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10.12.21 10:00
Credit Ratings im Aufwind

London (www.anleihencheck.de) - 2021 war ein merkwürdiges Jahr für den Sport, in dem die Fußball-Europameisterschaft 2020 und die Olympischen Spiele 2020 den Titel des Vorjahres trugen, so Tom Ross und Tim Winstone, Fixed-Income-Portfoliomanager bei Janus Henderson Investors.

Nach Ansicht der Experten habe sich in der Welt der Unternehmenskredite etwas Ähnliches ereignet: Die Emittenten von Anleihen hätten immer noch das Credit Rating des vergangenen Jahres.

Als sich das Coronavirus 2020 ausgebreitet habe, sei befürchtet worden, dass die Unternehmen durch die Schließung von Teilen der Wirtschaft geschwächt würden. Viele Unternehmen hätten die Kapitalmärkte genutzt, um die schwierigen Zeiten der Umsatzeinbußen zu überbrücken. Dabei habe es sich entweder um von Aktionären aufgenommenes Eigenkapital, um Bankdarlehen oder um Fremdkapital aus Anleiheemissionen gehandelt. Der Verschuldungsgrad sei sowohl bei Emittenten von Investment-Grade- als auch von High-Yield-Anleihen insgesamt angestiegen. Die Rating-Agenturen hätten versucht, die Corona-Schwierigkeiten zu erkennen, aber bei so viel Ungewissheit habe die Kreditwürdigkeit der Unternehmen an dem gemessen werden müssen, was offensichtlich gewesen sei.

Infolgedessen sei 2020 ein Jahr gewesen, in dem die Downgrades von Credit Ratings die Upgrades bei weitem überstiegen hätten. Allein in den USA sei das Verhältnis zwischen Herauf- und Herabstufungen auf den niedrigsten Stand der letzten zehn Jahre gesunken.

Im Jahr 2021 sei es mit einem Verhältnis deutlich über 1 zu einer starken Erholung gekommen, was bedeute, dass es mehr Upgrades als Downgrades gebe. Der Anstieg sei auf die Erholung des Cashflows und der Gewinne der Unternehmen zurückzuführen. Die Bilanzen hätten sich verbessert, da die Unternehmen das Niedrigzinsumfeld zur Refinanzierung zu günstigen Zinssätzen genutzt hätten.

Diese positive Dynamik bei der Bonitätsbewertung habe starke Auswirkungen auf die Aussichten für "Rising Stars" - Emittenten, die den Sprung von High Yield zu Investment Grade schaffen würden. In der Regel handele es sich dabei um graduelle Steigerungen, da die Ratingagenturen die Bonität einer Anleihe schrittweise um ein oder zwei Stufen anheben würden, beispielsweise von BB- auf BB+ und dann auf BBB- (am Beispiel der S&P-Methode).

2020 habe es so viele Herabstufungen gegeben, dass ein Pool von Unternehmen entstanden sei, die knapp unter Investment Grade lägen und potenziell reif für eine Anhebung auf Investment Grade seien. J.P. Morgan gehe davon aus, dass weltweit Anleihen im Wert von bis zu 277 Mrd. US-Dollar bis Mitte 2023 in den Investment-Grade-Status überführt werden könnten (sofern es nicht zu einem weiteren wirtschaftlichen Schock komme).

Warum sei das wichtig? Nun, für Anleiheemittenten bestehe nach wie vor ein erheblicher Kostenunterschied zwischen einem High-Yield-Rating und einem Investment-Grade-Rating. So betrage der durchschnittliche Credit Spread einer BB-gerateten High-Yield-Anleihe 218 Basispunkte (bps) gegenüber 115 bps für eine BBB-geratete US-Anleihe mit Investment-Grade-Rating. Dies entspreche einer Spread-Differenz (218 minus 115) von 103 bps. In Europa sei das Spread-Gefälle sogar noch deutlicher: Anleihen mit BB-Rating würden im Durchschnitt mit einem Spread von 256 Basispunkten gehandelt, verglichen mit 114 Basispunkten für die BBB-Kategorie. Tatsächlich sei das Spread-Verhältnis (BB-Spread dividiert durch BBB-Spread) historisch gesehen relativ hoch, was auf einen besseren Wert von Anleihen mit BB-Rating im Vergleich zu Anleihen mit BBB-Rating schließen lasse.

Diese Spread-Differenzen von 100 Basispunkten oder mehr böten potenzielle Möglichkeiten, von einer Spread-Verengung zu profitieren, sobald einige Anleihen im Credit-Ranking steigen würden. Dies könne eine Win-Win-Situation sowohl für die Anleger (da bestehende Anleihen bei einem Renditerückgang höher bewertet würden) als auch für das emittierende Unternehmen (da die Kosten der Kreditaufnahme sinken würden) darstellen.

Die Gründe für Heraufstufungen seien vielfältig. So sei beispielsweise Fiat Chrysler im Januar 2021 heraufgestuft worden, da das Unternehmen mit Peugeot, das besser bewertet gewesen sei, fusioniert habe, um Stellantis zu gründen. Außerdem sei die Aktie in der Erwartung hochgestuft worden, dass sich die Automobilindustrie von dem Corona-Abschwung erholen würde.

Der brasilianische Fleischverarbeiter JBS sei im November 2021 wegen der starken Nachfrage nach Proteinen aufgrund der sich erholenden US-Wirtschaft und des positiven freien Cashflows hochgestuft worden.

Für einige Unternehmen seien die Auswirkungen von Corona und die damit verbundenen Lockdowns auch positiv gewesen, da sie zu einer Umstellung des Konsumverhaltens geführt hätten. Einer der größten Profiteure sei Netflix gewesen, das einen massiven Anstieg der Abonnentenzahlen verzeichnet habe, da viele Haushalte aufgrund mangelnder externer Unterhaltungsangebote mehr Netflix-Inhalte konsumiert hätten. Infolgedessen habe S&P Netflix im Oktober 2021 auf Investment Grade hochgestuft und dies mit den sich verbessernden Margen und den positiven Cashflow-Erwartungen des Unternehmens begründet.

Die Identifizierung potenzieller Kandidaten für eine Heraufstufung könne sich daher für Anleger als gewinnbringend erweisen und sei einer der Gründe, warum der Übergangsbereich zwischen Investment Grade und High Yield nach Erachten der Experten wie vor einer der interessantesten Bereiche für Renditen im Fixed-Income-Bereich sei. (10.12.2021/alc/a/a)


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