Wien (www.anleihencheck.de) - "Nur wenn die Flut zurück geht, sieht man, wer keine Badehose trägt", wird Warren Buffet sinngemäß zitiert. Umgelegt auf Geldpolitik und Asset Allocation könnte man übersetzen, dass in Zeiten des lockeren Geldes die Fundamentaldaten in den Hintergrund treten, so Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen KAG.
Erst wenn die geldpolitischen Zügel angezogen würden, kämen die Fehlbewertungen zum Vorschein und das am stärksten dort, wo sie am größten seien. Der Absturz der Technologieaktien Anfang der 2000er sowie des Immobiliensektors während der Großen Finanzkrise seien gute Beispiele aus der Vergangenheit. Rückblickend werde man sich an das Jahr 2022 wohl noch lange als jenes mit dem Anleihen-Crash erinnern. Offensichtlich seien Anleihen in diesem Zyklus jenes Segment mit der wahrgenommen größten Überbewertung. Angesichts einer negativen Rendite für eine 30-jährige Anleihe noch vor einem Jahr ist man geneigt zuzustimmen.
Das Schöne an Anleihen sei jedoch, dass die Verluste über eine nunmehr höhere Rendite wieder aufgeholt würden. Voraussetzung dafür sei, dass die Renditen nicht noch weiter steigen würden. Dies sei für 2023 nicht zu erwarten. Eine schwache Wirtschaft, sinkende Inflationsraten und das Ende der Zinsanhebungen würden für fallende Renditen sprechen. Für Staats- und Unternehmensanleihen komme man damit auf attraktive Ertragserwartungen. Schwer zu vermitteln möglicherweise nach den Entwicklungen des aktuellen Jahres, aber antizyklisches Investieren sei nicht nur bei Aktien der richtige Zugang.
Apropos Aktien: hier sei kurzfristig noch Zurückhaltung geboten. Die weitere Abkühlung der Weltwirtschaft sowie deren Auswirkung auf die Unternehmensgewinne scheinen noch nicht vollumfänglich verdaut zu sein. Ein volatiler Jahresbeginn stehe somit bevor. Insbesondere im zweiten Halbjahr sei aber auch für Aktien mit einer Erholung zu rechnen, spätestens wenn sich die Notenbanken mit dem dann erreichten Zinsniveau zufrieden geben würden.
Weiterhin würden die Experten Euro-Investmentgrade-Non-Financials-Anleihen positiv sehen und ihre Position von kurz laufenden Investmentgrade-Unternehmensanleihen erhöhen. Gleichzeitig würden sie Bankanleihen gegenüber Non-Financials-Anleihen als bessere Wahl betrachten. Ebenso würden sie deutsche Pfandbriefe gegenüber Euro-Staatsanleihen bevorzugen. Der Ratingtrend habe sich zuletzt verschlechtert, die Ausfallsratenschätzungen der Ratingagenturen seien gestiegen und Banken seien bei ihrer Kreditvergabe deutlich restriktiver geworden. Dies dürfte vor allem Euro-High-Yield- Unternehmen negativ belasten, weshalb die Experten bei dieser Anleiheklasse vorsichtig positioniert seien.
Die Renditen und Risikoprämien von Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen seien seit Ende Oktober deutlich gesunken. Wirtschaftsindikatoren in diesen Regionen würden sich nach Meinung der Experten (z.B. PMI's, Eco Surprise Indices) noch besser als in der Euro-Zone oder den USA präsentieren, wobei vor allem die hohen Rohstoffpreise verantwortlich seien, die tendenziell vor einer Korrektur stehen dürften. Sie würden hier neutral positioniert bleiben.
Die internationalen Aktienmärkte hätten sich in den letzten Wochen, angetrieben von der Hoffnung auf ein baldiges Ende der Zinsanhebungen, deutlich erholen können. Die Experten würden das restriktiver werdende Liquiditätsumfeld unverändert als einen der größten Belastungsfaktoren für die nächsten Monate sehen. Die Gewinnaussichten der Unternehmen hätten sich zuletzt überraschend stark präsentiert. Die Experten hätten ihre vorsichtige Positionierung im Aktienbereich etwas zurückgenommen.
Einmal mehr zeige sich, dass eine pluralistisch geprägte Gesellschaft mittelfristig zu effizienteren Ergebnissen gelange als eine Diktatur: Möge die Covid-Politik des Westens anfangs als erratisch und nicht ausgeklügelt erschienen sein, zeige sich, dass die diktatorische Zero-Covid-Politik Chinas das Virus nicht zum Verschwinden gebracht habe, eine wirksame Impfung in China nicht geschafft worden sei und man daher vermeintlich wieder am Beginn stehe. Auch die ökonomischen Schmerzen seien nur verlängert worden. Daher würden die Zeichen einer Lockerung nun vom Markt positiv interpretiert.
Die Rohstoffmärkte hätten zuletzt seitwärts tendiert. Während der Energiebereich deutliche Verluste habe hinnehmen müssen, hätten sich Industriemetalle und Edelmetalle fester präsentiert. Bei den Edelmetallen habe die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Zinsanhebungen die Stimmung unterstützt. Trotz einer unverändert angespannten Angebotssituation hätten im Energiebereich Ängste vor einem stärkeren Nachfragerückgang belastet. (09.12.2022/alc/a/a)
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