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12.12.22 11:56
Notenbanken - "Don't fight the FED"

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Explodierende Inflationsraten haben die Notenbanken der großen Industrieländer in diesem Jahr zu einem scharfen Kurswechsel gezwungen, so Prof. Dr. Jan Viebig, Chief Investment Officer der ODDO BHF SE.

Im Jahresverlauf würden sich die Zinserhöhungen in den USA bisher auf 375 Basispunkte addieren, im Euroraum auf 200 Basispunkte. Wenn sich die Notenbanker beider Zentralbanken diese Woche zu ihren letzten Treffen des Jahres zusammenfinden würden, würden sie ein weiteres Mal an der Zinsschraube drehen. Der US-Leitzins werde in der nächsten Woche aller Voraussicht nach um 50 Basispunkte erhöht. Das Zielband würde damit 4,25 bis 4,50% erreichen, das Tempo der Erhöhungen nach vier 75bp-Schritten erstmals vermindere. Die EZB gebe sich hinsichtlich der Schrittgröße noch etwas bedeckt, scheine das Tempo der Zinserhöhungen aber ebenfalls auf 50bp drosseln zu wollen. Damit würde der Einlagensatz der EZB zum Jahresende bei 2,00%, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,50% stehen. Langsamere Zinserhöhungen würden jedoch nicht bedeuten, dass der Zinserhöhungszyklus bereits zu Ende sei. Beide Notenbanken würden derzeit betonen, dass die aktuelle Inflationsentwicklung und das wirtschaftliche Umfeld keine Entwarnung geben würden.

Die Märkte würden derzeit damit rechnen, dass der US-Leitzins im Laufe des zweiten Quartals 2023 bei knapp unter 5% seinen zyklischen Höhepunkt erreichen werde. Angesichts der hohen Inflation bleibe Viebig jedoch skeptisch, dass es damit getan sein werde. Der Rückgang der Inflationsrate dürfte sich in Europa merklich langsamer vollziehen als in den USA. Die Erzeugerpreise in der Eurozone seien im September 2022 noch um 41,9% gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Hohe Erzeugerpreise würden sich typischerweise zeitverzögert auf die Verbraucherpreise überwälzen. Viebig gehe daher momentan davon aus, dass der Einlagensatz der EZB im Laufe des nächsten Jahres auf über 3% steigen werde.

Neben den Zinserhöhungen stünden andere Entscheidungen der europäischen Notenbank an, die oftmals übersehen würden, aber einen großen Einfluss auf die Finanzmärkte hätten: Der EZB-Rat werde in diese Woche darüber entscheiden, wie die EZB ihre enorm hohen Anlagebestände zurückführen werde. In den USA sei die Federal Reserve bereits dazu übergegangen, die stark gestiegenen Anleihebestände von zuletzt 8,3 Billionen US-Dollar Monat für Monat um 95 Mrd. US-Dollar abzubauen. Anders als die FED bleibe die EZB bei der Reduzierung ihrer ebenfalls rekordhohen Anleihebestände weiterhin vage: Es solle vorerst nur um die konzeptionelle Vorbereitung eines "Quantitative Tightenings" (QT) gehen. Nach Ausführungen des Chefvolkswirts der EZB, Philip Lane, wolle die EZB wohl keine Verkäufe vornehmen, sondern die Bestände entsprechend der Fälligkeiten abschmelzen lassen. Viebig erhoffe sich eine klarere Kommunikation der EZB dazu in dieser Woche. Der Grund für die Zurückhaltung der EZB bei der Reduzierung ihrer Anleihebestände sei offensichtlich, dass ein rascher Verkauf von Anleihen zu einer Renditeausweitung italienischer Anleihen und eine Belastung auch für andere hochverschuldete EU-Mitgliedstaaten werden könnte. Und an hochverschuldeten Staaten herrsche kein Mangel in der Eurozone.

Steigende Zinsen und die Rückführung der Anlagebestände durch die Notenbanken seien zentrale Risiken für Eigentümer langlaufender Staatsanleihen. Die Zinsstrukturkurve stehe bereits wieder auf dem Kopf: In den USA seien die 2-jährigen Zinsen mit rund 4,3% bereits deutlich höher als die 10-jährigen Zinsen in Höhe von rund 3,5%. Der Unterschied zwischen den 2-jährigen und den 10-jährigen Zinsen in den USA sei derzeit so hoch wie seit 40 Jahren nicht mehr. In den letzten 50 Jahren sei eine inverse Zinsstrukturkurve ein verlässlicher Indikator für eine Rezession gewesen. Die Marktteilnehmer würden derzeit darauf wetten, dass die FED die Zinsen bereits ab Juni 2023 aufgrund der zu erwartenden Rezession wieder senken werde. Wenn sie sich da nicht täuschen würden: Falle die Rezession in den USA - wie die Mehrzahl der Ökonomen derzeit erwartet - milde aus, dann würden die Leitzinsen in einem Stagflationsszenario länger hoch bleiben, als es die Märkte derzeit erwarten würden.

Unsere Anlagepolitik bleibt klar: Wir halten die Duration weiter kurz, da wir von weiteren Leitzinserhöhungen durch die Zentralbanken ausgehen: "Don't fight the FED", so Prof. Dr. Jan Viebig, Chief Investment Officer der ODDO BHF SE. Zudem würden die Experten verstärkt in Unternehmensanleihen mit kurzen Laufzeiten investieren, da diese bereits wieder interessante Renditen aufweisen würden. Unternehmensanleihen seien oftmals dann interessant, wenn eine Rezession begonnen habe, die Renditeaufschläge bereits stark gestiegen seien und mögliche Kreditausfälle bereits eingepreist seien. Das Jahr 2023 könnte zu einem interessanten Jahr werden für die Eigner von Unternehmensanleihen angesichts der zuletzt stark gestiegenen Renditeaufschläge. Wo Risiken seien, da gebe es halt immer auch Chancen. (Ausgabe vom 09.12.2022) (12.12.2022/alc/a/a)



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