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04.08.21 11:00
Tiefrote Realzinsen

Paris (www.anleihencheck.de) - Die Coronakrise hat das Finanzsystem gehörig durcheinandergebracht, so die Analysten der BNP Paribas in ihrer aktuellen Ausgabe von "Märkte & Zertifikate".

Um die Folgen der Pandemie abzufedern, hätten die Notenbanken ihre zuvor schon lockere Geldpolitik noch weiter gelockert. Da die Leitzinsen in vielen Ländern aber bereits vor der Krise auf historisch niedrigem Niveau verweilt hätten, hätten sich die Zentralbanken auf eine ausreichende Versorgung der Märkte mit Kapital konzentriert. Dafür hätten sie neue Anleihekaufprogramme aufgelegt oder ihre bestehenden Programme ausgeweitet.

So habe die Europäische Zentralbank (EZB) ihr unter dem Kürzel PEPP bekanntes Anleihekaufprogramm in der Krise um eine halbe Billion auf 1,85 Billionen Euro erhöht. Noch etwas aggressiver sei die US-Notenbank (FED) zu Werke gegangen, die zu Beginn der Krise Wertpapierkäufe in unbegrenzter Höhe getätigt und ihre Bilanz innerhalb weniger Wochen nach Ausbruch der Pandemie um rund 3 Billionen US-Dollar aufgepumpt habe. Seit Juni 2020 kaufe sie Wertpapiere im monatlichen Volumen von 120 Milliarden Dollar.

Gepaart mit den niedrigen Zinsen habe sich die globale Konjunktur schnell erholt. Experten hätten schon früh davor gewarnt, dass die geldpolitischen Maßnahmen zu einem kräftigen Anziehen der Inflation führen würden. Bedeutende Zentralbanken wie die FED und die EZB hätten ihre Geldpolitik vor der Krise an ein Inflationsziel gekoppelt. Um Preisstabilität zu gewährleisten, hätten sich beide Zentralbanken an einer Inflation nahe, aber unter 2 Prozent orientiert.

Der US-Notenbank sei früh bewusst gewesen, dass die Inflation durch ihre geldpolitischen Maßnahmen kräftig anziehen würde. Um zu verhindern, dass sie die Zinsen anheben müsse, bevor sich der US-Arbeitsmarkt nachhaltig von der Krise erholt habe, habe sie ihr Inflationsziel angepasst. Sie orientiere sich zwar weiterhin an einer Inflation von 2 Prozent, werde künftig aber zeitweise "moderat über dem Zielwert" liegende Inflationsraten tolerieren, wenn die Raten vorher aus ihrer Sicht zu niedrig gewesen seien. Notenbanker sprächen bei dieser geldpolitischen Strategie von einem symmetrischen Inflationsziel. Die EZB habe jüngst ebenfalls eine Anpassung ihrer Strategie vorgenommen und folge künftig im Großen und Ganzen dem Ansatz der US-Notenbank.

Wie erwartet hätten die Verbraucherpreise zuletzt auch kräftig angezogen. Doch das Ausmaß des mit der Wiedereröffnung der US-Wirtschaft nach der Coronakrise verbundenen Inflationsschubs habe selbst die US-Notenbank überrascht. Die US-Verbraucherpreise seien im Juni auf Jahressicht überraschend kräftig um 5,4 Prozent gestiegen und hätten Spekulationen auf eine vorzeitige Zinswende genährt. Bei einer Anhörung im US-Senat habe US-Notenbank-Chef Jerome Powell Mitte Juli eingeräumt, dass diese historisch betrachtet "einmalige" Teuerung höher ausgefallen sei als erwartet. Er habe dabei aber erneut das Wort "einmalig" betont, denn Powell gehe weiterhin davon aus, dass der Preisdruck vorübergehend sei. Die US-Notenbank denke daher weiterhin nicht über zeitnahe Zinserhöhungen nach.

Der amtierende US-Notenbank-Chef habe gegenüber seinen Vorgängern den Vorteil, dass der Inflationsdruck nicht wie in früheren Konjunkturphasen mit einem heiß laufenden Arbeitsmarkt einhergehe und er auf die zuletzt so stark gestiegenen Verbraucherpreise nicht reagieren müsse. Der US-Arbeitsmarkt habe sich zuletzt zwar kräftig erholt, doch liege die Beschäftigung noch weit unterhalb des Vorkrisenniveaus. Powell habe zuletzt immer wieder betont, dass die Entwicklung des Arbeitsmarkts für ihn höchste Priorität habe und dass es noch zu früh sei, über das Zurückfahren der Krisenhilfe nachzudenken.

Interessant sei dabei die Entwicklung der Realzinsen in den USA. Der Realzins gebe per Definition an, wie sich der Wert einer verzinsten Geldanlage oder Forderung unter Berücksichtigung der Veränderung der Kaufkraft (Inflation oder Deflation) tatsächlich entwickle. Wobei in diesem Kontext Inflation/Deflation als offizielle Jahresteuerungsrate respektive die jährliche Konsumentenpreisteuerung anhand eines fiktiven Warenkorbs definiert werde. Da zur Berechnung des Realzinses die Betrachtungszeiträume der Inflation/Deflation und der nominalen Zinsen identisch sein sollten, werde für den Nominalzins in diesem Fall die Entwicklung der US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von ebenfalls zwölf Monaten genommen. Bei einer jährlichen Rendite einjähriger US-Staatsanleihen von derzeit 0,08 Prozent und einer Jahresteuerung im Juni von 5,4 Prozent lasse sich ein US-Realzins von derzeit minus 5,04 Prozent errechnen. Tiefer habe der Realzins zuletzt 1980 notiert.

Die Realzinsen würden seit mehr als 35 Jahren kontinuierlich sinken. Das lasse die Vermutung zu, dass diese Entwicklung gewollt sei, denn ein negativer Realzins helfe den Verschuldeten, vor allem den hoch verschuldeten Staaten. Er reduziere ihre Schuldenlast, denn sie müssten kaufkraftbereinigt weniger zurückzahlen, als sie sich geliehen hätten. Um die weltweite Schuldenpyramide vor dem Einsturz zu bewahren, seien mittlerweile nicht nur extrem niedrige Nominalzinsen, sondern auch negative Realzinsen notwendig. Die Leidtragenden seien selbstverständlich die Anleger, die ihr Geld dem negativen Realzins aussetzen würden. Vor allem Sparer würden seit der Finanzkrise mit Ausnahme kurzer Phasen enorm an Kaufkraft verlieren.

Dass sich die Situation auf absehbare Zeit gravierend ändere, sei kaum zu erwarten. Vielleicht werde es 2023 oder sogar schon 2022 zu ersten Zinserhöhungen in den USA kommen, doch dürften diese eher kosmetischer Natur sein. Auch ein Zurückfahren der Anleihekäufe sei wohl frühestens gegen Ende des Jahres zu erwarten. Allerdings werde die Geldflut auch danach nicht völlig versiegen. Die USA seien hoch verschuldet und auf stetig frisches Kapital über die Anleihemärkte angewiesen. Auslaufende Anleihen müssten ständig neu aufgelegt werden, weshalb die US-Notenbank auch künftig Anleihekäufe in Milliardenhöhe tätigen werde. Realzinsen von mehr als minus 5 Prozent würden vielleicht kein Dauerzustand sein, doch werde man sich wohl an dauerhaft negativen Realzinsen gewöhnen müssen. (Ausgabe August 2021) (04.08.2021/alc/a/a)



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