsengänge sei im dritten Quartal 2022 gegenüber 2021 um etwa 44% zurückgegangen. Der US-Markt sei auf dem besten Weg, die niedrigsten IPO-Erlöse seit 2003 zu erzielen.

Wir befinden uns eindeutig in einer Marktsituation, die den seit der großen Finanzkrise vorherrschenden Trend in Frage stellt (d.h. einen Trend zur Disintermediation, bei dem der Bankensektor in den Hintergrund trat), so De Coensel. Gebe es ein Comeback der traditionellen Intermediation durch Banken? Wenn die Leitzinsen bei etwa 5% in den USA oder 3% in der EU liegen würden, stelle sich die Frage, ob Verbriefungen florieren würden. Die Vergabe von fremdfinanzierten Krediten (CLOs) könnte zu einer Herausforderung werden, da die Ausfallwahrscheinlichkeiten an den Rändern bei angespannten finanziellen Bedingungen steigen würden.

Weniger lebhafte Primärmärkte würden zu weniger liquiden Sekundärmärkten führen. Die Risikobudgets der Sell-Side-Liquiditätsanbieter für den Handel mit Krediten am Sekundärmarkt seien im März 2020 stark beeinträchtigt worden. Man könne beobachten, dass selbst kleine Volatilitätssprünge zu überproportionalen Rückgängen bei der Liquiditätsbereitstellung führen würden. Die Transaktionsintensität auf der Käuferseite sei der Bereitschaft der Liquiditätsanbieter auf der Verkäuferseite ausgeliefert.

Drittens: die Regulierung durch die Aufsichtsbehörden zum Schutz der Anlegerinteressen bewege sich an einer fragilen Grenze. Werde diese Grenze überschritten, könnte dies zu Lasten der Liquidität und der Chancen der Endanleger gehen. In der Tat könnten die öffentlichen Märkte für Kreditnehmer und Unternehmer bei der Beschaffung von Finanzmitteln weniger interessant werden. Die Anziehungskraft der Finanzierung auf dem privaten Markt könnte von hier aus weiter zunehmen.

Oder: öffentliche Märkte könnten sich zurückentwickeln. Am Rand und auf lange Sicht könnten die öffentlichen Märkte weniger diversifiziert, stärker konzentriert und langfristig möglicherweise volatiler werden.

Der Integration von ESG-Faktoren und dem damit einhergehenden potenziellen Blasenrisiko sollte bei der Struktur und dem Aufbau der Portfoliozusammensetzung mehr Beachtung geschenkt werden. Endanleger und Fondsselektoren sollten ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf Due-Diligence-Prüfungen bei Investmentprozessen und die daraus resultierenden Portfolioergebnisse richten.

Aktive qualitativ hochwertige Anlagelösungen hätten Potenzial und könnten attraktiver werden als Beta-Lösungen. Letztere würden nach Marktkapitalisierung gewichtete Indices replizieren. Die Experten von DPAM möchten noch einmal betonen, dass ein Engagement in den am höchsten verschuldeten Ländern und Unternehmen oder in Aktienmärkte mit der größten Marktkapitalisierung durch passive oder ETF-Lösungen leicht zu suboptimalen Anlageergebnissen führen kann.

Mit dem Ende der COVID-bedingten Volatilität an den Märkten treten wir in eine neue Realität ein, die geprägt sein wird von höherer Volatilität, geringerer Liquidität und Markttreibern, die stärker regulierungsanfällig sind, so De Coensel.

2022 sei ein entscheidendes Jahr für die Struktur der Finanzmärkte gewesen. Die Zentralbanken seien zu ihrem historischen Mittelwert zurückgekehrt. Die Fiskalpolitik werde überstrapaziert und regulatorische Spannungen seien allgegenwärtig. Alles zusammengenommen führt uns in eine neue Ära für die Finanzmärkte. Eine Entwicklung, mit der wir uns im Jahr 2023 und darüber hinaus auseinandersetzen müssen, so De Coensel. (21.12.2022/alc/a/a)


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